Steine statt Brot

Martin Luther

Zum TV-Artikel "Humanisten zeigen nackten Luther" vom 29. September:

Man möchte meinen, man lebe im Zeitalter des Steinewerfens. Die Person Martin Luther in dieser Weise herabzuwürdigen, zeigt ein nicht zu überbietendes Maß an Inhumanität ("Die Würde des Menschen ist unantastbar"), die sich mit dem mittelalterlichen Märtyrer Giordano Bruno und dessen Welt- und Menschenbild in keiner Weise in Einklang bringen lässt, dessen Stimme hier zu Unrecht "hintergründig" bemüht wird.
Man muss die Zeit sehen, in welcher Luther lebte. Sie war himmelschreiend. Luther sah die Mängel und Verbrechen seiner Zeit aufleuchten, nicht nur in der Kirche. Luther hat die Sünden der Kirche an den Pranger gestellt, gerechterweise, wie er meinte, musste er auch alles andere, was seinem Sinn für Gerechtigkeit widerwärtig schien, ans Licht bringen. Dafür war er Mensch und kein Heiliger, was auch nicht in seinem Streben lag. Hätte das Judentum damals, was man auch von der Kirche hätte erwarten sollen, getreu seiner Heiligen Schriften beispielhaft gelebt, so wäre bei Luther ganz gewiss kein Unmut aufgekommen.
Und wäre Martin Luther 400 Jahre später auf der Bildfläche erschienen, er hätte getreu seinem Wesenszug und Charakter die Juden vor dem Nationalsozialismus "in Schutz genommen". Seine Unbeugsamkeit, sein Sinn für das Menschliche und das getreue Festhalten an den Geboten hätten ihm auch das Ende gebracht. Für seine Verantwortung vor Gott wäre Luther in den Tod gegangen. Dafür war er ein zu starker Geist, ein Held zugleich, vor einer jämmerlichen Obrigkeit und vor Gericht. Luther wäre in der dunkelsten Zeit Deutschlands wieder vogelfrei gewesen, vogelfrei wie damals vor 500 Jahren.
"Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein" hat Luther ins Deutsche übersetzt. Die Initiatoren der Luther-Denkmal-Karrikatur kümmert das nicht. Sie streuen hingegen Hass und greifen an, weil sie nichts Besseres zu bieten haben. Sie vernichten statt aufzubauen. Sie bieten Steine statt Brot.
Hermann Wurzel
Lückenburg

Mehr von Volksfreund