Stimmgewaltige Erlebnisse in ungewöhnlichen Klangwelten

Stimmgewaltige Erlebnisse in ungewöhnlichen Klangwelten

Zum neunten Mal brachte das Opening Festival in der Tufa zeitgenössische multimediale Performancekunst nach Trier, die in diesem Jahr unter dem Motto "Stimme erheben" stand. Dabei wurden auch Trierer Bürger zu Akteuren. Aus ihren Stimmen, die sie in einer Aufnahmekabine abgegeben hatten, machten zwei Schweizer Musiker ein Konzert.

Trier. (ae) Neue Ästhetik, neue Klangwelten - zum neunten Mal bot das von Katharina Bihler und Stefan Scheib konzipierte Opening Festival spannende Erfahrungen. Drei Tage lang präsentierten Künstler eine Melange aus Sprache, Musik, Tanz und Videobildern, die auf ganz unterschiedliche Weise berührte. Den Humor-Nerv traf "Frankensteins Fridge", die Auftaktveranstaltung von Loosli Lounge, mit der spielerischen Einbettung von Kochrezeptfragmenten oder Lexikoneinträgen in Klanglandschaften aus E-Bass und Elektronik. Die nachfolgende Tanzperformance "Trip" von "White Horse", in der sich Tänzerinnen und Tänzer in pathetischen Gesten einer künstlichen Begeisterung verausgabten, riss hingegen körperlich so mit, dass eine Besucherin meinte, sie habe danach selbst Muskelkater gespürt. Intensive Erlebnisse bescherte auch der Samstagabend, der mit dem "Abstimmungskonzert" des Komponisten Philipp Läng und des Pianisten Simon Ho begann. Die beiden schufen aus Stimmen, die Trierer Passanten in einer Aufnahmekabine im Treppenhaus der Tufa aufgezeichnet hatten, und Instrumentalmusik Klangbilder zwischen Sinfonie, Chormusik und Hörspiel.

Athmosphärische Schwingungen



Die Kinderstimme, die ein Märchen erzählte, wurde beispielsweise von poetischer Pianomusik, elektronische Zusammenschnitte von Sprachfetzen, Wispern, Schnalzen, Gurgeln oder Gesang von rhythmischen Geräuschen selbst erfundener Musikinstrumente begleitet. Steinbeschwerte Stahlspiralen entsandten metallische Töne und Vibrationen, einer quer durch den Raum gespannten Saite entlockte Philipp Läng mit nassen Händen atmosphärische Schwingungen. Atmosphärisch ging es auch bei "Das Mollsche Gesetz: Heines Sklavenschiff" zu, einer Performance aus Text, Musik, Bild und Stille. In Sequenzen zu je 60 Sekunden spielten Trompeter Udo Moll, Bassist Sebastian Gramss und Posaunist Matthias Muche teils komponierte, teils improvisierte Musik, die den in gleich kurzen Häppchen von Matthias Scheuring vorgelesenen Text von Heines Sklavenschiff illustrierte. Jeder Abschnitt von Aktivität wurde von einer ebenso langen Phase absoluter Stille abgelöst, die das Gehörte nachwirken ließ. Beides ging zuweilen an die Grenzen des Erträglichen. Zur Förderung der teils verstörenden Stimmung, manchmal aber auch zu deren Milderung trugen effektvolle farbige Licht- und Bildprojektionen bei, die Luis Negron van Grieken simultan an einer Art Laterna Magica entwickelte.

Mit einem Einblick in den "handwerklichen" Hintergrund der Präsentation neuer Klangwelten klang das Festival am Sonntag im gemütlichen Festivalcafé aus. Die Künstlerin Hanna Hartmann erläuterte, wie sie Geräusche aus der Natur extrahiert und in neuem Kontext zu Musik formt.