STADTGESPRÄCH

Der Trierer an sich neigt dazu, in seiner näheren Umgebung mit größter Akribie alle Haare in der Suppe zu suchen und sie anschließend unters Mikroskop zu legen. Deshalb tut es ihm ab und zu mal gut, "seine" Stadt mit den Augen eines Fremden zu sehen.

Zum Beispiel beim Stadtrundgang dieser Tage mit einer Gruppe von Kollegen aus ganz Deutschland. Start am Viehmarkt, bei der Ungers-Vitrine. Die Gäste drücken sich die Nase an den Scheiben platt, Aahs und Oohs gelten der kühnen Architektur und dem faszinierenden Innenleben. "Zehn Jahre Krach in Trier", sage ich, "und nachher hat's keinem so richtig gefallen". Ich ernte erstaunte Blicke. Palastgarten und kurfürstliches Palais: Die Augen der Kollegen leuchten ob des prächtigen Stilllebens aus Sonnenanbetern, Fußballspielern und Rokoko-Architektur. "Nachts kann man hier nicht durchgehen", erzähle ich, "ein Tummelplatz für Junkies und Kriminelle". Domfreihof: Die Gruppe bestaunt das geniale Dom-Panorama und die schicke Walderdorff-Fassade. "Hier mussten sie wegen der Bürgerproteste gegen die Neugestaltung alte Bäume bei Nacht und Nebel fällen", berichte ich. Und dass das Verschenken des Palais an eine Stiftung manchem immer noch als Freveltat gilt. Ehrfürchtig stehen die Gäste auf dem Basilika-Vorplatz, loben die architektonische Wirkung und das Miteinander von Skateboardern, Touristen und Einheimischen. Ich wage es kaum zu sagen: "Truppenaufmarschplatz nennen die Trierer diese Fläche, und die Skater wollen viele am liebsten weghaben." Am Kornmarkt schwärmt ein Kollege: "Wahnsinn, bei Euch ist jeder Platz ein Juwel, und alle autofrei!" Ah ja. Dann erzähle ich lieber nicht, wie viele Trierer glauben, sie lebten in einer autoverseuchten, von architektonischen Bausünden verschandelten, ziemlich verdreckten Stadt. Es könnte peinlich werden. Dieter Lintz