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Theaterensemble „Joya Ghosh and Friends“ präsentierte im Kasino das Einpersonenstück „Rotes Kaninchen, weißes Kaninchen“ des Exiliraners Nassim Soleimanpour

Theater : Ausgegrenzt, rechtlos, unterdrückt

Das Theaterensemble „Joya Ghosh and Friends“ präsentierte im Kasino das Einpersonenstück „Rotes Kaninchen, weißes Kaninchen“.

Ein Stuhl war für den Autor Soleimanpour frei gehalten worden, falls er sich überraschend die Aufführung seines oft gespielten Stückes hätte ansehen wollen. Denn auch er selbst, wie der Hauptdarsteller, wusste nicht, wie sich die Inszenierung im Kasino gestalten würde. Sein Stuhl blieb leer, aber auf den anderen Plätzen – coronabedingt reduziert – saßen Zuschauer, die ganz neugierig auf ein Experiment waren: Wie setzt der Saarbrücker Schauspieler Jörg Harald Werron spontan einen Text, den er erst zu Beginn der Aufführung von der Regisseurin Joya Ghosh in einem verschlossenen Kuvert überreicht bekommt, in lebendiges, bewegendes Theater um?

Um es vorwegzunehmen: Werron gelang dies auf überzeugende Weise. Der Text verlangte ihm ab, spontan die verschiedensten Rollen zu spielen. Die eines Lesers, die des Autors, die eines Moderators, der intensiv mit dem Publikum interagierte, und die eines Schauspielers, der die unterschiedlichsten Figuren oder Aufgaben laut Regieanweisung im Text oder durch Zuruf der Regisseurin umzusetzen hatte. Eine bravouröse Leistung.

Trugen die erheiternden und phantasievollen Improvisationen zum Theatergenuss und Vergnügen des Publikums bei, so blieb einem doch der eine oder andere Lacher im Halse stecken. Zu dunkel sind die Themen, die im Text unterschwellig oder ganz offen zur Sprache kommen: Rechtlosigkeit, Unterdrückung, Manipulation, Machtmissbrauch.

Hier spiegeln sich die Erfahrungen wider, die Soleimanpour im Iran machte, als er das Stück 2010 mit 29 Jahren schrieb. Weil er den Wehrdienst verweigert hatte, wurde ihm der Pass entzogen, so dass er im Land eingesperrt war. So blieb ihm nur seine schriftstellerische Phantasie: Er selbst konnte nicht reisen, aber sein Stück überschreitet Raum und Zeit und prangert nicht nur die Zustände in seinem Land an, sondern darüber hinaus auch Unfreiheit und Repression in anderen totalitären Ländern.

In den Aufgaben, die Soleimanpour dem Schauspieler und dem Publikum stellt, wird manches davon reflektiert: Wie weit sind wir bereit, Menschen auszugrenzen, ja physisch zu bestrafen, die Verlierer sind oder einfach nur anders? Man zuckt betroffen bei den Reaktionen und Antworten zusammen.

Es gab beklommene Reaktionen des Publikums auf die düsteren Themen des Stückes, doch es behielten die vielen vergnüglichen und komischen Momente am Schluss die Oberhand, nicht zuletzt durch die Spielfreude des Darstellers Werron, die gelungenen Improvisationen und die bereitwillige Beteiligung des Publikums an dem Spektakel, das nur ein Mal in Trier aufgeführt wurde.