Tic-Tac und Katzensprung

TRIER. Mit einem Sprung überwinden die jungen Männer das Geländer gegenüber der Konstantin-Basilika, rennen los, erklimmen in Windeseile die hohen Mauern gegenüber: Sie sind "Traceure", ihre Sportart nennt sich "Parkour".

Man denkt automatisch an Stuntmen oder an Agenten im Sondereinsatz, wenn Balthasar, Alexander und Dimi "Parkour" trainieren. "Katzensprung", "Tic-Tac", "Präzisionssprung", "Mauer-Überwindung" und "Rolle" heißen einige der geübten Bewegungen. Die Begriffe sind teilweise aus dem Französischen übersetzt: Die Sportart wurde in den 80er-Jahren in Frankreich entwickelt, die jungen Sportler nennen sich "Traceure" nach dem französischen "trace", das "Spur" und "Fährte" bedeutet. Ihren "Renn-Parcours" suchen sie sich in der Stadt: Es geht in Windeseile über Zäune, Mauern, Hindernisse aller Art, sogar über ganze Gebäude.Spiderman diente als Vorbild

"Wir machen das noch nicht so lange, wir sind eigentlich noch Anfänger", sagt der 17-jährige Balthasar. "Vor einiger Zeit hab' ich ‚Spiderman' im Fernsehen gesehen, und daraufhin eine Dokumentation über die echten ,Spidermen'. Freeclimbing und Parkour, das hat mich direkt fasziniert." Er konnte einige Mitschüler für das Parkour-Training begeistern; seitdem treffen sie sich regelmäßig. Alexanders Spezialitäten sind der Katzensprung über Geländer sowie das schnelle Hochziehen an einer hohen Mauerecke. "Ich hab mir schon einmal eine Zerrung am linken Arm geholt, und das Knie hab ich mir schon zweimal heftig angeschlagen", berichtet Alexander. "Ein Sprung von hohen Stellen ist problematisch, und man kann sich schwer abrollen auf hartem Boden." Der Franzose David Belle, 33, hat die Sportart entwickelt: Bereits als Kind übertrug er in den 80er-Jahren die von seinem Vater, einem ehemaligen Vietnamsoldaten, erlernte "Méthode naturelle" zum schnellen und eleganten Vorankommen in der Natur auf den städtischen Raum - der Pariser Vorort Lisses wurde so zu einem urbanen Spielplatz für ihn und seine Freunde. Seitdem begeisterte er in Frankreich, anderen europäischen Ländern und auch in den USA tausende junger Leute für seine Sportart. Das knappe Dutzend Trierer Traceure tauscht sich im Internet mit anderen Aktiven aus und verabredet sich zum Training. "Hier gibt es eine Reihe Leute, Durchschnittsalter zwölf bis 16", schreibt Tassos. Er zählt zu den wenigen Traceuren über 20. "Ich hab' einen guten Platz zum Üben gefunden: Petrisberg und Unigelände!", berichtet Dimitri, auch einer der älteren Parkour-Leute. Und Niko rät: "Schuhe an, raus und machen. Du solltest dir einfach die Grundbewegungen vorher einprägen. Und mute dir nicht zu viel zu!" Balthasar und seine Freunde haben viel Spaß beim Training: "Das Interessante daran ist, dass es ein freier Sport ist, den man eigentlich überall machen kann. Man trainiert miteinander und lernt voneinander." Gelegentlich wurde den jungen Leuten mit der Polizei gedroht, ansonsten stießen sie eher auf Anerkennung bei den Passanten, erzählen sie. Dann überwinden die Traceure gemeinsam eine hohe Mauer. Touristen lachen. "Cool", meint einer. Sommer, Urlaub, freie Zeit: Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, einmal etwas Neues auszuprobieren. Der TV stellt in loser Folge ausgefallene Sportarten vor, die oft wenig bekannt sind, aber auch in der Region Trier zunehmend Anhänger finden.