Texte zum Klingen bringen

Zur Verschmelzung der Talente zweier weltberühmter Söhne der Region ist es im Rahmen der Stadtwoche Schweich gekommen: Der Opernstar Franz Grundheber brachte mit seiner Stimme Texte des Schriftstellers Stefan Andres zum Klingen. Die Lesung in der Schweicher Synagoge stieß auf großes Publikumsinteresse.

Schweich. Im Terminkalender von Franz Grundheber reihen sich Orte wie Wien und Tokio aneinander. Wie kommt es also, dass zwischen all seinen Verpflichtungen als Opernbariton an den großen Häusern der Welt plötzlich "Lesung in Schweich" steht? Die Antwort verdichtet der Sänger in Zeilen eines Schumann-Liedes aus seinem ersten Auftritt in der Schweicher Synagoge 1993: "Aus der Heimat". Denn ihr fühlt sich der gebürtige Trierer verbunden, sei es durch die seit Kindertagen andauernde Freundschaft zum Vorsitzenden der Stefan-Andres-Gesellschaft, Wolfgang Keil, oder das mit ihm geteilte Bestreben, ein kulturelles Erbe der Region zu wahren. Und deshalb ist er nun da, um zugunsten der Andres-Gesellschaft erstmals in seinem Leben öffentlich Literatur zu lesen.

Gelockt hat ihn auch, seinen Ansatz beim Gesang ("Ich gestalte Farbe und Phrasierung immer vom Text her") auf die Rezitation der "verschrobenen und verschachtelten Sätze" von Stefan Andres (1906 - 1970) zu übertragen. Das gelingt zum Genuss des Publikums in der ausverkauften Synagoge bestens. In der mit "Die Welt als Schöpfung", "Der Gang der Weltenmühle" und "Lyrisches Verweilen" überschriebenen dreiteiligen Lesung verleiht er verschiedenen Textgattungen mit seiner tiefen, mal sensibel, mal kraftvoll eingesetzten Stimme sinnlich erfahrbaren Ausdruck. Das pendelt zwischen heiterem Optimismus, verschmitzter Ironie, dunkler Dramatik und philosophischer Nachdenklichkeit, je nach Inhalt. Er liest Anekdoten mit biblischen Motiven (Noah und seine Kinder), Legenden aus der Antike (Kaiser Tiberius und der Bettler), autobiografisch gefärbte Novellen aus der Region (Die Vermummten, Die unsichtbare Mauer) und Lyrik zum Thema Tod.

Durchweg geht es um die Entwicklung des Menschen im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Schuld, das für Stefan Andres, der aus Nazi-Deutschland ins italienische Exil flüchtete, besondere Bedeutung hatte. Einige der vermeintlich harmlosen Geschichten entpuppen sich denn auch als die Zensur täuschende politische Gleichnisse. Grundhebers Verdienst an diesem Abend ist nicht nur, dass er diese, teils bislang in Archiven verschollenen Texte klar, lebendig und wohlklingend zu Gehör bringt. Er leistet vor allem, dass auch "Nicht-Andresianer" Zugang zum Werk des Literaten finden und neugierig auf mehr sind. Schönen Nachhall findet das alles in der musikalischen Umrahmung des Abends. Gerd Demerath spielt auf historischen Lauten und Gitarren filigrane Renaissancemusik aus Stefan Andres' Exilland Italien.