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Stefanie Stahl findet Ehrlichkeit beim Seitensprung nicht immer richtig

Best of 2022 : Beziehungs-Tipps von Stefanie Stahl: Eifersucht liegt in den Genen

Wie wichtig sind Ehrlichkeit, Unabhängigkeit oder Sex für eine gute Beziehung? Und was tun nach einem Seitensprung? Lesen Sie hier in einem Artikel aus dem Best of 2022, was die Trierer Psychotherapeutin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl sagt.

Gegensätze ziehen sich an? Gleich und gleich gesellt sich gern? Es wird viel darüber spekuliert, was eine gute Beziehung ausmacht. Wir haben die Trierer Psychotherapeutin Stefanie Stahl gefragt, wie wichtig ist das miteinander Reden, sind gemeinsame Interessen, wie wichtig sind Selbstvertrauen, Kinder oder Sex? Lesen Sie die teils erstaunliche Einschätzung der erfolgreichen Autorin.

Wie wichtig sind miteinander sprechen und zuhören für eine gute Beziehung?

Stefanie Stahl: Es ist sehr wichtig, dass man einander zuhört und miteinander redet, vor allem, wenn einer der Partner sich nicht wohl fühlt. Konflikte sollten nicht unter den Teppich gekehrt werden. Das gilt vor allem bei konfliktscheuen Menschen, die sich nicht öffnen, nicht reden und irgendwann die Partnerschaft verlassen, obwohl bis dahin nie ein böses Wort gefallen ist. Dann sagt der andere zurecht: ‚Warum hast du nicht beizeiten gesagt, was dir nicht gepasst hat?’ Konflikte zu scheuen, kann eine Partnerschaft sehr belasten. Auf der anderen Seite wird das miteinander Reden auch ein wenig überschätzt – vor allem von Frauen. Sie beanspruchen oft die Deutungshoheit, was eine gute Beziehung ausmacht, und fordern von ihren Männern das Reden ein. Männer zeigen ihre Zuneigung aber mehr durch Taten und Worte. Sofern keine größeren Konflikte daraus resultieren, sollten die Frauen das auch akzeptieren und wertschätzen, was Männer für sie tun, statt zu reden.

Finanzielle Unabhängigkeit?

Das ist ein sehr zweischneidiges Schwert. Wenn Kinder da sind, muss einer der Partner zumindest zeitweise beruflich zurückstehen. Es ist wichtig, dass man Kinder nicht zu früh in die Kita oder Krippe gibt. Es ist für ihre Gehirnentwicklung sehr gut, wenn in den ersten beiden Lebensjahren eines der Elternteile bei ihnen ist. Rein biologisch ist dafür die Mutter etwas gefragter als der Vater, weil sie durch die Schwangerschaft die vertraute Bezugsperson ist und dem Kind am meisten Sicherheit geben kann. Das kann natürlich ein zugewandter Vater auch, aber schnellere Beruhigung liefert eher die Mutter. Wenn das Gehaltsniveau in Beziehungen sehr unterschiedlich ist, kann die Entscheidung leicht fallen, wer zu Hause bleibt. Wenn das eine Beziehung belasten sollte, steckt dahinter vermutlich eher mangelndes Vertrauen, oder dass ein Partner sein Geld als Machtmittel verwendet.

Selbstständigkeit?

Selbstständigkeit ist sehr wichtig. Der Mensch hat das psychologische Grundbedürfnis nach Bindung oder Zugehörigkeit. Dazu braucht er Kompromiss- und Anpassungsfähigkeit. Er benötigt aber genauso Selbstbehauptungsfähigkeiten, weil er unter anderem auch über ein psychologisches Grundbedürfnis nach Autonomie und Kontrolle verfügt. Es ist wichtig, dass man seine Wünsche und Bedürfnisse in einer Partnerschaft vertreten kann. Wenn das nicht der Fall ist, dann fühlt man sich schnell eingeengt und hat das Gefühl, sich selbst zu verlieren. Das Ende vom Lied ist, das man die Partnerschaft beendet, weil man sich nur alleine als freier Mensch fühlen kann. Das ist aber nicht richtig. Es liegt dann meistens an den Betroffenen selbst, weil sie nicht in der Lage sind, sich selbst zu behaupten

Gemeinsame Interessen?

Es ist gut, dass man das ein oder andere Hobby miteinander teilt. Aber man bleibt interessant und spannend, wenn man auch seine eigenen Bereiche bewahrt und etwas zu erzählen hat, wenn man nach Hause kommt. Schwierig wird es, wenn Partner total unterschiedliche Freizeitbedürfnisse haben, wenn ständig Kompromisse gemacht und Diskussionen darüber geführt werden, wo es zum Beispiel im Urlaub hingehen soll. Um einmal privat zu werden: Ich spiele sehr gerne Klavier, mein Mann ist ein Kampfsportler. Das ist gut, aber wir gehen gemeinsam auch gerne wandern und ins Kino. Die Mischung macht’s.

Distanz und Nähe?

Das Kommt auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen an. Wenn beide Partner ein besonderes Bedürfnis nach Nähe haben oder beide Distanz brauchen, dann klappt das wunderbar. Aber der Grund für viele schwierige Beziehungen sind meistens sehr unterschiedliche Nähe- und Distanzbedürfnisse. Das bedeutet, der eine läuft immer der Nähe des anderen hinterher. Je mehr er das tut, desto mehr entfernt sich der andere. Dahinter stecken oft Bindungsängste.

Selbstvertrauen?

Selbstvertrauen ist sehr wichtig, weil es jeden davor bewahrt, ständig etwas in den anderen hineinzudeuten. Wenn ich Selbstvertrauen habe, gehe ich zunächst einmal davon aus, dass der andere zu mir steht, und er mich liebt, hinterfrage nicht dauernd oder bin nicht über die Maßen eifersüchtig. Umgekehrt passiert es, dass Menschen mit wenig Selbstvertrauen Nähe blockieren und sie vermeiden. Entweder wird aus mangelndem Selbstvertrauen geklammert oder aus Angst vor Verletzung vermieden, dass jemand zu nahe kommt. Selbstvertrauen ist also eine sehr gute Voraussetzung für eine glückliche Partnerschaft.

Eifersucht?

Ich glaube, dass Eifersucht in unseren Genen liegt. Es ist eine Einrichtung der Evolution, weil es darum geht, den Besitzstand zu bewahren. Es geht darum, dass der Vater oder die Mutter der Kinder da bleibt und hilft, sie gemeinsam großzuziehen und zu versorgen. Es ist ein motivierendes Gefühl, jemand anderen an sich zu binden. Wenn jemand überhaupt nicht eifersüchtig ist, weißt das auf einen Mangel an Bindungsfähigkeit hin. Eifersucht hat immer etwas mit Verlustangst zu tun und immer auch, dass man in seiner Eitelkeit und seinem Selbstbild gekränkt ist. Sicherlich mag es Menschen geben, die so erleuchtet sind, dass sie nie Eifersucht verspüren bei gleichzeitiger Liebesfähigkeit, persönlich kenne ich davon allerdings keinen.

Ehrlichkeit?

Wenn man weiß, dass der Partner ehrlich ist, hat man auch das Gefühl, sich auf ihn verlassen zu können. Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit gehören eng zusammen. Etwas differenzierter sehe ich das im Falle eines einmaligen Seitensprungs – sicher blöd, aber nun mal passiert. Ich bin nicht der Meinung, dass man das unbedingt beichten sollte. Das würde zwar das eigene Gewissen erleichtern, aber der Partner muss mit den damit einhergehenden Verletzungen zurechtkommen. Wenn man diesen Fehler schon einmal gemacht hat, sollte man die Nerven haben, ihn mit ins Grab zu nehmen. Man muss in einer Beziehung nicht 100 Prozent transparent, sondern auch noch man selbst sein. Deshalb sind auch kleine Geheimnisse okay. Sich völlig nackt zu machen, würde nur dem Kontrollbedürfnis des Anderen dienen.

Kinder?

Zunächst einmal muss man sich im Klaren sein, dass gemeinsame Kinder die Beziehung stark belasten. Sie stellen wahnsinnige Ansprüche. Aber sie können auch sinnstiftend und verbindend sein. Paare, die eine gute, tragfähige Beziehung haben, werden durch Kinder sehr bereichert, auch wenn sie manchmal am Rande der Erschöpfung sind, besonders, wenn die Kinder noch klein sind. Eine schon komplizierte Paarbeziehung wird durch Kinder noch schlimmer. Man soll sich nie einbilden, man könnte eine Beziehung durch ein gemeinsames Kind kitten. Meistens ist das Gegenteil der Fall, dann geht sie erst recht in die Brüche.

Altersunterschiede?

Bei starken Altersunterschieden können die Interessen und Perspektiven der einzelnen Partner durch die unterschiedliche Lebenserfahrung sehr weit auseinander liegen. Aber wo die Liebe hin fällt – es kann natürlich passieren. Insgesamt würde ich dem Alter nicht so viel Aufmerksamkeit beimessen, es sei denn, die Alters­unterschiede wären wirklich sehr groß. Aber ich beobachte, dass ältere Männer, die unbedingt immer jüngere Frauen an sich binden wollen, nach dem Motto, ich nehme keine Frau, die nicht mindestens 20 Jahre jünger ist, auch immer ein Selbstwert-Problem haben. Wenn eine ältere Frau umgekehrt das Gleiche sagen würde, dann wäre das auch ein Problem. Aber ich kenne das nur bei Männern, für sie ist eine jüngere Frau häufig ein Statussymbol.

Liebe?

Der riesige Anfangsrausch wird oft mit Liebe verwechselt. Aber es sind die Hormone, die verrückt spielen. Die große Liebe entdeckt man meistens erst in einer späteren Phase der Beziehung – wenn man Vertrauen spürt, merkt, wie gut es passt, zu schätzen weiß, was einem der andere Mensch gibt. Beziehungen, die schmerzhaft sind und sehr viel Anstrengung und Kraft kosten, haben nichts mit Liebe zu tun. Große, glückliche Liebesbeziehungen tun nicht weh und haben nicht so viel mit Arbeit zu tun. Sie haben sicher auch einmal einen Konflikt, der geklärt werden muss, aber das ist nicht an der Tagesordnung.

Sex?

Foto: picture alliance / Felix Kästle/dpa/Felix Kästle

Sex ist am Anfang einer Beziehung und in der Jugend sehr wichtig. Im Alter lässt auf beiden Seiten das Begehren nach, die Hormone und die Libido sinken, da darf man sich nichts vormachen. Die Sexualität verändert sich. Sie verändert sich natürlich auch in allen langjährigen Beziehungen, es sei denn, sie ist sehr schwierig und von Achterbahnfahrten geprägt. Aber überall da, wo Vertrauen entsteht, ist der Sex nicht mehr so leidenschaftlich wie am Anfang, aber trotzdem ist er wichtig. Viele Langzeitliebende haben nach wie vor Sex und freuen sich auch daran. Aber das Übereinanderherfallen ist nicht aufrechtzuerhalten, und man soll sich deswegen auch keinen Stress machen und meinen, bei anderen wäre es anders. Der rauschhafte Sex lebt vom Unbekannten, und dass man sich einander nicht sicher ist. Sex ist ja eine Maßnahme, um den anderen an sich zu binden. Wenn bei älteren Paaren der Sex ganz einschläft, ist das auch okay, aber wenn das mit 60 bis 65 Jahren schon der Fall sein sollte, sollte man noch einmal hinschauen und sich fragen, ob man schon zu sehr Bruder und Schwester geworden ist.