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Sprengstoff-Experte: "Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schief geht, geht gegen Null."

Sprengstoff-Experte: "Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schief geht, geht gegen Null."

Wenn am Freitagabend in der Neustraße die Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft wird, ist Horst Lenz ganz nah dabei. Der Leiter des rheinland-pfälzischen Kampfmittelräumdiensts hat im Gespräch mit dem TV Details des gefährlichen Jobs erläutert. Eines steht fest: Einen sehr lauten Knall wird es definitiv geben.

Jürgen Wagner und Horst Lenz (von links) suchen nach Bombenresten. TV-Foto: Christoph Strouvelle

"Ob eine Entschärfung einfach ist oder nicht, weiß man immer erst hinterher", sagt Horst Lenz, Leiter des rheinland-pfälzischen Kampfmittelräumdiensts. Aber der Aufschlagzünder der 250-Kilo-Sprengbombe, die am Dienstagmorgen in der Neustraße gefunden wurde (der TV berichtete), sei intakt. "Daher sieht es nicht aus, als würde die Sache besonders kompliziert", sagt der Sprengstoffexperte. Der zylinderförmige Aufschlagzünder ist mit dem eigentlichen Sprengkörper über ein in den Bombenstahl gedrehtes Gewinde verbunden. Herausgedreht werden soll der Zünder allerdings nicht per Hand. "Wir werden einen Fernentschärfungsgerät einsetzen", erläutert Lenz.

Dabei wird ein Gerät auf den Zünder aufgesetzt und mit diesem fest verbunden. Aus der Ferne wird dann per Knopfdruck über zwei Impulskartuschen eine Drehbewegung ausgelöst - und der Zünder von der Bombe getrennt. Die Impulskartuschen haben ein Kaliber von je 20 Millimetern. "Lösen sie aus, gibt es einen sehr lauten Knall, viel lauter als ein Gewehrschuss, eben wie von einer 20-Millimeter-Kanone", sagt Lenz. Dass die eigentliche Bombe bei der Entschärfung explodiert, schließt der Sprengstofffachmann nahezu aus. "Die Wahrscheinlichkeit dafür geht gegen Null. Mir ist kein Fall nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt, bei dem ein solches Zündsystem bei der Entschärfung detoniert ist." Nicht sicher ist dagegen, dass die Fernentschärfung funktioniert. "Sollte das Gerät nicht die gewünschte Wirkung erzielen, haben wir allerdings viele andere - ebenfalls sehr risikoarme - Möglichkeiten, die Bombe unschädlich zu machen", sagt Lenz.

Funktionieren die alle nicht, müsste die Bombe im Notfall vor Ort kontrolliert gesprengt werden. "Aber die Wahrscheinlichkeit, dass das nötig sein wird, tendiert ebenfalls gegen Null", prognostiziert der KMRD-Chef. Dass die Bombe - sofern doch alle Entschärfungsmöglichkeiten versagen - an einen anderen Ort transportiert wird, um sie dort zu sprengen, sei ausgeschlossen. Immer wieder erlebt Lenz, dass Anwohner bei Bombenentschärfungen infrage stellen, ob tatsächlich so weiträumig evakuiert werden muss. "Aber das sind dann immer Leute, die keine Verantwortung für die Sache tragen." Die Empfehlung, pro Zentner Bombe den Evakuierungsradius um 100 Meter auszuweiten - bei 250 Kilo also auf 500 Meter - stamme noch aus Kriegszeiten. "Aber an diese Formel halten wir uns noch immer und geben den Kommunen den entsprechenden Ratschlag - ob die Verantwortlichen sich dann daran halten oder anders entscheiden, ist dann im Grunde deren Sache."

Fest stehe, dass bei der Explosion einer 500 Kilo Bombe die Bombensplitter ohnehin viel weiter als 500 Meter fliegen würden. Die Bombe in der Neustraße hätte - je nach Abwurfhöhe - übrigens ein dreigeschossiges Haus mit Betondecken komplett durchschlagen können. Explodiert eine solche Bombe am Boden, reißt sie einen Trichter von etwa zehn Metern Durchmesser und sechs Metern Tiefe. Schutzanzüge tragen die sechs bis sieben Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes, die am Freitagabend bei der Entschärfung dabei sein werden, übrigens nicht. Käme es zu einer Detonation, könnten diese sie ohnehin nicht schützen.