Sorge um Schüleraustausch

Trier · Gibt es bald keinen Austausch mit Frankreich mehr? Am Humboldt-Gymnasium, an dem Schüler neben dem deutschen auch das französische Abitur ablegen können, fürchtet man negative Folgen einer Schulreform in Frankreich.

Trier. Das Humboldt-Gymnasium Trier (HGT) schaut mit Sorge auf die Schulreform in Frankreich, die in der Mittelschule den Deutschunterricht einschränken wird (der TV berichtete, siehe Extra). Lehrer, Eltern und Schüler befürchten, dass viele Möglichkeiten des Kontakts zum Nachbarland wegfallen werden.
"Wir werden in Zukunft weniger Partnerschulen finden, mit denen wir Austausche organisieren können. Über kurz oder lang trifft uns diese Reform auch in Deutschland", schätzt HGT-Schulleiter Ralph Borschel die Situation ein.
Begegnungen in Gefahr


Das HGT ist besonders betroffen, weil es als Abi/Bac-Schule die Möglichkeit bietet, neben dem deutschen auch das französische Abitur abzulegen. Treffen mit französischen Schülern sind Pflicht. Borschel vermutet, dass sich diese Bestimmungen durch die Schulreform in Frankreich ändern werden: "Im schlimmsten Fall müssen die Begegnungen aus dem Abi/Bac-Katalog herausgenommen werden. Deutsche Schüler, die das Abi/Bac ablegen möchten, sollen auf jeden Fall weiterhin die Möglichkeit dazu bekommen."
Anne Riehm, die als Deutschlehrerin auf der französischen Insel La Réunion mit dem HGT in Kontakt steht, rechnet damit, dass viel weniger Schüler Deutsch lernen werden: "Wir Deutschlehrer werden weniger Wochenstunden bekommen und müssen dann an zwei bis drei Schulen unterrichten, damit wir unsere Pflichtstundenzahl erreichen." Dass sich unter diesen Umständen noch Lehrer finden, die für die wenigen Schüler Austausche organisieren, hält sie für unwahrscheinlich.
Französischlehrerin Sarah Engel sieht am Wegfall der Austausche klare Nachteile für ihre deutschen Schüler: "Ich merke deutlich, wie meine Schüler flüssiger reden, nachdem sie vollkommen in die fremde Sprache eingetaucht sind. Es ist für sie eine schöne Erfahrung, dass die Austauschpartner Fehler verzeihen. Das nimmt die Angst vor dem Sprechen."
Zudem würden die Schüler weltoffener durch Kontakte mit anderen Menschen, Kulturen, Religionen und Lebensweisen - dies baue Vorurteile ab.
Das bestätigt auch Engels Kollegin Claudia Warner, die in den Austauschen die Förderung interkultureller Kompetenzen sieht: "Einen größeren Erfahrungsschatz als bei Austauschprogrammen können wir als Schule nicht bieten. Gerade in unserer Grenzregion profitieren viele Schüler später vom internationalen Arbeitsmarkt."
Persönlichkeit geprägt


Josef Koppers ist Vater von drei Töchtern, die alle an mehreren Austauschprogrammen teilgenommen haben. Er merke deutlich, wie die Erfahrungen im anderen Land die Persönlichkeiten seiner Kinder prägten.
Nicolas Yun Christmann (18) ist dankbar, Französisch zu lernen: "In unserer Region gibt es für mich keine Grenzen mehr. Sprachlich bringen mir zwei Wochen Austausch mehr als ein halbes Jahr Unterricht."
Bianca Kreber (17) sieht auch unter den deutschen Austauschteilnehmern positive Effekte: "Die Gruppe wächst im Ausland stark zusammen. So entstehen schließlich auch viele Freundschaften zwischen den Jahrgangsstufen."
Die auf der Insel La Réunion unterrichtende Deutschlehrerin Cécile Piou, die in Kontakt zum HGT steht, kritisiert, die Politik gehe nicht entschieden genug gegen die Schulreform vor: "Die Reform verletzt den Elysée-Vertrag und gefährdet die deutsch-französische Freundschaft. Wir Lehrer haben nicht den politischen Einfluss." Piou hofft auf ein politisches Signal. "Ich appelliere an die deutschen Politiker, sich einzuschalten."Extra

Die französische Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem plant eine Reform der einheitlichen Mittelstufe von der 6. bis 9. Klasse, dem Collège. Ziel ist ein gerechteres Schulsystem, in dem Kinder aus bildungsfernen Familien bessere Chancen haben als bisher. Weil Deutschunterricht vor allem im Bildungsbürgertum beliebt ist, hält ihn die Ministerin für elitär und will das Angebot von 2016 an stark einschränken. red