Totgetreten wegen 90 Mark - Die Spur führte nach Bayern

Trier · Wie kaum ein anderes Gewaltverbrechen hat der brutale Raubüberfall auf die japanische Studentin Mutsuko Ayano am 17. November 1983 auf dem Trierer Petrisberg die Öffentlichkeit aufgewühlt. Heute jährt sich zum 30. Mal ihr Todestag.

 Am Tatort auf dem Trierer Petrisberg erinnert ein Gedenkstein an Mutsuko Ayano. TV-Foto: Roland Morgen

Am Tatort auf dem Trierer Petrisberg erinnert ein Gedenkstein an Mutsuko Ayano. TV-Foto: Roland Morgen

Trier. Am 30. September war Mutsuko Ayanos 57. Geburtstag. Sie hätte ihn vielleicht in Trier gefeiert, ihrer Wahlheimat, möglicherweise als Uni-Professorin.
Und dann wohl auch als Vorstandsmitglied der Deutsch-Japanischen Gesellschaft - immerhin liegt ihr Geburtsort Okayama wie Triers Partnerstadt Nagaoka auf der Hauptinsel Honshu. Aber es kam ganz anders. Das Leben von Mutsuko Ayano endete jäh, als sie gerade erst 27 war. Es geschah am 17. November 1983.
An jenem Donnerstag macht sich Mutsuko Ayano wie so oft morgens von ihrem Zimmer in der Kurfürstenstraße zu Fuß auf zur Uni, wo sie Germanistik studiert. Ihr Weg führt über den Kreuzweg hinauf zum Petrisberg. Unterhalb der Kapelle, nicht weit entfernt vom Fernsehturm, trifft sie auf Janusz Komar. Der 20-jährige Schaustellergehilfe aus Polen erkundet die Gegend nach Einbruchsmöglichkeiten. Da kommt die zierliche Japanerin wie gerufen. Ein leichter Fang! Keine Augenzeugen, keine Chance für das Opfer.
Mutsuko Ayano hält verzweifelt ihre Handtasche fest, stürzt dabei - ihr Todesurteil. Komar tritt immer wieder auf sie ein. Als sie sich nicht mehr bewegt, verschwindet er mit der Tasche. Seine Beute: 90 Mark (etwas mehr als 45 Euro).
Spaziergänger finden das schwer verletzte und bewusstlose Opfer. Vier Tage später stirbt Mutsuko Ayano. Ganz Trier ist paralysiert. Der Fall macht weltweit Schlagzeilen. Und die Polizei hat nichts in der Hand.
"Ein Albtraum. Wir ermittelten rund um die Uhr in alle Richtungen und landeten doch immer wieder im Nichts", erinnert sich Bernd Michels (67), damals Leiter der Sonderkommission. Ausländerfeindliche Schmierereien auf Uni-Toiletten, ein Nichtsesshafter, der in einer Kneipe einen 1000-Yen-Schein zückt - 262 Spuren verfolgt die Trierer Kripo. Erfolglos. Das Phantom ist längst über alle Berge.
Während in Trier noch fieberhaft ermittelt wird, tritt Komar in Regensburg erneut zu. Am 5. Dezember überfällt er die 68-jährige Maria Weis in ihrem Blumenladen und tötet sie mit bestialischen Stiefeltritten. Er entkommt mit den Tageseinnahmen (300 Mark). Tags darauf stellt sich Komar der Polizei, die ihm schon dicht auf den Fersen ist, gesteht aber nur die Bluttat an der Blumenhändlerin.
Den für den Trierer Fall entscheidenden Hinweis gibt er unabsichtlich selbst: Er habe dort für eine Schaustellerfirma aus Erlangen bei der Allerheiligenkirmes gearbeitet. Als Bernd Michels davon erfährt, ist er "wie vom Blitz gerührt. Das ist unser Mann!" Der Soko-Chef reist nach Ostbayern und überführt Komar.
Doch das ist zunächst nur ein Teilerfolg. Der erste Prozesstag vor dem Landgericht Regensburg platzt wegen Befangenheit eines Gutachters. Im zweiten Anlauf setzt sich Staatsanwalt Günther Ruckdäschel durch und erreicht, dass Komar nicht nach dem Jugendstrafrecht verurteilt wird. Für Ruckdäschel (65), Ende Juni als Präsidenten des Landgerichts Regensburg in Ruhestand gegangen, bleibt der Fall "in unauslöschlicher Erinnerung. An den Stiefeln Komars klebte das Blut beider Opfer. Das ist mir wirklich sehr an die Nieren gegangen".
Am 24. Mai 1985 fällt das Urteil: neun Jahre Haft wegen Raubes mit Todesfolge plus lebenslänglich wegen Raubmordes. Janusz Komar sitzt weiterhin in der Justizvollzugsanstalt Straubing (Niederbayern) und hat nach Einschätzung von Experten in Deutschland keine Aussicht auf Entlassung.
Mutsuko Ayano ist in Trier unvergessen. Im Neubaugebiet auf dem Petrisberg wurde eine Straße nach ihr benannt, und an der Stelle, an der ihr Janusz Komar ihr junges, hoffnungsvolles Leben auslöschte, erinnert ein vom Rotary-Club gestifteter und vom Bildhauer Jupp Zimmer (1919-1995) gestalteter Gedenkstein an die Japanerin, die Deutschland, Trier und die deutsche Kultur so sehr geliebt hat. Der Erinnerungsort wird ehrenamtlich gepflegt und mit Blumen geschmückt.
Der heutige 30. Todestag ist Anlass einer Gedenkfeier (Beginn: 11 Uhr) am Erinnerungsort. Universitätspräsident Michael Jäckel und Oberbürgermeister Klaus Jensen halten Ansprachen; Professorin Hilaria Gössmann erinnert als Geschäftsführerin des Fachs Japanologie an Mutsuko Ayano. Misato Kubo und Kawai Nariyuki, Stipendiaten des von Mutsuko Ayanos Eltern gegründeten Stipendienprogramms, sprechen weitere Gedenkworte. Mitglieder des Collegium musicum der Universität umrahmen die Gedenkfeier musikalisch.