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Syrer berichten dem TV über ihre Flucht nach Deutschland und ihr Leben in den Aufnahmestellen

Syrer berichten dem TV über ihre Flucht nach Deutschland und ihr Leben in den Aufnahmestellen

Was bringt Menschen dazu, ihre Heimat, ihre Familien, ihre Freunde zu verlassen? Die Gefahren der Flucht auf sich zu nehmen und sich aufzumachen in ein fremdes Land? Was haben diese Menschen erlebt? Eine Familie und die 29-jährige Nour haben dem TV von sich und ihrer Flucht nach Deutschland erzählt.

Trier/Wittlich/Damaskus. Trostlosigkeit ist grau, braun, weiß oder schwarz. Zwischen den hohen weißen Gebäuden auf dem Gelände der Aufnahmestelle für Asylbegehrende (Afa) in der Dasbachstraße Trier liegt überall Dreck - aufgeplatzte Müllsäcke, deren Inhalt über die Wege und Straßen verteilt ist. Dort, wo früher Tischtennisplatten und Fußballtore standen, sind jetzt weiße Container. Fenster ohne Gardinen geben den Blick in das Innere der notdürftigen Wohnräume frei.

Eine Mutter versucht, ihr Kind auf engstem Raum umzuziehen. Durch das Fenster kann jeder zuschauen. Eine Gruppe Jugendlicher läuft auf dem Gelände herum. Ihr beginnender Bartwuchs, ihr Versuch, cool durch die Straßen ihres trostlosen Exils zu streifen, täuscht nicht über ihre abgewetzten Jacken und ihre viel zu großen, abgetragenen Schuhe hinweg.
Nour bedeutet das Licht. Die junge Frau ist einer der wenigen Farbkleckse in der farblosen Flüchtlingsunterkunft. An einem trüben Tag sitzt die junge Frau im Kreativraum. An den Wänden hängen ihre Bilder, in den Regalen stehen Tonfiguren und Mosaike. Sie lebt, doch sie hat alles zurückgelassen.

In Syrien hat die 29-Jährige BWL studiert und für Samsung gearbeitet. Sie ist erfolgreich, verheiratet, hübsch, klug. Und heimatlos. Seit vier Monaten lebt sie in Deutschland. Zuerst in der Aufnahmestelle in Trier, dann in Wittlich. Ihre Liebe zur Malerei sei eines der wenigen Dinge, die Farbe und Hoffnung in ihr Leben bringen, sagt die junge Frau. In ihren bunten Bildern verarbeitet sie ihre Ängste. Solange sie malen kann, hat sie ihre Hoffnung noch nicht verloren. Diese Leidenschaft und ihre Nächstenliebe hätten sie aber auch fast ihr Leben gekostet.

Auch Namika Adnan (Name geändert) war dem Tod sehr nahe - auf der Flucht. Gemeinsam mit ihrem Mann Arif Adnan (Name geändert) und ihren vier Kindern ist sie von Syrien nach Deutschland geflohen. Namika Adnan und ihr Mann wurden bereits als Flüchtlinge geboren: als Syrer palästinensischer Abstammung in einem Flüchtlingslager in der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Vor etwa zwei Jahren flüchten sie in den Libanon. Dort blieben sie eineinhalb Jahre. Planten ihre Flucht nach Europa. Vom Libanon geht es durch den Sudan nach Libyen. Mit zwei Autos und zehn Menschen quer durch die Wüste. Durst, Hunger und Hitze - jeden Tag. Gemeinsam mit noch mehr Menschen und noch weniger Platz führt die Flucht der sechsköpfigen Familie mit dem Boot bis nach Italien. "Auf dem Schiff habe ich zwischen Tod und Leben gestanden. Aber ich hatte nie Angst vor dem Tod, nur Angst, dass meine Kinder ohne Mutter aufwachsen müssen", sagt Namika Adnan.

Auch Nour hat auf ihrer Flucht schlimme Dinge erlebt. Sie verlässt ihr Land, weil sie in Syrien in einem Waisenhaus ehrenamtlich Malkurse für Kinder gibt. Das wird ihr zum Verhängnis. "In den Waisenhäusern sind Kinder jeder Herkunft und Religion untergebracht. Ich habe sie alle gleich behandelt, aber Neutralität wird in Syrien nicht geduldet." So macht sie sich beide Seiten, die Regierung und die Rebellen, zu Feinden. "Ich hätte mich für eine Seite entscheiden müssen." Ein Kollege verrät sie. Er schickt einen Bericht an den Geheimdienst. Nour muss zehn Tage ins Gefängnis. In ihrem Land gilt sie als Terroristin. Auch ihr Mann wird eingesperrt.

Der Apotheker hat Bedürftige illegal mit Medikamenten versorgt. "In Syrien gibt es keine Menschenrechte." Die beiden sehen den Krieg, den Tod und die Zerstörung. Mit ihrem Mann flüchtet sie über Jordanien in den Irak. Dort leben sie eineinhalb Jahre. Als sie hören, dass die IS, die Truppen des syrischen Staats, auch in den Irak kommen, hat sie Todesangst. "Der Isis enthauptet alle Aleviten sofort, sagt man." Sie flieht alleine. Für zwei reicht das Geld nicht aus.
(Anmerkung der Redaktion: Isis: Islamischer Staat im Irak und Syrien ist eine dschihadistisch-salafistische Terrororganisation; Aleviten: Glaubensanhänger innerhalb des schiitischen Islams).

Während Nour von ihrer Flucht erzählt, wird ihre Stimme heller, panischer, schneller. Sie sitzt weiterhin ruhig auf ihrem Stuhl, doch unter dem Tisch reibt sie nervös ihre Hände ineinander. Sie ringt um Worte, presst die Sätze heraus. "Diese Schleuser sind Kriminelle, Menschen, denen man nicht vertrauen kann. Viele haben versucht, mich zu belästigen."

Ihre Flucht dauert zwei Monate. Ihr Weg führt sie durch die Türkei, nach Griechenland. Sie braucht zwei Versuche, um weiter nach Ungarn zu fliehen. LKW-Fahrer nehmen sie mit, verstecken sie. Obwohl sie krank wird, schafft sie es bis nach Dortmund. Dort wird sie aufgegriffen und nach Trier verlegt.

Als Familie Adnan in Italien angekommen ist, fliehen sie weiter über Rom nach Mailand. Zwei Tage ist der Mailänder Bahnhof ihr Zuhause, bis es mit dem Zug weiter nach München geht. Dort kommen sie in die Aufnahmestation und werden einige Wochen später nach Trier verlegt. Zwei Monate und fünf Tage dauert ihre Flucht vom Libanon nach Deutschland.

Familie Adnan und Nour haben es geschafft. Sie haben überlebt.

"Die meisten fliehen wegen des Kriegs, sehen aber mehr Tote auf der Flucht", sagt Arif Adnan. Er erzählt, dass auf dem Weg nach Europa viele Menschen in der Wüste, in den Wäldern und auf dem Meer sterben.

Sie überschlagen sich mit dem Auto in der Wüste, verdursten, sterben in den Wäldern Mazedoniens an Unterkühlung oder kentern mit dem Boot vor Italien. "Wer überlebt und ein paar Habseligkeiten retten kann, wird oft von kriminellen Banden ausgeraubt", sagt Adnan. In Deutschland angekommen leben die Flüchtlinge dann auf engstem Raum, trostlos und in Ungewissheit. "Das Warten ist das Schlimmste", sagt Arif Adnan. Bad und Küche teilen sie sich mit anderen Familien. "Der Müll liegt überall herum, und es ist oft so dreckig und eklig, dass man sich nicht traut, zu kochen", bemängelt Namika Adnan.

Doch das alles nehmen sie in Kauf. Denn sie hoffen auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder, von denen die zwei ältesten einen Hochschulabschluss haben. Alif Adnan wünscht sich, in Deutschland als Bauleiter zu arbeiten. Bis dahin ist jeder Tag in der Trostlosigkeit ein Tag in Sicherheit. Langeweile und Eintönigkeit bestimmen ihren Alltag und vermischen sich mit der Angst, wieder abgeschoben zu werden.

Zurück nach Syrien oder in den Irak - das möchte sie auf keinen Fall. Sie vermisst nichts. Nicht die Wärme, nicht das Licht. "Es gibt dort so viel Hass zwischen den Menschen." Hass, der sich, wenn sie heimkehren würde, auch gegen sie richten könnte. Flüchtlinge, die zurückkehren, gelten als feige und werden von ihren Landsleuten verachtet, erzählt sie. Ihre Mutter hat Nour zwei Jahre, ihren Mann sechs Monate nicht mehr gesehen. "Einerseits fühle ich mich sicher, andererseits habe ich ein schlechtes Gewissen, weil mein Mann und meine Mutter nicht in Sicherheit sind. Ich möchte sie unbedingt hierherbringen." Die Familienzusammenführung gilt allerdings nur für minderjährige Kinder und Ehepartner.

Ein paar Tage nach dem Gespräch mit dem TV bekommt Nour die ersehnte Aufenthaltsgenehmigung. Jetzt muss sie eine Wohnung finden, in der sie und ihr Mann leben können, erst dann kann ihr Mann ebenfalls einen Asylantrag stellen. So lange muss sie noch hoffen. Hoffnung, dass das Warten bald ein Ende hat. Hoffnung, ein neues Leben in Deutschland beginnen zu können. Nours Farbe der Hoffnung ist bunt - so bunt wie ihre Bilder.