Stadtführer zeigen die Arbeiterseite Triers

Stadtführer zeigen die Arbeiterseite Triers

"Das ist unser Dank an die Trie rer, dass sie die Touristen-Gruppen aushalten und uns wohl gesonnen sind." Stadtführerin Dorothee Serwe und drei ihrer Kollegen haben zum Weltgästeführertag ein ganz besonderes Programm erstellt. Rund 160 Gäste ließen sich von ihnen in die Arbeiterstadt Trier entführen.

Trier. (mehi) Schnipp! "Zuerst schneide ich das tragende Holz des Vorjahres weg." Schnapp! Bernd Klein setzt erneut die Rebschere an. Der Mehringer steht im Hof der Bischöflichen Weingüter und schneidet Rebstöcke. "Das ist die Arbeit, die der Winzer im Winter im Weinberg macht", erklärt der Stadtführer den rund 30 Zuhörern - insgesamt waren es rund 160 bei zwei Rundgängen zu vier Stationen - die beim Weltgästeführertag an dieser Station ihre Stadt aus einer anderen Sicht erleben.

Die Aktion des Bundesverbands der Gästeführer Deutschland (BVGD), an der sich der Verein der Gästeführer in Stadt und Region Trier (VGT) beteiligt, trägt 2010 das Thema "Es riecht nach Arbeit". Hier duftet Domriesling in den Gläsern der Gäste. Der Rebensaft ist nicht der einzige Grund, weshalb diese Stadtführung nicht trocken ist. Kleins Demonstration an der mitgebrachten Reben-Drahtkultur fasziniert die Besucher - doch keiner traut sich selbst ran.

Mithelfen ist am Domstein nicht gefragt. Vielmehr steht die Frage im Raum: Wie kam er nach Trier? War es etwa Teufelswerk? "Nein", weiß Dorothee Serwe. Die 12,5 Meter lange und 65 Tonnen schwere Granitsäule habe die 22. Legion im 4. Jahrhundert aus dem Felsenmeer im Odenwald per Holzrollen, Schlitten und Schiff nach Trier geschleift.

Die Steinmetze hätten den Granit im Odenwald in Form gebracht, weiß Serwe, "ein Riesenaufwand". Detailliert beschreibt sie die harte Arbeit, erklärt die Werkzeuge. Der Stein sei vermutlich in Trier geschliffen worden. "Das haben die Trierer Kinder gemacht", ruft ein Zuhörer. Gelächter lockert die kalten Glieder der Gäste, die weiterziehen zum Handwerkerbrunnen. Dort berichtet VGT-Vorsitzende Susanne Romoth von der Bedeutung des Handwerks und der Zünfte in Deutschlands ältester Stadt. Viele Straßennamen seien nach Zünften benannt wie Brot-, Fleisch- und Nagelstraße, wo die Nagelschmiede saßen. Die Gäste bestaunen die alten Handwerkerhäuser in der Neustraße (91, 21-23).

Von Handwerkern, den Webern, handelt auch Station vier. "Der entscheidende Faktor zur Gründung des Weberviertels war Wasser: der Weberbach", erklärt Stephan Thehos. Bis zu 150 Leute habe die Weberzunft im 15. Jahrhundert gezählt, die größte und wichtigste in Trier. "Dann begann der Verfall." Weil das Agnetenkloster auf dem Gelände der Kaiserthermen eine Weberei gegründet habe. Weil die Reformversuche Caspar Olevians in Trier gescheitert und die verbündeten Weber mit ihm ausgewiesen worden seien. Und weil 1794 die Gewerbefreiheit eingeführt worden sei: Das Ende der Zünfte und der Anfang der Industrialisierung.

Nikolaus Müller habe im 18. Jahrhundert im Viertel eine Blaufärberei gegründet, mit bis zu 35 Webstühlen die größte Tuchfabrik, die es je in Trier gegeben habe. "Die freien Weber wurden Industriearbeiter", sagt Thehos. Die letzte Textilfabrik sei 1962 geschlossen worden: die heutige Tufa. Heute wird dort gefeiert, nicht gearbeitet.

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