Sexarbeiterin spricht über ihren Job und die Situation für Prostituierte in der Region

Kostenpflichtiger Inhalt: Prostitution : Sexarbeiterin spricht über ihren Job und die Situation für Prostituierte in der Region

Nicole Schulze bietet in ihrem Wohnmobil Sex gegen Geld an. Das Prostituiertenschutzgesetz schränke nicht nur die Rechte ihres Berufsstands ein, sondern stigmatisiere alle, die gerne und freiwillig ihren Körper verkaufen, sagt sie.

Als über den Handy-Nachrichtendienst WhatsApp die Einladung zum Klassentreffen kommt, ist Nicole Schulze dann doch ein bisschen mulmig zumute. „Jeder schrieb in die Gruppe, was er so macht und erreicht hat“, erzählt die 39-Jährige. Dann nimmt sie ihren Mut zusammen. „Nur, damit ihr es alle wisst: Ich bin Prostituierte – und das gerne.“ So was ähnliches habe sie in den Chat geschrieben. Schließlich stehe sie zu dem, was sie mache. „Für mich ist das eine ganz normale Arbeit.“

Ihr Arbeitsplatz, das ist die zum Bett umgebaute Sitzecke in ihrem Wohnmobil. Ein hellblaues Spannbettlaken, drei Kissen. An diesem Tag hat sie ihren Camper auf dem Mitfahrerparkplatz an der B 52 bei Mertesdorf geparkt.

Aufgewachsen ist Nicole Schulze in einem kleinen Dorf bei Wittlich. Nach ihrem Hauptschulabschluss zieht sie nach Köln und beginnt eine Ausbildung zur Arzthelferin. „Ausgerechnet bei einem Urologen“, sagt Schulze und lacht. Überhaupt lacht die dunkelhaarige Frau viel, die wasserblauen Augen wirken dabei jung. Ihr Gesicht verrät aber auch, dass sie bei aller Bereitschaft, über sich und ihren Beruf zu sprechen, nicht alles aus ihrem Leben preisgeben will.

So viel: Nach der Lehre arbeitet sie als Verkäuferin, in einer Bäckerei, in einer Metzgerei. Sie heiratet, zwei Kinder. „Ein recht normales bürgerliches Leben“, sagt sie. Bis auf die Online-Spielsucht und das exzessive Kiffen ihres Mannes. Das gesamte Familieneinkommen geht dafür drauf. Dazu noch ein Auto auf Kredit. „Irgendwann steckten wir bis zum Hals in Schulden“, sagt Schulze.

Von ihrem Gatten will  Nicole Schulze sich trennen. Ohne Geld schafft sie das allerdings nicht. Bei ihrem Kellnerjob in einer Kneipe erzählt ihr dann ein Gast vom Kölner Rotlichtmilieu. „Ich habe gehört, wie viel Geld man da verdienen kann und mich dann bewusst dazu entschieden.“

Eines Abends im Jahr 2004, da ist Nicole Schulze 24, fährt sie in die Geestemünder Straße. Natürlich sei sie anfangs unsicher gewesen. „Aber ein Tabu war das für mich nicht. Ich habe sexuell schon immer relativ offen gelebt. Hemmungen, mit fremden Männern Sex zu haben, hatte ich kaum.“ In der Geestemünder Straße hat die Stadt Köln sogenannte Verrichtungsboxen für Straßenprostituierte eingerichtet. Die Frauen fahren zusammen mit ihren Freiern in diese Art Garagen. Es gibt einen Notruf, Toiletten, Duschen. Dazu eine Beratungsstelle, Kondome. „Und heißen Kaffee und Tee, wenn’s auf der Straße mal kalt ist“, erzählt Nicole Schulze.

Ihrem damaligen Ehemann verheimlicht sie ihre neue Einnahmequelle. Mehrere Hundert Euro sind es pro Tag. Irgendwann hat sie genug Geld zusammen, um ihn zu verlassen. Jahre später sind sogar die Schulden abbezahlt.

Dann verliebte sie sich in einen neuen Mann – der sie nur ausnutzt. Nur jeden zweiten Dienstag nimmt Nicole noch eine Auszeit vom Straßenstrich. Denn wenn sie zu wenig Geld mit nach Hause bringt, bestraft ihr Partner sie mit Liebesentzug und Zurückweisung. Das habe sie nicht ertragen. Daher gibt sie ihm den Großteil ihres Verdienstes – mehrere Hundert Euro pro Tag. Der Mann kauft sich einen Porsche, Nicole einen Golf. Als Zwang, auf den Strich zu gehen, empfindet die junge Frau das allerdings nicht. „Ich habe mich immer freiwillig prostituiert und mag die Arbeit soweit auch“, sagt sie.

Irgendwann schafft sie auch von diesem Mann, der auf ihre Kosten auf großem Fuß lebt, den Absprung. 2014 zieht Nicole Schulze zurück zu ihrer Mutter in die Nähe von Wittlich.

Diese hat kein Problem mit dem Job ihrer Tochter – außer, dass sie Angst um sie hat. „Und tatsächlich waren und sind hier die Bedingungen viel schlechter als in Köln“, berichtet Schulze. Anders als im gesicherten Umfeld der Geestemünder Straße ist in Trier der hintere, dunkle Teil der Loebstraße, Gewerbegebiet Nord, für die Straßenprostitution freigegeben. Und die Bitburger Straße, die B 51 oberhalb der Hochschule. „Es gibt keine Toiletten, keine Duschen, noch nicht mal einen Mülleimer“, klagt Nicole Schulze. Das bringe Umstände mit sich, bei denen es kein Wunder sei, dass die Anwohner sich über den Straßenstrich beschwerten. Außerdem erlaubt die Trierer Stadtverwaltung dort die Straßenprostitution nur zwischen 22  und 6 Uhr. „Ich kenne keinen Beruf, bei dem einen die Behörden dazu zwingen dürfen, ausschließlich nachts zu arbeiten.“ Weil ihr die Sache in der einsamen Ecke zwischen Trier-Nord und Ruwer zu unsicher ist, kauft sie sich ein Wohnmobil.

Doch auch damit hat sie keine Möglichkeit, ihrem Job in rechtlich abgesicherten Bahnen nachzugehen: „Ich war beim Landesbetrieb Mobilität, der für die B 51 verantwortlich ist, um eine Erlaubnis zu bekommen. Aber die Behörde hat mir nur mitgeteilt, dass an der vielbefahrenen Bitburger nur Prostitution auf zwei Beinen zulässig ist, nicht auf dem Parkplatz im Wohnmobil“, sagt Schulze.

Bei der Trierer Stadtverwaltung habe man ihr gesagt, dass sie einen Bauantrag stellen müsse, wenn sie ihr Wohnmobil dauerhaft irgendwo abstellen wolle. „Aber ich will ja kein Dauercamping machen, sondern Sexarbeit.“ Die Verwaltung der Verbandsgemeinde Trier-Land wusste ebenfalls keinen Rat, als Nicole Schulze nachfragte, wo sie denn legal ihrem Beruf nachgehen könne. „Alle haben mir nur gesagt, dass sie die Sache dulden – aber mir keine offizielle Genehmigung geben. Dabei sollte mit dem neuen Prostituiertenschutzgesetz der Beruf doch auf rechtlich sichere Beine gestellt werden – geklappt hat das nicht!“

Es ist nicht die einzige Kritik, die Nicole Schulze an der neuen Gesetzgebung hat: „Der Gesetzgeber hat vorrangig die Bordellbetreiber ins Visier genommen, die jetzt viel strengere Auflagen erfüllen müssen – zusätzliche Notausgänge, Aufenthaltsräume für die Frauen, solche Sachen.“ Den Sexarbeiterinnen bringe das gar nichts, außer gestiegene Ausgaben. Denn die Bordellbetreiber würden die Kosten für die vorgeschriebenen Umbauten nun auf die Zimmermieten aufschlagen.

Der „Hurenausweis“, wie Nicole Schulze das amtliche Dokument nennt, das alle Sexarbeiter und -arbeiterinnen seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes immer bei sich tragen müssen, sei ebenfalls nicht durchdacht. Statt eines normalen Gewerbescheins sieht der Hurenausweis aus wie ein alter Personalausweis, mit Passfoto, Geburtsdatum, Geburtsort. „Und das soll dazu dienen, Prostituierte zu schützen? Ich fühle mich dadurch eher stigmatisiert, überall, wo ich meinen Gewerbeschein vorlege, weiß man sofort, was ich arbeite – inklusive aller persönlichen Daten.“

Schulze kämpft als Vorstandsmitglied im Berufsverband der Sexarbeiter für die Abschaffung oder zumindest Nachbesserung des Gesetzes (siehe Info). „Ich mag meinen Beruf und will ihn selbstbestimmt ausüben“, sagt sie.

Seit sie mit ihrem neuen Lebensgefährten zusammenlebt, arbeitet sie nur noch halbtags, von 10 bis 14 Uhr. Mal steht ihr Wohnmobil an der Bitburger Straße, mal auf dem Mitfahrerparkplatz bei Mertesdorf. Rund 70 regelmäßige Kunden habe sie aus Trier und dem Umland. „Die kommen so etwa ein- oder zweimal im Monat – wenn Sommer- oder Herbstferien sind oder wenn daheim eine neue Waschmaschine angeschafft werden muss, auch seltener“, erzählt Schulze und ihre wasserblauen Augen lachen wieder. Am Abend mache sie manchmal noch Hausbesuche. Und jeden Sonntag hat ihr ältester Kunde sie fest gebucht. Der 95-Jährige lebt in einem Seniorenheim in der Region. „Er sehnt sich – wie jeder Mensch – nach körperlicher Nähe. Den Wunsch erfülle ich ihm“, sagt Nicole Schulze. Meistens wolle der ältere Herr dann nur, dass sie sich nackt neben ihn ins Bett lege.

150 Euro nimmt Nicole Schulze pro Stunde. Strapse und Highheels trägt sie dabei schon lange nicht mehr. Stattdessen Jeans, T-Shirt und Turnschuhe. Nur die langen, spitzen, knallroten Fingernägel fallen auf. „Meine Kunden wollen ganz normalen Sex, so, wie sie es zu Hause in ihren Beziehungen gerne hätten.“ Rollen- oder Fetischspiele bietet sie nicht an. Nicht mehr. Als sie zwischendurch ein paar Monate lang ein Zimmer in einem Etablissement in der Karl-Marx-Straße in Trier angemietet hatte, gab’s allerdings noch Verena: Eine 1,65 Meter große Silikonpuppe, 45 Kilo schwer, vollbusig. „Die haben viele Männer gebucht“, erzählt Nicole Schulze. Ins Wohnmobil passt Verena nicht mehr mit rein. Und auch, wenn es in dem Camper Toilette, Dusche und Waschbecken gibt: „Verena hinterher sauberzumachen, ist immer ein ziemlicher Aufwand, das geht hier schlecht.“ Die Puppe liegt jetzt auf dem Speicher des Hauses ihrer Mutter.

Die Reaktionen, die Nicole Schulze auf ihr Outing in der WhatsApp-Gruppe zum Klassentreffen im kommenden Frühjahr bekam, waren übrigens durchweg positiv. „Eine ehemalige Schulkameradin hat geschrieben, ich solle mir bloß keinen Kopf machen. Das Mittelalter sei schließlich vorbei.“

Sexarbeiterin Nicole Schulze in ihrem Wohnmobil auf dem Mitfahrerparkplatz Mertesdorf. Foto: Hans Krämer

Seitdem freut Nicole sich auf das Treffen mit ihren ehemaligen Mitschülern.