STADTGESPRÄCH

Wer im Stadtrat sitzt, hat einen harten Job - und leidet darunter, dass es immer so schwer ist, diese Leistungen der Öffentlichkeit, von der man gewählt worden ist, plastisch vor Augen zu führen. Mal ehrlich: Der Stadtrat ist halt auch etwas anderes als ein Ausschuss im kleinen Sitzungsraum oder eine Fraktionssitzung im verrauchten Hinterzimmer.

Wenn die Mikrophon-verstärkten Stimmen durch den großen Sitzungssaal hallen, wenn die Besucher gebannt zuhören, wenn man dem Stadtvorstand seine ewige Treue schwören oder abgrundtiefe Verachtung entgegen schleudern kann - dann ist man erfüllt von seiner vom Wähler auferlegten Pflicht, dann steht man im Licht. Auch wenn die Arbeit längst in kleinen Räumen und muffigen Stuben erledigt wurde. Auf der großen Bühne des Stadtrats kann man deshalb nicht einfach nur abstimmen. Hier, in der ersten Liga der Kommunalpolitik, muss man zeigen, wer man ist, was man kann, wo es lang geht. Deshalb gehen jedem Votum lange, sorgfältig vorbereitete und akzentuiert vorgetragene Vorträge der Fraktionen voraus. Die Entscheidungsfindung ist zu diesem Zeitpunkt längst abgeschlossen. Natürlich unterscheiden sich die Standpunkte der Fraktionen, aber die Sachdarstellung ist nach dem ersten Vortrag abgehakt. Und wird trotzdem wiederholt. Und nochmal. Und nochmal. Schließlich will keine Fraktion den anderen das Feld überlassen. Jeder redet so, als sei er (oder sie) allein verantwortlich für die Information der Besucher und Journalisten - die sich deshalb manche Dinge vier Mal anhören dürfen. Moment! Der Rat hat doch fünf Fraktionen! So ist es. Die kleinste - die FDP - ist die löbliche Ausnahme. Deren Sprecher Thomas Egger lehnt das verbale Wiederkäuen ab, manchmal sagt er nur: "Wir stimmen zu." Oder: "Wir sind dagegen." Die Sympathie der Zuhörer verhält sich oft umgekehrt proportional zur Länge des Redebeitrags. Egger weiß das und nutzt es. Damit lange Sitzungen nicht noch länger werden. Dafür hat er einen Sonderapplaus verdient. Jörg Pistorius