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Telefonhäuschen wird zur Bibliothek

Telefonhäuschen wird zur Bibliothek

Im Trierer Schammatdorf steht eine Telefonzelle der besonderen Art: Sie ist dunkelrot, mit einer Reihe von Regalen bestückt und beherbergt fast 300 Bücher. Eine öffentliche Bibliothek für jedermann. Am Wochenende wird die "erste Trierer Bücherzelle" eingeweiht.

Trier. In Zeiten von Mobiltelefonen hat die klassische Telefonzelle einen schweren Stand. Wer nutzt schon noch das alte Münztelefon, wenn ein Griff in die Hosentasche für einen Anruf genügt? Doch was tun mit den altgedienten gelben Telefonhäuschen, die doch lange Zeit zum Stadtbild gehörten? Eine kreative Lösung haben die Bewohner des integrativen Wohnprojekts Schammatdorf in Trier-Süd gefunden: In einer ausgemusterten Telefonzelle sammeln sie Romane, Sachbücher und Lexika und betreiben praktisch eine eigene Bibliothek im Glaskasten.
Die Dimension der neuen Bücherzelle ist überschaubar: Auf einem Quadratmeter Fläche finden sich 300 Bücher. Die Zelle würde damit über 20 000 Mal in die Bibliothek der Universität Trier passen. Die Regeln der Bibliothek sind dagegen simpler als beim großen Bruder an der Hochschule: "Unsere Bücherzelle funktioniert eher als Tauschbörse", erklärt Sarja Herres vom Verein Schammatdorf. "Jeder kann Bücher frei mitnehmen, aber auch selbst Werke reinstellen." Die Idee für die Bücherzelle kam von der Themse an die Mosel: Eine Anwohnerin hatte im Urlaub in England eine solche außergewöhnliche Bibliothek entdeckt und im Trierer Süden vorgeschlagen. Seitdem können die Bürger im Schammatdorf von der "Deutschstunde" und "Robinson" bis hin zum Kochbuch ihren literarischen Hunger in der rot umlackierten Telefonzelle stillen.
Die Resonanz auf das Projekt ist durchweg positiv: "Das Projekt kommt extrem gut an, bisher hat niemand die Zelle leer geräumt, und vor allem die Kinder stöbern oft in den Büchern", sagt Initiatorin Sarja Herres. Zudem habe eine Besuchergruppe aus Saarbrücken die Idee bereits für ihr Stadtviertel übernommen. Ein eigenes Bild von Triers kleinster Bücherei können sich Besucher bei der offiziellen Einweihung der Bücherzelle am Sonntag, 1. Mai, um 16.30 Uhr machen. Es gibt einen Bücherflohmarkt und ein Fest.
Das Schammatdorf ist ein soziales Wohnprojekt der Abtei St. Matthias. In den 144 Wohnungen der Siedlung leben Familien mit Kindern, Menschen mit und ohne Behinderungen, Rentner oder auch Alleinerziehende zusammen. Der Verein Schammatdorf e.V. wurde 1984 ins Leben gerufen, um Solidarität und Integration in der Siedlung zu fördern. maw