So lebt es sich im Mehrgenerationenhaus in Filsch

Serie „Jedem ein Zuhause“ : So lebt es sich im Mehrgenerationenhaus in Trier-Filsch

Wer im Alter nicht alleine leben will oder als Familie Anschluss sucht, zieht ins Mehrgenerationenhaus nach Trier-Filsch. zak Wohnpakt heißt die Genossenschaft.  Dort fühlen sich die 33 Bewohner zusammen aktiv, kreativ und pudelwohl.

Eleonore Boost ist 83 Jahre alt. Wenn sie Marmelade kocht, Kuchen backt oder frühstückt, ist sie selten allein. Samuel ist sieben. Er liebt es, bei den Canasta-Nachmittagen im Gemeinschaftsraum aufzutauchen, um nachzurechnen, wer gewinnt. Julius ist zwei. Er mag Eleonore Boost. Vor allem, wenn sie ihm vorliest.

Im Mehrgenerationenhaus in der Clemens-Wenzeslausstraße im Wohngebiet BU 13 in Trier-Filsch scheint die Welt noch in Ordnung. Jung und Alt wohnen Tür an Tür, helfen sich gegenseitig, organisieren den Alltag, kümmern sich, lassen niemanden allein. So haben sich die Gründer der Genossenschaft zak Wohnpakt eG  2013 gemeinschaftliches Wohnen vorgestellt.

28 Erwachsene und fünf Kinder leben zurzeit in dem mehrgeschossigen Passivhaus.  Zwei Solardächer versorgen die Bewohner mit Strom, die  restlichen Dächer sind begrünt. Noch sind an diesem kühlen Vorfrühlingstag Bouleplatz, Spielgeräte und Sitzgelegenheiten verlassen, doch im gemütlichen Gemeinschaftsraum  der Anlage haben einige Bewohner  Kaffee und Kuchen gedeckt.

Eleonore Boost zog im September 2017 auf eigene Initiative ein. Ihre  Kinder und Enkel waren schon  längst erwachsen. „Ich habe davon geschwärmt, in einer Gemeinschaft zu wohnen, in der man sich gegenseitig hilft und etwas zusammen unternimmt. Es muss ja nicht immer gleich ein Altersheim sein.“ Dass alte Menschen sich bei quirligen Jungen  wohlfühlen und junge Menschen Alte ob ihrer Erfahrung schätzen, ist im Grunde ein alter Hut. Doch in einer Großstadt leben viele für sich. Anschluss zu finden, ist da nicht immer einfach.

Bedauerlicherweise, meinen die Bewohner der Clemens-Wenzeslausstraße 4. Ihr Konzept basiert auf Gemeinschaft und Gleichberechtigung. Daher suchen sie sich ihre neuen Mieter ganz genau aus. Wobei das Wort Mieter es nicht ganz genau trifft. „Wir fühlen uns nicht als Mieter, sondern alles gehört allen“, sagt Brigitte Spürk. Wer also zur Gruppe dazugehören will, muss zu ihr passen. Da gibt es keine Kompromisse.

In regelmäßigen Bewohnerversammlungen  besprechen die Erwachsenen, was ihnen unter den Nägeln brennt. Etwa die Sache mit dem  Fahrradport.  „Der Platz ist schon da, aber jetzt holen wir die Angebote rein“, sagt Gründungsmitglied Helga Büdenbender.  „Darüber hinaus reden wir über Baumängel, die aus einzelnen Wohnungen gemeldet werden, oder welche Spielgeräte wir für die Kinder noch installieren wollen.“ Zwar sind diese Versammlungen keine Pflichtveranstaltungen und das Engagement der Einzelnen ist unterschiedlich, „aber“, sagt Büdenbender, „jeder bringt sich in irgendeiner Form ein“.

Eine Tatsache, die nebenbei eine Menge Geld spart. Weil jeder seine Talente so gut einsetzt wie er kann, sind die Vorhänge im Gemeinschaftsraum selbst genäht, die Küche für den Raum selbst zusammengebaut  sowie   Garten und  Hochbeete in Eigenregie gestaltet und gepflegt. Selbst die Einrichtung für das Gästeappartement, das jeder Bewohner für 15 Tage im Jahr kostenlos für seine Besucher nutzen darf, ist nicht gekauft. Vieles wurde geschenkt und dann gemeinsam aufgebaut.

In dem Geflecht von Nähe und Distanz ist es jedoch stets jedem selbst überlassen, was er wann favorisiert. Auch bei den Freizeitangeboten. „Wir treffen uns an der Boulebahn, haben Spielenachmittage, einen Literaturkreis oder die Arbeitsgruppe ,Mich interessiert und bewegt’, wo wir Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit besprechen und versuchen, die Ergebnisse umzusetzen. Im Advent gibt es Glühpunsch. Dann wird der Innenhof mit Kerzen geschmückt und viele bringen Gebäck mit“, zählt  Brigitte Spürk auf.

Nähe bringt Vorteile. Wer kein Auto hat, verlässt sich auf das private Car-Sharing. Wenn Samuel früher als geplant aus der Schule kommt,  dann „kommt er eben zu mir“, sagt Büdenbender. Was Samuel ziemlich genial findet. Überhaupt meint er: „Ich habe immer jemandem zum Spielen. Wir haben einen Sandkasten im Garten und der Weg zur Schule ist auch nicht so weit.“

Angst, irgendwann aus dieser Gemeinschaft ausziehen zu müssen, muss niemand haben. Jeder Bewohner hat lebenslanges Wohnrecht.  Für viele beruhigend. Eleonore Boost will hier nicht mehr weg: „Ich fühle mich sehr wohl hier. Und ich habe es nicht  bereut, hierher gezogen zu sein.“

Das Konzept Mehrgenerationenhaus erregt Interesse. „Immer wieder kommen Gruppen, die sich unser Projekt ansehen“ sagt Helga Büdenbender. „Zuletzt war das Seniorenbüro hier. Ich finde, das Mehrgenerationenhaus ist eine Wohnform der Zukunft.“ Nicht nur Eleonore Boost und Samuel und Julius würden das glatt so unterschreiben.

Weitere Informationen finden Interessierte im Internet unter  http://www.wohnpakt-trier.de/

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