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Spuren eines fast vergessenen Lebens

Spuren eines fast vergessenen Lebens

Ergreifendes Zeugnis eines durch die Zäsur des Holocausts gebrochenen Lebens: Die Ausstellung "Elise Haas - eine unbekannte jüdische Lyrikerin aus Trier" in der Universitätsbibliothek zeigt bis Oktober Manuskripte und biografische Dokumente der von den Nazis verfolgten Trierer Autorin.

Trier. Das Ausstellungsplakat hat Symbolkraft. Es zeigt das einzige noch vorhandene Foto von Elise Haas, ausgerechnet das Porträt vom Antrag auf eine Kennkarte - den polizeilichen Ausweis, den Juden ab 1938 bei sich tragen mussten. Das Bild gehört zu Spuren eines Lebens, die durch grauenhafte Zeitumstände fast getilgt waren, aber jetzt wieder sichtbar sind - dank eines Zufalls.
Der Konzer Geschichtslehrer Willi Körtels hatte 2004 Recherchen für ein Buchprojekt über die jüdische Bevölkerung in Könen begonnen und war dabei in einer New Yorker Zeitung von 1947 auf einen Artikel über eine jüdische Lyrikerin namens Elise Marx aus Trier gestoßen. Er forschte weiter und fand heraus, dass es sich um Elise Haas handeln musste, die 1878 mit dem Mädchennamen Bähr in Tholey geboren wurde, und deren Großmutter eine Cousine von Karl Marx war.
Nur mühsam ließ sich ihre Biografie aus weltweit verstreutem Archivmaterial rekonstruieren. Seit ihrer Heirat 1909 bis zum 18. Juni 1943 lebte Elise Haas in Trier und schrieb Gedichte, die in der Literaturzeitschrift Cahiers luxembourgeois, in Reclams Universum, in der deutsch-jüdischen Kulturzeitschrift Der Morgen und dem Organ des jüdischen "Centralvereins" veröffentlicht wurden. Der Schriftsteller und Kritiker Kurt Pinthus erwähnte ihr Werk in einem Aufsatz über jüdische Lyrik der Zeit. Außerdem wurden ihre von einem humanistischen Geist geprägten, natur- und regionalbezogenen Dichtungen neben denen von Nelly Sachs oder Gertrud Kolmar auf Berliner Rezitationsabenden vorgetragen. Sie selbst hielt Briefkontakt zu berühmten Literaten der Zeit, wie zum Beispiel Franz Werfel.
Doch ab 1938 griff die gnadenlose Hetze und Verfolgung der Nazischergen. Haas konnte nicht mehr publizieren, wurde 1943 erst in Schutzhaft genommen und dann mit ihrem Mann nach Theresienstadt deportiert. Er starb dort 1944, sie erlitt einen Oberschenkelbruch, an dessen Folgen sie bis zu ihrem einsamen Tod in einem Mainzer Altenheim 1960 litt. Von den Stationen ihres Lebens, auch der Phase der erneuten antisemitischen Anfeindung nach dem Krieg, legt die Ausstellung in persönlichen Dokumenten, Briefen, Anträgen und Bildern beredtes Zeugnis ab. Auch sind in Sütterlinschrift verfasste Originalmanuskripte sowie gedruckte Veröffentlichungen der Lyrikerin zu sehen. Allerdings nur wenige - denn trotz intensiver Recherchen hat Willi Körtels noch keine Spur des einst in der Schweiz deponierten Nachlasses gefunden. Gerade an dem, was fehlt, manifestiert sich die erschütternde Botschaft der Ausstellung: Hier ist das Wirken einer Person der Zeitgeschichte Opfer eben dieser Zeitgeschichte geworden. Ausstellungsgäste haben angeregt, durch die Benennung einer Trierer Straße nach Elise Haas wenigstens einen Teil dieses Unrechts wieder gutzumachen.
Die Ausstellung ist noch bis zum 3. Oktober im Foyer der Universitätsbibliothek zu sehen.