Spielen Engel Mundharmonika?

Irgendwann zwischen Herbst und Advent räumte mein Großvater den Speicher auf und - weiß Gott wie - tauchte eine Mundharmonika auf. Und - weiß Gott warum - vergaß er, sie mit dem alten Gerümpel zu entsorgen.

Sie war da - und ich gab sie nicht mehr aus den Händen. Und versuchte, zu spielen, ihr Melodien zu entlocken, geduldig, beharrlich, hartnäckig, jämmerlich! Aber die Mundharmonika spielte nicht mit - ebenso beharrlich, hartnäckig, denn sie war alt, rostig, ihre Lamellen verbogen oder nicht mehr vorhanden, jämmerlich. Aber ich gab nicht auf - bis - ja bis mein Großvater sagte - nach einer Woche: "Kind, tu dat rostig Dingen weg, tu doch dat dreckig Dingen da net in de Mund!" Und die Großmutter setzte eins drauf: "Du wirst mer noch krank - un dat vor Christtag!"
Voll Kummer und Zorn


Das durfte doch nicht wahr sein: Ich machte einen verzweifelten Versuch: Ob man die Mundharmonika denn nicht aufmachen und putzen könnte und vielleicht auch reparieren: "Opa, Opa, du hast doch immer alles geflickt!" Nein, nein, das ginge nicht - höchstens in Trier in einem Musikgeschäft, aber das wäre teuer - viel zu teuer. Ich lief nach Hause - das Herz voller Kummer und der Kopf voller Zorn! Aber auf diesem Weg kam mir plötzlich ein ganz verwegener Gedanke: Wenn nun das Christkind, an das ich ja längst nicht mehr glaubte eine "richtige", eine funkelnagelneue Mundharmonika unter den Weihnachtsbaum legen würde?! Aber wenn schon die Reparatur meiner alter Mundharmonika "zu teuer - viel zu teuer" war, wie unmöglich, wie ganz und gar unmöglich konnte dann eine neue ...?
Am Heiligen Abend reichte meine Großmutter mir den Gabenteller. Für mich gab es zwei Päckchen, ein großes und ein kleineres. Das Große zeigte sich, nachdem ich das bunte Papier entfernt hatte, als Sammlung von vielen Brettspielen. Das kleinere war eingepackt in grünes Papier, das mit goldenen Sternchen bedruckt war. Ich sehe das vor mir, als wäre es gestern gewesen. Das Päckchen war sonderbar leicht. Und als ich es aus der Verpackung herausgeschält hatte - eine Schachtel einer Hohner-Mundharmonika! Doch als ich die Schachtel öffnete, war sie leer. "O Gott, O Gott" schrie meine Großmutter übertrieben laut, "jetzt hat einer von den Engeln doch vergessen, die Mundharmonika in dat Kästchen zu tun!"
Es war auf einmal still, ganz, ganz still in der kleinen Stube, nur die Holzscheite im Ofen knackten und knisterten. Und dann - ja dann - ganz leise, wie von weit her, nein - wie vom Himmel her klang von draußen eine Mundharmonika: Vom Himmel hoch da komm ich her. Meine Großmutter ging aus dem Zimmer. Wir hörten, wie sie die Haustüre öffnete, und dann war die Musik vor der Stubentür - und mein Großvater stand im Zimmer, spielte das Lied zu Ende und klopfte dieses wunderbare Instrument auf seinem Ärmel aus. Dann sagte er, er müsse uns jetzt aber mal sagen, wie er zu dieser Mundharmonika gekommen wäre, das wäre ja fast nicht zu glauben. Als er gerade eben rausgegangen wäre, hatte er doch "en ganzen Trupp" Engel die Straße runterkommen sehen auf dem Weg nach Betlehem. Gesungen hätten die, und Musik gemacht, ob wir die denn nicht gehört hätten? Und einer von denen hätte doch tatsächlich eine Mundharmonika gehabt. Und da hätte er sich ein Herz gefasst, wäre zu dem Engel gegangen und hätte ihn an seinem Flügel festgehalten. "Engel", hätte er gesagt, "Engel, sei so gut und gib mir dein Harmonika, in unserer Stub beim Christbaum da steht en klein Mädchen, dat hat schon wochenlang nix anneres mehr im Kopp als wie en Mundharmonika. Und du Engel, brauchst in Betlehem doch nur Gloria zu singen. - Und tatsächlich - der mir seine Mundharmonika in meine Hand gegeben. So, da haste se, jetzt is se dein!" Damit legte er sie in die leere Schachtel, die ich immer noch in der Hand hielt.
Sprachlos, atemlos, fassungslos


Und ich stand da, blickte auf das silberglänzende Weihnachtswunder - sprachlos, atemlos, fassungslos. Eigentlich hätte ich ja nun spielen können auf diesem so sehr gewünschten Instrument - einer sogenannten "Doppelhohner", also von zwei Seiten spielbar. Nein, es ging nicht, noch nicht, nicht heute Abend. Dieses Weihnachtsgeschenk hatte mich mitten ins Herz getroffen. Und das hatte nun sozusagen ganz weiche Knie. Es war wieder ganz still im Zimmer, und als ich aufblickte, sah ich, dass sich meine Großeltern an den Händen hielten - und dann zogen sie wie auf Kommando ihre Brillen aus, weil sie - ihr wisst schon...
Immer, wenn ich spielte auf meinem "Weihnachtswunder" und an jedem Weihnachtsabend dachte ich voller Liebe an meine Großeltern und daran, dass mein Großvater der erste war, der darauf gespielt, der es so wunderbar zum Klingen gebracht hat. Oder war es doch ein Engel?