Singen ohne Satzung und Vorstand

Singen ohne Satzung und Vorstand

Ihnen ist kein Weg zu weit, um zur Gesangprobe zu fahren: Die 15 Sänger des Männerchors 78 Trier kommen aus neun Ortschaften - darunter sogar ein Mann aus dem saarländischen Otzenhausen. Einen Verein haben die Herren bewusst nie gegründet - es geht ihnen einfach nur ums Singen.

Trier. Wenn drei Deutsche zusammentreffen, gründen sie erst mal einen Verein. Das wird den Deutschen häufig nachgesagt. Demnach ist der Männerchor 78 Trier völlig untypisch deutsch.
"Wir haben keinen Verein gegründet, keine Satzung, keinen Vorstand", sagt Norbert Schuh aus Schweich und Sänger der ersten Stunde. Nur einen Chorsprecher gibt es: Jörg May. "Gewisse organisatorische Dinge müssen angegangen werden", erklärt der 66-Jährige aus Trier. Aber an der Gleichberechtigung aller Sänger rüttele seine Rolle nicht. Denn ohne Vereinshierarchien auszukommen, liegt den Herren am Herzen. "Dadurch fehlen Punkte für Auseinandersetzungen", meint Schuh. Es habe in 35 Jahren noch nie Streit gegeben, der Chor sei eine Gruppe von Freunden.
1978 hatte Karl-Günter Bechtel, ein Studiendirektor, den Männerchor gegründet. Bis vor zwei Jahren probten die Sänger - vom Polizisten bis zum Rentner - alle zwei Wochen in Bechtels Wohnzimmer. Aus Krankheitsgründen gab der Vater des Chors den Taktstock an Burkhard Pütz weiter. "Die Proben finden nun im gewohnten Rhythmus in der Kirche St. Maternus statt", sagt Werner Hansen aus Trier-Ehrang. Der 60-Jährige ist auch vom ersten Tag an dabei. Nach wie vor würden weltliche und geistliche Lieder gesungen, sagt Hansen. Sogar aus Trittenheim und dem rund 60 Kilometer entfernten Otzenhausen kämen Sänger regelmäßig zu den Proben. Das "Nesthäkchen" sei 58 Jahre alt. Neue Sänger seien jederzeit herzlich willkommen, sagt Hansen. Zwei, drei Auftritte im Jahr werden gemeinsam festgelegt. Auch in Triers Partnerstädten Weimar und Herzogenbusch ist der Männerchor schon aufgetreten. Sogar ein ZDF-Sonntagskonzert mit Elmar Gunsch vom Trierer Hauptmarkt aus hatten sie mit ihren Liedern bereichert.
Apropos Prominenz: "Guildo Horn und Tenor Thomas Siessegger haben als Jungspunde jahrelang bei uns gesungen", sagt Norbert Schuh. Hermann Portens Beweggrund mitzusingen, ist der aller Sänger. Der 69-Jährige aus Fell schwärmt: "Es ist ein gutes Miteinander und wir singen auf hohem Niveau." Davon konnten sich jüngst die Besucher des Sonntagsgottesdienstes in Heiligkreuz überzeugen. Die 15 Männer sangen erstklassig. Nach der "Arbeit" wurde geplaudert, gewitzelt und gemeinsam mit den Partnern zu Mittag gegessen.

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