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Tausende Menschen trauern in Trier um die Opfer der Amokfahrt

Nach der Amokfahrt : Die Porta Nigra wird Ort des stillen Gedenkens

Fassungslosigkeit und Entsetzen prägen die Gedenkfeier am Tag nach der Amokfahrt. Die Porta Nigra wird zu einem Ort der Trauer.

Weinend liegen sich sechs Schülerinnen in den Armen. Sie haben für die 52-jährige Lehrerin ihrer Schule gerade ein Plakat zu dem Meer von Kerzen gelegt, das am Fuße der Porta Nigra an die Opfer der Amokfahrt erinnert. Die Frau war am Dienstagabend an ihren Verletzungen gestorben. Sie ist das fünfte Todesopfer einer Tat, die noch immer niemand fassen kann.

Um der allgemeinen Trauer einen Ort zu geben, hat Oberbürgermeister Wolfram Leibe das 1800 Jahre alte Stadttor zur Gedenkstätte erklärt. „Warum haben Menschen in dieser langen Zeit nicht dazugelernt?“, fragt er und kann seine Stimme ebenso schwer unter Kontrolle halten wie kurze Zeit später Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Sie ist mit ihrem Mann Klaus Jensen zur Porta gekommen, um gemeinsam mit dem Oberbürgermeister Kränze niederzulegen.

Trier trauert und steht zusammen nach der Amokfahrt

Wegen Corona sollte der Termin dafür ursprünglich nicht kommuniziert werden. Der Druck der Öffentlichkeit und der Medien aus ganz Deutschland und Europa ließ das nicht zu. Über Trier wird in diesen Tagen überall berichtet. Leider anders, als es sich alle gewünscht hätten, die sich am Mittwoch bereits ab den frühen Morgenstunden auf dem großen Platz vor dem römischen Tor versammelt haben. Alle tragen vorschriftsmäßig Masken. Viele verbergen darunter tiefe Bestürzung und Tränen. Die Stimmung ist so gedrückt wie in der ganzen Innenstadt, die der mutmaßliche Täter zum Schauplatz eines blutigen Verbrechens gemacht hat. An den Stellen, an denen Menschen starben – darunter auch ein 45-jähriger Zahnarzt und dessen neun Wochen altes Baby –, werden im Laufe des Tages weitere Orte des Gedenkens entstehen.

Auch Religionslehrerin Katharina Klüsche ist mit ihrer 13. Klasse aus dem Max-Planck-Gymnasium zur Gedenkstunde gekommen. „Die Schüler haben sich dafür entschieden, hierher zu gehen“, sagt sie. Katharina Grandjean ist mit ihrem Mann da. Beide entzünden Kerzen und stellen sie auf eine der Säulenstümpfe, die ebenfalls zu kleinen Stätten der Andacht werden. „Diese Tat ist unfassbar. Wir sind einfach schockiert.“ Auch Alt-Oberbürgermeister Helmut Schröer ist unter den Trauernden. „„So etwas hatten wir in Trier noch nie“, sagt er. Christian Baldauf, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, ist ebenfalls entsetzt. „Jetzt müssen vor allem die Angehörigen auffangen werden.“

Fast jeder auf dem Platz kennt jemanden, der unmittelbar oder indirekt von der unerklärlichen Todesfahrt betroffen ist. So scheint es zumindest. Auch Oberbürgermeister Wolfram Leibe spricht in seiner Rede von „der kleinen Stadt Trier“, in der es bei einer solchen Tat keine Anonymität gebe. „Trier trauert, Trier leidet, Trier resigniert aber nicht.“ Mit diesem Satz spricht er den vielen Menschen auf dem Porta-Nigra-Vorplatz aus dem Herzen. Spontaner Applaus. Den gibt es auch für das Lob und die Anerkennung für die Polizei, Rettungsdienst und das Ordnungsamt.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer war bereits am Abend des Tat-Tages an die Porta gekommen. Nun wendet auch sie sich mit bebender Stimme an die Menschen. „Kein Wort kann das Leid der betroffenen Menschen lindern“, sagt sie. „Aber wir versichern den Trauernden und Verletzten: Sie sind in ihrem Schmerz nicht allein.“ Dreyer spricht von „vier tödlichen Minuten“, bis die Polizei den Fahrer festnehmen konnte. Wie Oberbürgermeister Wolfram Leibe wertet sie die Tat als Mord, also berechnend. Davon geht derzeit auch der Leitende Oberstaatsanwalt Peter Fritzen aus.

 Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Oberbürgermeister Wolfram Leibe legen an der Porta Nigra Kränze in Erinnerung an die Toten der Amokfahrt durch die Trierer Innenstadt nieder.
Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Oberbürgermeister Wolfram Leibe legen an der Porta Nigra Kränze in Erinnerung an die Toten der Amokfahrt durch die Trierer Innenstadt nieder. Foto: Rainer Neubert
 Die Anteilnahme der Menschen am Tag nach der Amokfahrt in Trier ist groß.
Die Anteilnahme der Menschen am Tag nach der Amokfahrt in Trier ist groß. Foto: Rainer Neubert
 Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Oberbürgermeister Wolfram Leibe haben an der Porta Nigra Kränze in Erinnerung an die Toten der Amokfahrt durch die Trierer Innenstadt niedergelegt. Dort und an verschiedenen Stellen der Fußgängerzone trauern tausende Menschen.
Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Oberbürgermeister Wolfram Leibe haben an der Porta Nigra Kränze in Erinnerung an die Toten der Amokfahrt durch die Trierer Innenstadt niedergelegt. Dort und an verschiedenen Stellen der Fußgängerzone trauern tausende Menschen. Foto: Rainer Neubert

Weihbischof Franz-Josef Gebert und Superintendent Jörg Weber spenden in der Gedenkfeier Trost. Dann verneigen sich die Repräsentanten des Stadtrats und nahezu jeder Institution der Stadt symbolisch vor den beiden Kränzen. Die Menschen in Trier brauchen noch Zeit für ihre Trauer, das ist am Ende der Gedenkfeier an diesem grauen Mittwoch greifbar. Am Donnerstag gibt es dafür noch einmal Anlass. Ab 13.46 Uhr werden die Kirchenglocken läuten. Vier Minuten lang.