Sie redet, wenn andere schweigen

Sie redet, wenn andere schweigen

Sie predigt, obwohl dies nur Priestern vorbehalten ist, und sie redet auch dann noch, wenn der Trierer Bischof es ihr verbietet: Die Geistliche Leiterin der Katholischen Studierenden Jugend im Bistum Trier und Pastoralreferentin, Jutta Lehnert, erhält von der "Initiative Kirche von unten" (IKvu) den Dorothee-Sölle-Preis für aufrechten Gang.

Trier/Hamburg. Als junge Frau hat Jutta Lehnert eine Erfahrung gemacht, die ihr Leben prägte: "Wegen einer Wirbelsäulenerkrankung lag ich ein Jahr lang bewegungslos im Gips", erzählt die 57-Jährige. Eine Lähmung konnte abgewendet werden. 200 Bücher hat sie in dieser Zeit verschlungen und das Beste aus der Situation gemacht.
Sie ist keine, die sich unterkriegen lässt. Auch dann nicht, wenn der Trierer Bischof Stephan Ackermann ihr verbietet, sich weiterhin öffentlich zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche und der Aufklärungsarbeit zu äußern. "Ich bin Weltbürgerin des 21. Jahrhunderts", entgegnet die Geistliche Leiterin der Katholischen Studierenden Jugend und Pastoralreferentin im Dekanat Koblenz mit Schwerpunkt Jugendarbeit und Schulseelsorge dem bischöflichen Verbot.

Menschen ganz nah


2004 ist die Diplom-Theologin erstmals mit dem Thema sexueller Missbrauch in der Kirche in Berührung gekommen - und bis heute ist sie tief berührt. Die kritische Katholikin fordert etwa Nulltoleranz gegenüber Priestern, die straffällig geworden sind. "Sie gehören nicht in die Seelsorge", betont sie. Auch kritisiert sie den Umgang mit den Opfern: "Man behandelt sie, als gebe es das Evangelium nicht." Auch auf die "sekundären Opfer" macht sie aufmerksam. Damit meint sie all diejenigen, "die sich in und um eine Pfarrei für eine gute Sache einsetzen und nach einem Missbrauchsfall Schuldgefühle haben und verletzt sind." Dass sie redet, wenn andere vielleicht schweigen, hat auch diesen Grund: "Wir brauchen die Öffentlichkeit, ohne sie bewegt sich nichts - auch politisch nicht", sagt die tiefgläubige Christin. Politik und Theologie gehören für sie zusammen.
Das sah auch Dorothee Sölle (1923 - 2003) so. Für die evangelische Theologin, radikale Friedensaktivistin und Wohlstandskritikerin waren christliche Lebensführung, politisches Engagement und Theologie nicht zu trennen. Schon als Jugendliche hat Jutta Lehnert Texte von Sölle verschlungen.
Am Freitag, 3. Mai, erhält die gebürtige Gillenfelderin (Eifel), die heute mit ihrem Mann in Koblenz lebt und bei den Pallottinern theologische Abende und Gottesdienste gestaltet, den Dorothee-Sölle-Preis. "Ich nehme es als Form der Anerkennung", sagt sie. Laut IKvu-Pressemitteilung erhält Lehnert den Preis für ihren engagierten Einsatz gegen sexualisierte Gewalt in der Kirche und für ihr jugendpolitisches Engagement. Christinnenmut ist ein zentrales Thema ihrer Jugendarbeit. Kürzlich hat sie mit der KSJ dafür gekämpft, dass Jugendverbände im Bistum Trier weiterhin autonom und selbstbestimmt bleiben können. Mit Erfolg.
Extra

Der "Dorothee Sölle-Preis für aufrechten Gang" wird in diesem Jahr zum zweiten Mal vom Ökumenischen Netzwerk Initiative Kirche (IKvu) vergeben. Die Preisverleihung findet im Rahmen des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Hamburg statt. Die IKvu ist ein ökumenisches Netzwerk aus Basisgemeinden sowie kirchen- und gesellschaftskritischen Gruppen. Es steht in der Tradition des politischen Linkskatholizismus und -protestantismus sowie der Befreiungstheologie. kat