Theatersanierung kostet mindestens 55 Millionen Euro – Dezernent und Ausschuss ratlos

Theatersanierung kostet mindestens 55 Millionen Euro – Dezernent und Ausschuss ratlos

„Sanieren im Bestand“ – diese Devise hat der Trierer Stadtrat 2013 für das marode Stadttheater ausgegeben. Und gehofft, damit günstiger wegzukommen als mit einem bis dato geplanten Neubau. Die Rechnung geht allerdings nicht auf, wie die Kostenprognose zeigt, die Kulturdezernent Thomas Egger am Donnerstag vorgestellt hat.

Die Machbarkeitsstudie, die das Fachbüro Theapro im Auftrag des Stadtrats erstellt hat, führt unterschiedliche Zukunftsszenarien für das Große Haus am Augustinerhof auf. Grundsätzlich stehen drei Alternativen zur Disposition: bloße Instandsetzung (31,35 Millionen Euro), Sanierung plus Erweiterungsanbau am Augustinerhof (41 bis 42 Millionen Euro) und kompletter, riesiger Neubau am Augustinerhof (zwischen 75 und 111 Millionen). Bei den Varianten Instandsetzung und Sanierung plus Erweiterungsbau kommt der gewünschte Neubau eines zusätzlichen Kammerspielhauses dazu (8 bis 9,6 Millionen Euro) und die Einrichtung eines Zweitstandortes (12,5 Millionen Euro).

Die Alternativen im Einzelnen:

Sanierung im Bestand: Der 1964 errichtete Theaterbau wird für 31,5 Millionen Euro auf Vordermann gebracht. Das Problem: Das Gebäude ist für einen modernen Mehrspartenbetrieb viel zu klein, Büros und Technikräume platzen aus allen Nähten. Für die Proben von Orchester und Ballett müssten weitere Räume angemietet werden, auch Werkstätten und Kulissenlager wären weiter ausgelagert.

Sanierung plus Anbau: Zusätzlich zur Basissanierung wird das Stammhaus erweitert: Entweder um einen winkelförmigen Anbau erweitert, dessen kurzer Schenkel vor der Eingangsfassade des jetzigen Baus beginnt, der lange Schenkel zieht sich an der Nordwestfassade entlang (Variante 1). Zweite Erweiterungsmöglichkeit: Um die Fläche vor dem Foyer freizuhalten, wird lediglich ein Riegel entlang Nordwestfassade und Hermann-Tietjen-Weg errichtet. Zusätzlich wird ein Teil des hinteren Altgebäudes um zwei Etagen aufgestockt (Variante 2). Vorteil beider Varianten: Alle für den Hauptstandort gewünschten Räume könnten untergebracht werden. Bei Variante 1 bleibt der Altbau zudem statisch unberührt - was sowohl die Genehmigung als auch den Bau einfacher macht. Nachteile: Bei Variante 1 entsteht vor der Eingangsfassade ein großer, riegelförmiger Bau. Bei Variante 2 verändert der Bau zweier zusätzlicher Etagen die Statik des Altbaus - was Genehmigung und Bau erschwert. Die Kosten für Variante 1: 41 Millionen Euro, Variante 2: 42 Millionen Euro.

Neubau Kammerspielbühne: Zusätzlich zu Sanierung und Erweiterungsriegel wird am Augustinerhof ein Extrabau errichtet, in dem eine Kammerspielbühne mit 260 Sitzplätzen untergebracht wird. Auf dieser könnten laut Theaterintendant Karl Sibelius "kleinere Stücke, Experimente, Musicals" aufgeführt werden. Gebaut werden könnte das Kammerspielhaus auf einem unbebauten, sogenannten Kirchengrundstück zwischen Augustinerhof und Hindenburgstraße. Baukosten für die Kammerspielbühne: 9,6 Millionen Euro (ohne Kosten für den Ankauf des Kirchengrundstücks und dessen Erschließung).

Zweitstandort: Selbst wenn Sanierung plus Erweiterungsvarianten 1 oder 2 umgesetzt wird und das Haupthaus am Augustinerhof so um bis zu 1400 Quadratmeter erweitert wird, fehlen weiter Räume für Kulissenlager, Werkstätten und Probebühnen. Diese sollen an einem Zweitstandort außerhalb der City errichtet werden. Als Favorit dafür zeichnet sich das Gelände des Ex-Walzwerks in Alt-Kürenz ab, in dessen Hallen bereits mehrere Theateraufführungen auf provisorischen Bühnen stattgefunden haben und Intendant Sibelius auch schon Proberäume, etwa für das Ballett, angemietet hat.
Die Ausgestaltung des Zweitstandortes hängt davon ab, was am Augustinerhof realisiert wird: Fällt die Entscheidung für die Kammerspielbühne in der City, könnte am Zweitstandort auf die bislang vorgesehenen zwei großen Probebühnen und eine zusätzlich eine Studiobühne verzichtet werden.
Die Machbarkeitsstudie hat die Kosten für einen Zweitstandort ermittelt, als würde dieser auf freiem Gelände komplett neu gebaut werden. So soll eine Vergleichbarkeit geschaffen werden zu den Kosten, die für ein Gelände mit bereits bestehenden Gebäuden anfallen würden - zum Beispiel das Walzwerk. In diesem Fall würde die Stadt nicht neu bauen, sondern ein privater Investor die gewünschten Räume ans Theater vermieten. Die fiktiven Kosten für den Neubau auf der grünen Wiese: 12,5 Millionen Euro. Würde das Kammerspielhaus statt am Augustinerhof am Zweitstandort errichtet, kämen 8 Millionen Euro dazu.

Kompletter Neubau am Augustinerhof: Um zu vergleichen, ob eine Sanierung des alten Gebäudes im Vergleich zu einem Neubau finanziell Sinn macht, sind in der Studie die Kosten für diesen kalkuliert worden. Das alte Haus abzureißen und zu ersetzen, würde demnach mindestens 75 Millionen Euro kosten, mit hochwertigerer Bauweise und Technikausrüstung sogar 110 Millionen Euro. Vorteil: In den neuen Bau könnten Kammerspiel- und/oder Studiobühne integriert werden, so dass dafür keine Neubauten vor Ort oder am Zweitstandort geschaffen werden müssten.
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Das bisherige Ziel des Stadtrates war es, das Theater als Mehrspartenhaus zu erhalten mit vollständigem Spielbetrieb am Augustinerhof und die über die Stadt verteilten ausgelagerten Lage rund Werkstätten samt zweiter Bühne an einem Zweitstandort zu konzentrieren. Diese Sanierungsvariante würde allerdings mindestens 55 Millionen Euro kosten - ohne die gewünschte Kammerspielbühne.
Angesichts der unerwartet hohen Sanierungssummen wirkte der Kulturausschuss bei seiner Sitzung am Donnerstagabend allerdings geradezu sprachlos. Auch Kulturdezernent Thomas Egger räumte ein: "Die Zahlen liegen weit über dem, was wir erwartet haben. Das können wir uns nicht leisten." Dabei hatten Dezernent und Ausschuss als Ergebnis der Machbarkeitsstudie erhofft, dass eine Sanierung günstiger ausfallen würde, als ein Neubau - den der Rat zuerst ins Auge gefasst hatte. "Für diesen Neubau hatten wir damals zuletzt 50,5 Millionen Euro kalkuliert - jetzt sind wir schlauer", sagte Egger in einem Pressegespräch.
Der Stadtvorstand hatte die Kostenprognose bereits in seiner Sitzung am Montag besprochen. "Unser Vorschlag ist es, dass wir auf Grundlage der Studie überlegen, ob wir einen Schritt nach dem anderen gehen können und zunächst nur einen Teil der Sanierung umsetzen - ohne uns für die Zukunft weitere Ausbau- oder Erweiterungsschritte zu verbauen", sagte Egger.
Kommentar

von Christiane Wolff

Alles auf Anfang, fast

Es ist ein Trauerspiel, das noch lange nicht zu Ende ist: Fünf Jahre nach Beginn der konkreten Überlegungen zur Zukunft des Stadttheaters scheint man keinen Schritt weiter zu sein. Die Machbarkeitsstudie kann nicht umgesetzt werden. Makulatur ist sie trotzdem nicht: Zumindest weiß man jetzt, was nicht geht. Auf diesem Fundament muss schleunigst vernünftig weitergearbeitet werden. Erstens muss auf den Tisch, ob nicht doch auf eine oder mehrere Sparten verzichtet werden kann. Der Raumbedarf würde schrumpfen, die laufenden Kosten sinken. Vielleicht kann man sich ein Ensemble mit einem anderen Theater teilen? Ja, das tut weh - aber eine Alternative zu Kürzungen gibt es nicht.
Zweitens: Die umliegenden Landkreise dürfen sich nicht weiter einfach raushalten aus der Theaterfinanzierung. Die Kreistage inklusive ihrer Landräte sollten sich für ihre bisherige Geht-mich-nix-an-Haltung geradezu schämen.
c.wolff@volksfreund.de
Das sagen die Stadtratsfraktionen

Schon vor Bekanntwerden der Sanierungskosten hatten AFD, FWG und CDU gefordert, dass über die Zukunft des Stadttheaters noch einmal ganz grundsätzlich diskutiert und möglicherweise über ein reines Bespieltheater ohne beziehungsweise mit reduzierten eigenen Ensembles nachgedacht werden müsse (der TV berichtete).
Gestern schloss sich die FDP an. Unter der Überschrift "Schluss mit der Traumtänzerei" konstatierte FDP-Chef Tobias Schneider, dass die Kosten für Sanierung oder Neubau eines Drei-Sparten-Hauses astronomisch hoch seien und es ein "ein Weiter-so unter diesen Belastungen für die Steuerzahler" nicht geben dürfe.
Markus Nöhl, kulturpolitischer Sprecher der SDP, erklärte in der Ausschusssitzung am Donnerstagabend, dass die Sanierungssummen "viel zu hoch für die Möglichkeiten Triers" seien, "dieses Kostenvolumen ist so nicht umzusetzen". Matthias Koster, der für die Linke im Kulturausschuss sitzt, hielt dagegen: "Ich persönlich wäre bereit, noch viel mehr Geld für das Theater auszugeben. Die ständigen Schüsse gegen das Drei-Spartenhaus sollten aufhören, zumindest, bis wir entschieden haben, wie viel Kultur wir in Trier wollen und brauchen."

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