Theater-Diskussion: Trierer Grüne schießen scharf, aber daneben

Theater-Diskussion: Trierer Grüne schießen scharf, aber daneben

Die Stadtratsfraktion der Grünen wirft Oberbürgermeister Wolfram Leibe Fehler vor im Rechtsstreit um die Kündigung von Theater-Schauspielchef Ulf Frötzschner. Die Vorwürfe basieren allerdings auf komplett falschen Annahmen.

"Die neue Sachlichkeit" Das klingt wie der Titel einer durchdachten Abhandlung darüber, wie vernünftig an Problemen gearbeitet und gemeinsam die beste Lösung gefunden werden kann. Die Pressemitteilung, die die Trierer Grünen diese Woche an einen breiten Verteiler unter der Überschrift "Die neue Sachlichkeit" geschickt haben, ist jedoch alles andere als das: Die Stadtratsfraktion schimpft in teils polemischem Ton auf Oberbürgermeister Wolfram Leibe, stellt reihenweise falsche Behauptungen auf - und facht damit das ohnehin schon lodernde Feuer im Rechtsstreit um Schauspieldirektor Ulf Frötzschner weiter an.

Beim Termin vor dem Frankfurter Schiedsgericht sei Theaterintendant Sibelius "meines Wissens nach nur als Zeuge geladen und nicht als Verhandler für die Stadt, die von einem Anwalt vertreten wurde", keilt Petra Kewes, Fraktionsvorsitzende der Grünen, gegen den Stadtvorstand aus. Ihre Darstellung ist falsch: Wie aus der Ladung des Gerichts hervorgeht, die dem TV als Kopie vorliegt, war Sibelius direkt vom Gericht angeschrieben worden, und zwar als Vertreter der Stadt, nicht als Zeuge. Sibelius hatte die Ladung per Unterschrift bestätigt - ohne Kulturdezernent Thomas Egger oder Oberbürgermeister Wolfram Leibe zu informieren. Der Anwalt, der zuvor schon die fristlose Kündigung Frötzschners begleitet hatte, war ebenfalls nicht vom Stadtvorstand nach Frankfurt geschickt worden - wie Kewes mit ihrem Vorwurf implizit unterstellt -, sondern Sibelius hatte ihn informiert.

Falsch in der Pressemitteilung der Grünen ist auch die Behauptung, vom Schiedsgericht stamme der Vorschlag, Frötzschner eine Abfindung von 100.000 Euro zu zahlen und ihn nicht ans Theater zurückkehren zu lassen. Richtig ist, dass Intendant Sibelius dieses Angebot gemacht hat- ohne Rücksprache mit Kulturdezernent oder Oberbürgermeister. Das Gericht hatte bei der Güteverhandlung dagegen vorgeschlagen, Frötzschner für ein Jahr ans Theater zurückkehren zu lassen, anschließend den Vertrag aufzulösen und eine Abfindung von 50.000 Euro zu zahlen. Diesen Vorschlag anzunehmen, will Egger nächster Woche dem Kulturausschuss vorschlagen. So, wie von ihm und Leibe bei einer Pressekonferenz am Montag angekündigt .

Aus ihrer falschen Behauptung, der 50.000-Euro-Vorschlag sei vom Oberbürgermeister erdacht worden, leiten die Grünen "einen nicht hinnehmbaren Alleingang" Leibes ab, wie Johannes Wiegel, der für die Grünen im Kulturausschuss sitzt, kundtut. Dass die Grünen ihre falschen Behauptungen für bare Münze nehmen, lässt die Pressemitteilung absurde Züge annehmen. Eine "Richtigstellung" wäre bei der Pressekonferenz am Montag die "dringlichste Aufgabe des Oberbürgermeisters gewesen", ätzt Kewes unfreiwillig komisch.

Abschließend werfen die Grünen Oberbürgermeister Leibe vor, "statt zur Sachlichkeit zurückzukehren, Öl ins Feuer zu gießen". Das Theater werde so "zum Spielball verschiedener machtpolitischer Ränkespiele".

Vom TV auf die Fehler und daraus resultierende falsche Vorwürfe der Pressemitteilung aufmerksam gemacht, rudert Fraktionschefin Kewes zurück: "Wir haben die Dinge nicht recherchiert, haben nicht mit Sibelius gesprochen und auch nicht mit dem Schiedsgericht oder der Stadtverwaltung. Dass angeblich alles ganz anders sei, als von der Verwaltung bislang dargestellt, hatte uns ein Verwaltungsmitarbeiter berichtet - aber offenbar war dieser falsch informiert." Auch der Nachwuchsgrüne Johannes Wiegel, der die Pressemitteilung verfasst hat, gab sich am Donnerstag kleinlaut: "Das ist jetzt natürlich ganz dumm gelaufen", kommentierte er im Gespräch mit dem TV die Angelegenheit.

Oberbürgermeister Leibe bleibt sachlich: "Ausdrücklich" begrüße er die Aufforderung, mehr Sachlichkeit in der Debatte rund um das Theater Trier walten zu lassen. "Umso unverständlicher ist, dass genau diese Mahnung der Grünen mit einer nachweislich unrichtigen und unsachlichen Darstellung der aktuellen Entwicklungen einhergehen."
Die Pressemitteilung im Original als PDF finden Sie hier:

Extra

Die Grünen sind offenbar gegen eine Rückkehr von Schauspielchef Frötzschner ans Theater. Die Zahlung einer Abfindung von 100.000 Euro wäre finanziell "darstellbar", erklärt Fraktionschefin Kewes. Tatsächlich hatte der Stadtrat auf Vorschlag der Verwaltung in die Haushaltsbilanz eine Rückstellung von 300.000 Euro vermerkt, um möglicherweise drohende Abfindungen an gekündigte Theatermitarbeiter zahlen zu können. Schließlich klagt derzeit nicht nur Frötzschner, sondern auch Sänger Christian Sist und Ex-Marketingchefin Susanne Reinhard gehen gegen die Auflösung ihrer Verträge vor.
Meinung

Von Christiane Wolff

Die Grünen haben sich mit ihrer Pressemitteilung aus der seriösen Diskussion um das Trierer Stadttheater herauskatapultiert. Wer in einer so komplexen und populistisch aufgeheizten Gemengelage einfach mal abseits aller Fakten so fest und überheblich draufhaut, wie es nur geht, der ist kein seriöser Gesprächspartner mehr. Mit einem "Hoppala, dumm gelaufen" können sich Fraktion und Partei nicht retten. Der Stadtrat ist schließlich kein Kindergarten, die Stadtpolitik keine Spielwiese. Man muss bei den Grünen so viel Erfahrung, Können und Seriosität voraussetzen dürfen, dass so etwas einfach nicht passiert.
Mit ihrer unsäglichen Verlautbarung haben die Grünen dabei sich nicht nur selbst geschadet. Der Eindruck, dass die Stadt von fachlichen und politischen Laien regiert wird - Oberbürgermeister und Dezernenten dürfen schließlich nur das tun, was der Stadtrat ihnen aufträgt - dürfte sich bei den Bürgern der Stadt durch solche Aktionen verfestigen und der Politikverdruss steigen. c.wolff@volksfreund.de

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