Slam-Poeten gegen verblichene Klassiker

Slam-Poeten gegen verblichene Klassiker

Junge Slam-Poeten sind gegen von Laiendarstellern vertretene tote Dichter angetreten. Der regionale Poetry Slam in der Tufa Trier stand unter dem Motto "Dead or Alive". Rund 170 überwiegend junge Leute verfolgten den Wettstreit.

Trier. Zeitgenössische Poeten treffen auf von Darstellern vertretene tote Klassiker der Weltliteratur. Das ist die Idee des Dead or Alive Poetry Slams. Nach Theater Trier und SWR hat der Verein KulturRaum und die Tufa dieses Format nun zum dritten Mal nach Trier gebracht. Anders als bei den Vorgängern treten diesmal ausschließlich regionale und nicht als Schauspieler ausgebildete Teilnehmer an. Sie sind, wie auch die rund 170 Zuschauer, überwiegend im Schüler- und Studentenalter. Der maßgeblich von Moderator Peter Stablo vorgegebene Rahmen ist eher locker.
Nicht locker hingegen sind die Regeln: Nur genau sieben Minuten haben die insgesamt acht Teilnehmer für ihre Vorträge. Danach bewertet eine siebenköpfige Publikumsjury Inhalt und Performance mit Punkten von 1 (schlecht) bis 10 (sehr gut). Die Summe, die nach Streichen der niedrigsten und höchsten Zahl bleibt, entscheidet, wer ins Finale zwischen "Lebenden" und "Toten" einzieht. Damit die Chancen für alle gleich sind, wird die Reihenfolge der Auftritte gelost.
Den schwierigen Anfangsplatz nimmt Slam Poet Christian Simon mit seinem Text "Egomanie" ein. Er erzielt aber einen guten Achtungserfolg, der den Siegeszug der zeitgenössischen Dichter einleitet. Deren Vorteil ist unbestritten: Sie präsentieren eigene Ideen und persönliche Inhalte. Entsprechend lassen ihre Vorträge starken Bezug und Leidenschaft erkennen. Alissar Hawilar punktet so mit einer poetischen Betrachtung ihrer Orientierungssuche. Jonas Konrad übt mit einem originellen Text über die "Gretchenfrage" Gesellschafts- und Medienkritik.
Den Vogel aber schießt eindeutig der 18-jährige Manuel Thielen, Schüler des Max-Planck-Gymnasiums, ab. Ein satirischer Genuss ist seine unkonventionelle Gedichtinterpretation von Ernst Jandls "Sieben Kinder", dem sich ein Disput mit der Lehrerin anschließt, wie ihn wohl jeder geplagte Deutsch-Schüler gerne einmal wirklich führen würde.
Weniger gut in der Gunst des Publikums kommen die Vertreter der toten Dichter weg. Christine Hunz von der Theatergruppe Kreuz & Quer sowie Moritz Rehfeld vom Neuen Theater Trier gelingt es nicht, die Kraft und Schönheit ihrer Goethe- und Shakespeare-Texte packend zu transportieren. Ein bisschen fesselnder ist da schon der Auftritt von Peter Fuhs als ätzender Charles Bukowski. Er liegt schließlich einen Punkt vor Ruby Tuesday von den Beduinen des Westens mit ihrem etwas blutleeren Tucholsky-Vortrag "Ratschläge für einen schlechten Redner". Im Finale widerholt Fuhs noch einmal seine Bukowski-Nummer, Thielen hingegen packt mit einem Liebesgedicht, das die Metapher eines Schachspiels nutzt, eine weitere kreative Kostbarkeit aus.
Damit ist der Wettbewerb entschieden, Manuel Thielens Position als amtierender U20-Stadtmeister gefestigt und die Bühne frei für den Höhepunkt. Als Zugabe führt der wortgewaltige Gewinner umwerfend komisch und spritzig den Kampf um und mit seinen Ideen aus - und wie er darüber auf diese Bühne gefunden hat: "Man muss gut sein, zu seinen Ideen, deshalb habe ich diesen versprochen, sie zum Poetry Slam mitzunehmen und sie Ihnen einmal vorzustellen." ae

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