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Shoppen in Trier: Macht sich die Angst vor Energiekosten schon im Modehandel bemerkbar?

Modehandel : Trier, unser Trier: Die Zukunft der Einkaufsstadt

Ein Bummel durch Triers Modegeschäfte auf der Suche nach der Kaufzurückhaltung. Ergebnis: Ein Wintermantel und interessante Gespräche.

Es ist kühl geworden. Tapfer trotzen einige Touristen in kurzen Hosen und Sandalen den Temperaturen und dem einsetzenden Regen. Keine wärmenden Sachen eingepackt? Warum auch? Bisher herrschte Sommer, Sommer, Sommer. Trotz aller Sorgen um die Natur, die Ernten und drohende Lieferengpässe durch das Niedrigwasser der Flüsse, milderte seine scheinbar nie enden wollende Wärme wenigstens die Furcht vor dem nahenden Winter und der Heizperiode. Frieren war bislang nur eine vage Erinnerung.

Rund um den Weinstand auf dem Trierer Hauptmarkt ist alles wie immer. Das Wetter spielt kaum eine Rolle. Nach seiner corona-bedingten Pause scheint er noch beliebter zu sein, so als wüssten ihn alle Einheimischen jetzt noch mehr zu schätzen. Auch das Interesse der Touristen an dieser Attraktion ist groß, wie das von ihnen erhoffte Interesse an den antiken Stätten und der großen Landesausstellung „Der Untergang des Römischen Reiches“. Triers Corporate Identity in der Welt ist eine Römerrüstung. „Was denkst du, was einige alles einkaufen“, erzählt mir eine Bekannte, die ein kleines Hotel unweit der Fußgängerzone betreibt und während der letzten Monate „gut zu tun hatte“. Wenn die Gäste abreisten, ließen sie in ihren Zimmern oft ihre leeren Einkaufstaschen zurück. „Und nicht von billigen Geschäften“, sondern von den Inhabergeführten Läden und den Boutiquen an den großen Plätzen, die das Profil dieser Einkaufsstadt prägen. Sie zählt einige Namen auf. „Eine Frau musste sich sogar einmal einen Koffer kaufen, um alles einzupacken, was sie gekauft hatte. Sie war mit der Bahn da.“ Triers Besucher gönnen sich offenbar etwas und erfüllen, Kultur und Bildung hin oder her, was in jeder Stadt von ihnen erwartet wird.

Das hört sich nicht nach der gefürchteten „Kaufzurückhaltung“ an. Triers Plätze, Straßen und Cafés sind voll – jedenfalls immer, wenn ich unterwegs war. Einer der letzten Freitage sei super gewesen, sagte die Inhaberin eines Damenmodegeschäftes: „Toll verkauft, auch an anderen Tagen“, schiebt sie gut gelaunt hinterher. „Ich bin fast auf dem Niveau von 2019.“ Die Sommerware sei weg. „Naja, fast“, ein Rest bleibe immer, das gehe gar nicht anders. Sommerrestposten, — so gut wie keine mehr da, heißt es auch in einer kleinen Boutique am Rande der Fußgängerzone. „Meine Chefin musste dauernd Ware nachkaufen“, so gut sei die Nachfrage besonders nach Kleidern gewesen, sagt die Mitarbeiterin. Von einem Top-Abverkauf diesen Sommer berichtet auch die Verkäuferin in einem anderen Geschäft und freut sich. Eine Kundin probiert währenddessen in einer Ecke der großen Verkaufsfläche ein Kleid aus der aktuellen Herbst-Winter-Saison an.

Die Konsumstimmung ist im Keller: Es kann weiter gehen. Die Ware wartet. Aber das Konsumbarometer des Handelsverbands Deutschland (HDE) ist nach einem „Allzeittief“ im August auf einen neuen „Allzeittiefststand“ im September gesunken. So soll es auch die kommenden Monate bleiben, eine Trendumkehr bei der Verbraucherstimmung sei nicht in Sicht. Die Schuhhauskette Görtz meldet Insolvenz an, sie hat insgesamt 160 Filialen in Deutschland und Österreich – für das Unternehmen eine Folge des Ukraine-Krieges, der die Kunden wegen steigender Energiekosten und starker Inflation verunsichert habe. Görtz betreibt in Trier keine Filiale. Dennoch verursacht die Meldung gemischte Gefühle. Es besteht immer die Sorge, dass weitere aus der zum Teil angeschlagenen Textilbranche folgen und dann irgendwann auch für Trier bedeutend werden könnten. Wenn wir in den vergangenen Jahren eins gelernt haben, wie schnell Probleme irgendwo auf der globalisierten Welt zu unseren werden können. Business as usual. Leerstand kommt. Leerstand geht – hoffentlich.

Durch den Lockdown habe Trier Kunden aus Luxemburg verloren, analysierte der Trierer Handels- und Marketing-Experte, Bernhard Swoboda, unlängst in einem Volksfreund-Interview und die entscheidende Frage sei, ob es gelingen wird, diese Zielgruppe für Luxusartikel wieder zurückgewinnen. Das entsprechende Angebot sinke in Trier, während es in Luxemburg steige. Luxus sells. „Die Luxemburger“ galten immer als verlässliche Bank für den Einzelhandel. Müssen wir uns womöglich von diesem beruhigenden Trierer Shopping-Glaubenssatz verabschieden? Und jetzt droht auch noch „Kaufzurückhaltung“ durch Inflation und steigende Energiekosten?

Wie sehr mir die Entwicklung „meiner“ Innenstadt am Herzen liegt, darüber habe ich vor zwei Jahren schon einmal ausführlich geschrieben. Die Schließung der Karstadt(-Kaufhof)-Filiale war gerade besiegelt worden und die Entscheidung über die Ansiedlung eines Globusmarktes in Trier-Zewen stand noch aus. Damals haben sich viele Leserinnen und Leser gemeldet. Sie beobachteten wie sich ihre Stadt verändert und machten sich ihre Gedanken, bemängelten fehlendes Grün, die gefühlt große Zahl an Barber-Shops und Friseurläden, bedauerten das Verschwinden von Floristen, sorgten sich um die Höhe der Mieten. Triers City soll gepflegt sein, ein vielfältiges Sortiment bieten, attraktiv für Besucher und für seine Bewohner bleiben – auch wenn das natürlich für jeden samt seines Geldbeutels etwas anderes bedeutet.

Heute wissen wir, dass der Globusmarkt vielleicht schon 2024 öffnen könnte. Sein Einfluss auf die Shoppingströme in der Innenstadt: offen. Unklar ist dagegen immer noch, was mit der bis auf einen „Ramschladen“ im Erdgeschoss ungenutzten großen Karstadt-Immobilie geschieht, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Das städtische Leben läuft scheinbar unbeeindruckt daran vorbei, aber an ungenutzte Gebäude dieser Größe in Toplage sollte sich niemand gewöhnen müssen. Leere Schaufenster machen traurig, auch wenn der Betriebstyp „Alles-unter-einem Dach“ sich überlebt habe, wie der Trierer Handels- und Marketing-Experte Swoboda sagt. Dafür gebe es jetzt den Online-Markt.

Nichts ist für die Ewigkeit: Meine persönliche Zurückhaltung beim Kleiderkauf hat schon vor Jahren begonnen – von allem zu viel im Schrank. Aber schwerer wog: Ich spürte, dass ich günstigen Kleidungsstücken weniger Wertschätzung entgegengebracht habe, als teureren, die ich länger getragen habe und trage. Ich fing an, die gekauften Teile eines Jahres zu zählen und erlegte mir ein Limit auf. Eine meiner Freundinnen erlebt es sehr viel drastischer. Ihr sei die Lust am Shoppen verloren gegangen, sagt sie, ersetzt nur, was kaputt geht und konzentriert sich auf Shirts und Jeans. Ich dagegen interessiere mich weiterhin für Mode, kaufe aber bewusst nur „stationär“ ein und bin dankbar, wenn die Angebote in Trier so bleiben, wie sie sind – auch wenn ich einige Marken vermisse und andere für überrepräsentiert halte. Kürzlich schaute ich in einem Modegeschäft, was die Saison bringt und ob mich etwas „anspringt“, als mich die Inhaberin fragte, ob sie helfen könne. „Danke, aber ich brauche ja eigentlich nichts“, antwortet ich unvorsichtig, aber ehrlich. „Das höre ich natürlich nicht gerne“, entgegnete sie fast sauer. Verständlich. Wenn jeder so denken würde, könnte sie einpacken. Eine Lektion Betriebswirtschaft aus dem Leben.

Das Dilemma: Wer braucht schon etwas? Aber der Konsum soll nie enden und niemand möchte, dass in den Innenstädten die Lichter ausgehen. „Kaufen ist Gestaltung von Welt. Konsumieren, shoppen ist ein Bausatz zur Selbstwirksamkeit auf niedrigstem Niveau“, philosophiert ein Kollege spontan dazu. Es ist unsere Entscheidung wie wir an einem auf Wachstum beruhenden System teilhaben, über dessen Sinnhaftigkeit angesichts der Klimakrise viel gesprochen und geschrieben wird. Ich möchte weiter shoppen und dabei entstehende Glücksgefühle genießen. Erschrocken verfolge ich gleichzeitig Meldungen aus der Textilindustrie, eine der größten Umweltsünder. Sehe Ständer voller austauschbarer Einheitskleidung. Viel zu viele Textilien, die so minderwertig sind, dass mittlerweile nicht einmal mehr der Alttextilhandel etwas damit anfangen kann. Waren, die im Billigstladen aufgetürmt liegen und manchmal achtlos auf dem Boden landen.

Nachhaltigkeit sei bei der Kaufentscheidung erstmals wichtiger geworden als der Preis, heißt es in einer aktuellen Greenpeace-Erhebung. 45 Prozent der Befragten geben an, Kleidung auch gebraucht zu kaufen (siehe Extra). Sind die neuen Secondhand-Läden in Trier schon eine spürbare Folge davon? Werden die Angebote und Sortimente in der Stadt sich peu à peu nur verändern? Könnten Nachhaltigkeit und eine neue Wertschätzung einziehen? Werden Büros zu Wohnungen? Kommen kleine Kieze ohne Autos, die die Lebensqualität erhöhen? Wie werden sich die Städte und die Systeme umbauen? Think Tanks, Wissenschaftler, Konzerne, kleine nachhaltige Labels, Stadtentwickler denken jeder auf seine Weise über die Zukunft nach. Wie lange wird es dauern im Wettlauf mit der Klimakrise?

An einem der letzten warmen Tage der vergangenen Wochen, spreche ich mit der Mitarbeiterin eines Geschäfts mit hochpreisiger Damenbekleidung. Trotz der Meldungen über steigende Energiepreise ist auch hier die Sommerware so gut wie weg. Außer mir ist an diesem Tag niemand im Laden. „Vielleicht ist es heute zu warm, um Wintersachen zu kaufen“, sagt sie und klingt ein wenig besorgt mit Blick auf die neue Saison. Auf die Frage, ob sie „Kaufzurückhaltung“ spüre, antwortet die Chefin eines anderen Modegeschäftes in der Fußgängerzone mit „Jain“. Es werde vielleicht weniger gekauft, dafür bewusster und Wertigeres, erklärt sie. Sie habe sogar Kunden dazu gewonnen, die bereit seien mehr für Besonderes auszugeben. „Keine Luxemburger.“ Es komme vor, dass sich Kundinnen für 2000 Euro einkleideten. Driftet unsere Gesellschaft tatsächlich auseinander? Ihr Sommer lief gut und die Winterware werde schon nachgefragt, sagt die Geschäftsfrau, aber sie habe vermutlich zu viel eingekauft. Die verbindliche Order für Herbst- und Winter sei im Januar gewesen, bevor der Ukraine-Krieg begonnen hat. Sie vermutet, dass es ihren Trierer Kollegen genauso geht und hält nichts von vorauseilendem Jammern. Sie werde jetzt den Laden mit LED-Leuchten ausstatten.

Der heiße Sommer hat Triers Modehandel offenbar gut getan. Und wenn die Pandemie und die Energiekosten den Veranstaltern keinen Strich durch die Rechnung machen, konsumieren die von der römischen CI angelockten Kulturtouristen noch bis Ende November – dann endet die Untergang-Ausstellung. Touristiker und Veranstalter haben sie extra bis in die kalten Monate hinein geplant. Auch sie arbeiten auf ihre Weise an Lösungen.

Ich konsumiere, also bin ich: Im Zuge meiner „Selbstwirksamkeit“ habe ich mir an einem dafür viel zu warmen Tag einen Wintermantel gekauft, den ich nicht gebraucht hätte. Hat Spaß gemacht. Der Winter naht und wird hoffentlich nicht so streng, wie alle befürchten.

Subjektiv aufgeschrieben von Birgit Markwitan