STADTGESPRÄCH

Wahlkampf ist ein hartes Geschäft. Ein Bundestagskandidat, der gewählt werden will, muss viel investieren. Geld. Zeit. Und Nerven - jede Menge. Die Kandidaten müssen ran ans gemeine Volk. Botschaften werden verkündet, Reden gehalten, Positionen vertreten.

Auf Marktplätzen, in Kinosälen, Sporthallen oder auch an der Haustür. Stress ohne Ende. Doch es kommt noch schlimmer. Die Medien machen nichts als Ärger. Sie könnten die im Wahlkampf exponentiell gestiegene Volksnähe doch wenigstens in ordentlicher Größe und Breite in alle Haushalte tragen. Zeige dich - und lass darüber berichten. In Farbe, bitte. Doch die Medien spielen nicht mit. Da tut man und macht man - und die Presse kommt einfach nicht und verweist auf ihre Wahlkampfrichtlinien. Mal im Ernst: Diese Richtlinien sollen auch in Wahlkampfzeiten die gewohnte unabhängige Berichterstattung garantieren und eine Überflutung der Zeitung mit Wahlkampf-Aktionen verhindern. Damit erregen wir schon mal das Missfallen des einen oder anderen Kandidaten. Mancher zeigt sich sehr enttäuscht über das mangelnde Presse-Interesse. Nur einer ging dieses Problem dreist und geradezu kreativ an. Bernhard Kaster (CDU) war bereits durch einen Rechenschaftsbericht - eine Zusammenfassung seiner Medienpräsenz in der Legislaturperiode - aufgefallen. Am Donnerstag lud er zu einer Pressekonferenz vor der Porta Nigra ein. Kaster verbarg keine Sekunde lang, worum es ihm dabei wirklich ging: um seinen Wahlkampf. Seinen Video-Clip. Seine Aktionen. Kein Verkehrswegeplan, kein Moselaufstieg, kein Bundes- oder Landesminister an seiner Seite - der Wahlkampf war nicht der Auslöser, sondern das zentrale Thema der Aktion. Diese Idee ist derart erfrischend frech, dass sie hiermit tatsächlich in der Zeitung landet - wenn auch nicht in der gewünschten Weise. Jörg Pistorius