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Selbsthilfegruppe : Mit Blindenstock und Humor

Claudia Müller aus Trier-Ruwer und Thomas Jäger aus Kordel sind blind. Eine Selbsthilfegruppe unterstützt sie bei ihrem wichtigsten Ziel: das Leben trotzdem selbst in die Hand zu nehmen.

Für die meisten beginnt der Morgen damit, dass sie sich nach dem Aufstehen das passende Outfit für den Tag heraussuchen. Mit der Gewissheit aus dem Haus zu gehen, dass Hose und Oberteil farblich zusammenpassen, ist für sie selbstverständlich.

Claudia Müller aus Ruwer und Thomas Jäger aus Kordel können dagegen ohne Hilfe nicht beurteilen, ob sich die Rotnuance des ausgewählten Pullovers mit dem Ton der Hose beißt. Denn die beiden sind blind. Kennengelernt haben sich die Freunde in der Trierer Regionalgruppe der Pro Retina.

Hier finden Blinde und Menschen mit Sehbehinderung Unterstützung, Beratungsangebote und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Die Selbsthilfegruppe zählt 92 Mitglieder im Alter von zehn bis 96 Jahren.

Regionalgruppenleiterin Marion Palm-Stalp ist es wichtig, dass Betroffene trotz schwerer Augenerkrankung ein lebenswertes Leben führen können: „Wichtig ist, dass man seine Lebensumstände der geänderten Situation anpasst. Dabei hilft die Pro Retina.“

Thomas Jäger hat sich auf der Suche nach der passenden Blindenorganisation nicht zuletzt wegen der Freizeitangebote für die Pro Retina entschieden: „Was gemeinsame Aktivitäten angeht, ist da mehr los als in anderen Gruppen“, findet er.

Thomas Jäger erblindete im Alter von zwei Jahren aufgrund eines Gehirntumors. „Meine früheste Kindheitserinnerung ist, dass ich immer gegen den Türpfosten gelaufen bin, weil ich wohl noch nicht mit meiner Blindheit vertraut war“, berichtet er lachend.

Daran, wie es ist zu sehen, erinnere er sich nicht. Jäger wohnt noch bei seinen Eltern, plant aber einen Umzug in eine Anlage für betreutes Wohnen. Der 39-Jährige arbeitet im Generalvikariat, wo er für die Archivierung der CD-Zeitschrift für Blinde verantwortlich ist.

Er findet: „Trier ist nicht blindengerecht.“ Viele Blindenampeln funktionierten zum Beispiel nicht. Auf der Ampelkreuzung hinter dem Alleencenter ist es Jäger vor allem am Morgen wegen der vielen Schüler zu unsicher.

Hier ist er auf die Hilfe seiner Eltern beziehungsweise der Bahnhofsmission angewiesen. Den Rest des Weges geht er allein. Abends begleitet ihn die Bahnhofsmission zum Zug nach Kordel.

Nach dem Abendessen geht es ans Musizieren: „Abends nach der Arbeit spiele ich erst einmal eine halbe Stunde Keyboard zur Entspannung“, erzählt Jäger.

Er kann jeden Ton, den er hört, genau bestimmen und spielt seit Jahren in einer Band. „Thomas lebt für die Musik“, bestätigt seine gute Freundin Claudia Müller. Die darf auch mal necken, dass Thomas im Gegensatz zu ihr gar nichts mehr sieht. Dafür hat er eben die musikalischeren Ohren.

Claudia Müller ist seit einem Schlaganfall vor fast genau einem Jahr mit einem Sehvermögen von höchstens zwei Prozent de facto blind.

Sehbehindert ist die 42-Jährige bereits seit zehn Jahren infolge einer Diabetes. Dass sie vor einem Jahr fast gestorben wäre und anschließend Laufen und Sprechen neu lernen musste, sieht man der 42-Jährigen heute kaum noch an.

„Ich habe mich ins Leben zurückgekämpft, ich war schon immer eine Kämpferin“, sagt sie. Dank Physio- und Logopädie kann sie heute sogar wieder am Blindentischtennis, dem sogenannten Showdown, teilnehmen. Im Alltag ist ihr vor allem Sohn Michael eine Hilfe. Der 20-Jährige unterstützt seine Mutter beispielsweise beim Kochen und Putzen.

Neulich ist Claudia Müller übrigens tatsächlich mit zwei verschiedenen Socken aus dem Haus gegangen. Ihr Sohn hatte sie ihr zurechtgelegt.

Weitere Informationen gibt es unter der Internetseite: www.pro-retina.de/trier, Kontaktaufnahme per Telefon: 06501/608364, E-Mail-Adresse lautet: pro-retina-stalp@gmx.de

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