"Thema muss in die Köpfe der Menschen" - Aktionsplan gegen Ausgrenzung und Benachteiligung behinderter Menschen in Trier

Trier · Ein Aufzug bleibt stecken. Doppeltes Pech für den gehörlosen Fahrgast: Von der Notfalldurchsage bekommt er nichts mit. Das ist nur ein Beispiel für die Lebensrealität von Menschen mit Handicap. Mit dem Aktionsplan Inklusion soll sich vieles ändern.

Trier. Die Stadtwerke Trier werben für "äppes", ihre nagelneue App für Smartphones. Das kleine Programm ist für alle hilfreich, die sich in Trier zurechtfinden wollen. Allerdings ist sie für stark sehbehinderte und blinde Menschen nutzlos, weil eine Sprachsteuerung fehlt. "Die Entwickler haben das schlicht vergessen", sagt Gerd Dahm. Der Behindertenbeauftragte von Trier berichtete bei der Vorstellung des druckfrischen Inklusionsplans über seinen Anruf bei den äppes-Machern und deren Betroffenheit, dass ihnen das passiert war.Stadtrat entscheidet am 14. Juli


Solche und ähnliche Gedankenlosigkeiten im Bezug auf die zehn bis 15 Prozent der Einwohner mit körperlichen, psychischen und geistigen Beeinträchtigungen undenkbar zu machen, ist das große Ziel der Inklusion. Das Maßnahmenpaket für Trier soll der Stadtrat am Donnerstag, 14. Juli, per Abstimmung zu einem verpflichtenden Bestandteil aller zukünftigen Entscheidungen machen. Dass dies geschehen wird, ist unstrittig, denn der Stadtrat hatte Ende 2013 auf Anregung des damaligen Oberbürgermeisters Klaus Jensen ("Inklusion heißt Würde schaffen") der Stadtverwaltung den Auftrag erteilt, ein solches Handlungskonzept zu erarbeiten.

Unter der Federführung von Projektleiterin Uta Hemmerich-Bukowski haben in den zurückliegenden eineinhalb Jahren mehr als 300 Menschen mit und ohne Handicap viel Zeit und Energie investiert, damit am Ende unter dem Motto "Trier wird inklusiv!" 119 konkrete Maßnahmen in zwölf Handlungsfeldern definiert werden konnten. Immer geht es darum, wie im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention alle Menschen jederzeit ohne Einschränkungen am öffentlichen Leben teilnehmen können.

"Ich bin sehr begeistert davon, wie intensiv die Leute in den Arbeitsgruppen mitgearbeitet haben", sagt Uta Hemmerich-Bukowski. Schon die Diskussionen hätten bei Vertretern der Stadtverwaltung, von Kliniken oder der Stadtwerke zu mehr Sensibilität für das Thema geführt. "Das Denken geht schon oft in die richtige Richtung. Aber zum Beispiel eine klare und verständliche Zwei-Wege-Kommunikation in Aufzügen und Bussen ist oft noch nicht umgesetzt."

Gehörlose müssen Signale und Ansagen sehen, um sie wahrnehmen zu können. Blinden genügt ein optischer Hinweis alleine nicht. Von gut hör- und lesbaren Angaben in Bussen, einheitlichen Beschilderungen, Gehwegen ohne Stolperfallen und Gebäuden mit treppenfreiem Zugang oder Behördenformularen, die in Leichter Sprache verfasst sind, profitieren allerdings alle Menschen.

Vor der Fertigstellung des Inklusionsplans hatten sich auch 500 Menschen an der Internetdiskussion über den Entwurf beteiligt. Auf www.trier-mitgestalten.de wurden 1500 Bewertungen abgegeben, Maßnahmen priorisiert oder herabgestuft. "Da waren auch neue Ideen dabei, die wir bislang nicht berücksichtigt hatten", freut sich Hemmerich-Bukowski. Als Beispiel nennt sie einen barrierefreien Südbahnhof oder den Weg im Weißhauswald, der bislang durch eine Schranke für Rollstuhlfahrer unzugänglich war. Zumindest solche Dinge seien direkt an das zuständige Amt weitergeleitet worden.

Geblieben sind jene 119 Vorschläge, mit deren Umsetzung die Teilhabe von behinderten Menschen in Lebensbereichen wie Bildung und Erziehung, Gesundheit und Pflege, Mobilität und Verkehr oder Freizeit und Sport verbessert werden könnten.

Oberbürgermeister Wolfram Leibe hat das Thema zur Chefsache für sich und den Stadtvorstand erklärt: "Wir werden ein Thema nach dem anderen angehen. Der Stadtrat wird realistische Schwerpunkte setzen." Hauptamtliche Inklusionsbeauftragte in den Dezernaten, wie sie die Grünen fordern (siehe Extra), hält er nicht für nötig: "Inklusion muss in die Köpfe aller Mitarbeiter, sonst verdient sie diesen Namen nicht."
Die Dezernenten haben nach Aussage des Oberbürgermeisters für ihre Bereiche bereits Leitprojekte benannt. So will die Stadtverwaltung zum inklusiven Arbeitgeber werden. Im Bereich Bildung und Kultur sollen Schwerpunkte im Bereich Leichte Sprache gesetzt werden. Barrierefreie Schulen macht sich das Baudezernat zu einer wichtigen Aufgabe.

Dass der Weg von der Integration zur Inklusion noch weit ist, weiß Behindertenbeauftragter Gerd Dahm. "Anders sein ist kein Defizit, sondern eine Bereicherung der Vielfalt", das müsse zur Überzeugung werden. "Vielleicht werden wir dann den Tag erleben, an dem wir in Trier keinen Behindertenbeauftragten mehr brauchen."Meinung

Lang und steinig
Vor 40 Jahren wurden in Deutschland noch behinderte Kinder versteckt. Diese Zeiten sind zum Glück lange vorbei. Vor 20 Jahren war das Thema Integration noch ein Mysterium. Warum sollten Rollstuhlfahrer allein im Bus unterwegs sein oder Blinde in einem Museum Informationen per Brailleschrift ertasten können? Ob es in 20 Jahren dem Thema Inklusion ebenso ergeht? Wird die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen mit und ohne Handicap am öffentlichen Leben, in Beruf, Kultur, Hobby und Sport dann selbstverständlich sein? Der Weg dorthin wird steinig und kraftraubend. Vermutlich werden auch in drei Jahrzehnten nicht alle Hindernisse beseitigt sein. Mit dem Inklusionsplan erhält die Stadt Trier nun zumindest einen guten Wegweiser, in welche Richtung die Entwicklung gehen muss. Je schneller es vorangeht, desto mehr werden auch jene profitieren, die sich heute noch wenige Gedanken darüber machen, vor welchen Problemen gehbehinderte, sehschwache oder schwerhörige Menschen im Alltag stehen. Die Zahl der Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen wird mit der demografischen Entwicklung und zunehmenden Alterserwartung der Menschen in den kommenden Jahrzehnten deutlich zunehmen. Trier macht sich auf den Weg. Trier wird inklusiv! Schritt für Schritt. Jeder Schritt ist gut für die Zukunft aller Menschen. r.neubert@volksfreund.deExtra

Mit einem sechsseitigen Positionspapier wollen Bündnis 90/Die Grünen Trier und die grüne Stadtratsfraktion dem Aktionsplan Inklusion noch mehr Gewicht geben. "Wir werden im Stadtrat eine eindeutige Prioritätensetzung einfordern", sagt Thorsten Kretzer, sozialpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Wichtig sei es zudem, dass der Rat den Umsetzungsprozess weiter kontinuierlich begleite und steuere. Grünen-Vorstandssprecher Wolf Buchmann schlägt vor, dass in Zukunft bei den Haushaltsberatungen das Thema Inklusion jeweils als eigener Punkt vorgeschrieben wird. "Nach unserer Auffassung ist zudem eine ämterübergreifende Task-Force-Gruppe mit zwei bis vier Vollzeitstellen sinnvoll, die sich ausschließlich um das Thema Inklusion kümmern." r.n. Das Positionspapier finden Sie im Internet unter www.volksfreund.de/trier

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