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Stahlwarenhaus Schmelzer seit fast 286 Jahren in Trier ansässig

Wirtschaft : „Mir fehlt ja nichts, ich kann nur nicht laufen“

Von Krieg bis Corona – das nach eigenen Angaben älteste Trierer Familienunternehmen trotzt allem. Seit fast 286 Jahren ist das Stahlwarenhaus Schmelzer hier ansässig. Simone Schmelzer zeigt sich kämpferisch.

Wie steht eine Geschäftsfrau, deren Unternehmen der Spanischen Grippe, dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg trotzte, zur Corona-Pandemie? Simone Schmelzer, die zusammen mit Ehemann Thomas Tippelt und Schwester Melanie Schmelzer das Stahlwarenhaus Schmelzer in der Trierer Nagelstraße führt, sagt schmunzelnd: „Wir haben die Kurfürsten und Napoleon überlebt, wir überleben hoffentlich auch Corona!“

Ob Kurfürst Franz Georg Reichsgraf von Schönborn seinerzeit im 1734 gegründeten Unternehmen eingekauft hat, ist zwar nicht überliefert. Aber offensichtlich trifft das Geschäft seit Generationen den Geschmack seiner Kunden. „Natürlich hatten wir es schwer, als der Lockdown kam“, sagt Simone Schmelzer und lobt in einem Atemzug ihre Angestellten: „Wir können uns auf unser Team verlassen, es steht voll hinter uns.“ So ist auch nach dem Lockdown die persönliche Beratung durch gut ausgebildetes Personal der Schlüssel zum Fachgeschäft.

In Verbindung mit der Einhaltung der Corona-Vorschriften fühlten die Kunden sich wohl, sagt Simone Schmelzer. Dass die Produktpalette Messer, Küchenutensilien und Kochgeschirr bietet, sei Glück im Unglück: „Weil die Leute nicht in Urlaub fahren und weniger in Restaurants essen gehen, verlagern sie sich auf das Kochen zu Hause.“ So ist jetzt wieder jede Kraft im Laden gefragt. „Die Kunden wissen, dass sie bei uns eine gute fachliche Beratung bekommen“, sagt Simone Schmelzer.

Auch sie würde liebend gerne wieder im Laden mithelfen. Doch sie ist seit zehn Jahren an chronisch-progredienter (fortschreitender) Multipler Sklerose erkrankt und zählt zur Risikogruppe. Obwohl sie die langsam fortschreitende Erkrankung vor drei Jahren in den Rollstuhl zwang, war sie bis zum Lockdown im Laden anwesend, beriet die Kunden, kassierte und führte Telefonate.

„Mir fehlt ja nichts, ich kann nur nicht laufen“, spielt die stets optimistische 57-Jährige ihr Schicksal herunter. Dabei wäre die Erkrankung mit allen Folgeerscheinungen für viele ein Grund zum Verzweifeln: Zweimal wöchentlich Physiotherapie, vierteljährliche Kortison-Stoßtherapien im Krankenhaus, unkontrollierte Verkrampfungen der Beine und Schmerzen machen ihr das Leben schwer.

Was andere als Faltenreduzierer oder Genussmittel nutzen, dient ihr zur Muskelentspannung und Schmerzlinderung – Botoxspritzen und medizinisches Cannabis. „Ich würde das auch lieber aus nicht-medizinischen Gründen nehmen“, scherzt sie und lacht auf. „Ich kann doch nicht wie ein Trauerkloß in der Ecke sitzen und heulen. Das hilft weder mir noch meinem Umfeld.“

An ihrem Optimismus habe ihr Mann Thomas Tippelt einen großen Anteil: „Er ist ein Sonntagskind!“ Er richte sie immer wieder auf, wenn sie doch mal mit dem Schicksal hadere, und reiße sie mit seiner guten Laune mit. Zum Glück ist die Wohnung der Eheleute, die seit ihrer Schulzeit ein Paar sind, nur ein paar Meter vom Geschäft entfernt, sodass Thomas Tippelt schnell bei seiner Frau sein kann, wenn sie ihn braucht. Administrative Dinge und Telefonate erledigt Simone Schmelzer nun von zu Hause aus.

Was wäre, wenn sie selbst an Covid-19 erkranken würde, die MS sich massiv verschlechtern oder ein weiterer Personalausfall hinzukäme? Diese Fragen blendet die Geschäftsfrau aus. „Wenn wir darüber nachdenken würden, ,was wäre, wenn’, dann wären wir nicht selbständig.“ Sie gibt zu, dass es ein stetiger Kampf ist, alles positiv zu sehen.

Für Menschen, die darüber jammern, während des Einkaufs eine Maske tragen zu müssen, hat sie nur ein Lächeln. „Unsere Leute haben sie den ganzen Tag an.“ Trotzig fügt sie hinzu: „Es ist im Moment eben so. Fertig!“

Ob dieser Satz auch für die neun vorherigen Generationen des Hauses Schmelzer der Schlüssel fürs Überleben war, ist nicht überliefert, aber anzunehmen.