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Tierärztin besucht ihre Patienten mit umgebautem Rettungsfahrzeug

Tierärztin besucht ihre Patienten mit umgebautem Rettungsfahrzeug

Isabelle Reissmann aus Fell fährt zu ihren Patienten nach Hause. Sie kommt im Krankenwagen, und bei Bedarf operiert sie gleich vor der Haustür: Die 41-Jährige ist Tierärztin und erspart Hunden, Katzen & Co. Praxisbesuche. Den Besitzern ist das nicht immer ein Trost.

Routiniert klemmt Tierärztin Isabelle Reissmann bei Kater Gizmo hintenrum alles ab, was abgeklemmt werden kann. Dann setzt sie das Skalpell an und entfernt die beiden Hoden. Mitsamt der Familienplanung landen sie im Müll.
Dieser Eingriff findet nicht in einer Praxis statt, sondern in einem Krankenwagen. Das speziell für die Tierärztin umgebaute Modell verfügt über Untersuchungstisch und Ultraschallgerät, Röntgenapparat, Narkoseüberwachungsmonitor und eine Zentrifuge zur Blutuntersuchung. Zwischen Einwegspritzen und Hundeleckerlis hängen Fotos von Reissmanns beiden Kindern.

Vor viereinhalb Jahren hat die heute 41-Jährige das ausrangierte Fahrzeug gekauft, mehr als 200 000 Kilometer hatte es da bereits auf dem Buckel. "Ich bin kein Tier-Notdienst", stellt Reissmann klar. "Wie eine Praxis habe ich ganz normale Öffnungszeiten und fahre die Kunden nur nach Terminvereinbarung an."Schwierige OPs möglich


Sie sei nicht die einzige Tierärztin, die ins Haus komme, erzählt sie. Doch niemand in der Region habe ein derart ausgestattetes Fahrzeug, in dem auch schwierigere Operationen durchgeführt werden könnten.
Gizmos Besitzer weiß es zu schätzen, dass der Türkisch-Angora-Mix-Kater quasi vor der Haustür seiner Kronjuwelen beraubt werden kann: Zum Haushalt in Tawern gehören neben zwei weiteren Katzen die Französischen Bulldoggen Amira und Peppy, die an diesem Tag geimpft werden. Auch wenn die Tierärztin es erlaubt hätte: Bei Gizmos Kastration wollte sein Herrchen nicht dabei sein.

Ganz anders eine Tierbesitzerin in Roscheid: Die gelernte Krankenschwester haut so schnell nichts um, sie möchte bei der Kastration ihrer Katze Nala zusehen. Während Isabelle Reissmann sich im Wohnzimmer eine Tasse Kaffee gönnt, springt die Mieze ausgelassen um sie herum und landet irgendwann auf ihrem Schoß. Die Ärztin greift zur vorbereiteten Narkosespritze, und einige Minuten später liegt Nala betäubt unter der Eckbank. Als sie eine halbe Stunde später in ihrem Körbchen aufwacht und durchs Zimmer torkelt, hat sie eine Narbe am rasierten Bauch und keine Eierstöcke mehr.

Auf dem Weg zum nächsten Patienten telefoniert Isabelle Reissmann gefühlt 28 Mal - das Headset scheint an ihrem Ohr festgewachsen. Es geht um Termine und Therapien, sie gibt Ratschläge: "Ziehen Sie der Katze das Halsband mit dem Glöckchen aus, das macht das Tier verrückt!" Zwischendurch macht das Auto Zicken. "Ab und zu muss ich mal anhalten und neu starten", sagt sie lachend. "Dann geht es wieder!"

Auch das Ehepaar auf Mariahof hat gute Gründe, die Tierärztin ins Haus kommen zu lassen. Nach drei Schlaganfällen sitzt der Mann im Rollstuhl. Zwischen seinen großen Händen hält er einen Winzling von Welpen. Chihuahua-Mischling Paulchen zittert am ganzen Leib. Isabelle Reissmann setzt ihn zum Impfen auf den Küchentisch. Ruhig wird er erst, als er anschließend wieder in die Hände seines Besitzers hopsen kann.Besitzer schütten ihr Herz aus

Foto: (h_st )
Foto: (h_st )
Foto: (h_st )


Das neu angeschaffte Hündchen bedeutet dem Ehepaar sehr viel. Bilder in der Wohnung erinnern an ihren verstorbenen Vierbeiner, dessen Lücke nun Paulchen füllt. In den eigenen vier Wänden geht es emotionaler zu als in der Praxis, die Menschen öffnen sich eher, und Reissmann bekommt über die Tiere Einblicke in die Schicksale ihrer Besitzer.

Auf dem Petrisberg erwarten Reissmann ein Tierbesitzer, sein 13-jähriger Sohn und die drei Katzen Carlo, Felix und Merlin. Kater Merlin soll eingeschläfert werden. Nieren und Bauchspeicheldrüse arbeiten bei dem 16-jährigen Tier nicht mehr richtig. Die Stimmung ist gedrückt, der Junge sieht traurig aus, Merlin verkriecht sich verstört unter einer Decke, der Vater ist ratlos. Da trifft Reissmann eine Entscheidung: "Merlin will noch nicht gehen." Solange das Tier nicht leidet, will sie der Familie noch etwas Zeit mit ihm lassen. Das Kind blickt erleichtert, der Vater ist froh, seinem Sohn den Tod des geliebten Tieres vorerst ersparen zu können. Niemand ahnt: Schon am nächsten Tag muss Reissmann wiederkommen und die tödliche Spritze setzen. "Der Junge war so traurig, ich hätte fast mitgeweint", erzählt die Tierärztin. Dass ein Tier in seiner vertrauten Umgebung sterben darf, ist in solchen Momenten nur ein schwacher Trost.