Totgetreten wegen 90 Mark

Wie kaum ein anderes Gewaltverbrechen hat der brutale Raubüberfall auf die japanische Studentin Mutsuko Ayano auf dem Trierer Petrisberg die Öffentlichkeit aufgewühlt. Der Täter sitzt 28 Jahre nach der Bluttat noch immer hinter Gittern, weil er wenige Wochen später in Regensburg eine weitere Frau getötet hatte. Der TV-Krimi-Herbst bietet einen Rückblick.

Trier. Vor zweieinhalb Wochen war Mutsuko Ayanos 55. Geburtstag. Sie hätte ihn vielleicht in Trier gefeiert, ihrer Wahlheimat, möglicherweise als Uni-Professorin.
Und dann wohl auch als Vorstandsmitglied der Deutsch-Japanischen Gesellschaft, immerhin liegt ihr Geburtsort Okayama wie Triers Partnerstadt Nagaoka auf der Hauptinsel Honshu. Aber es kam ganz anders. Das Leben von Mutsuko Ayano endete jäh, als sie gerade erst 27 war.
Es geschah am 17. November 1983. An jenem Donnerstag macht sich Mutsuko Ayano morgens von ihrem Zimmer in der Kurfürstenstraße zu Fuß auf zur Uni, wo sie Germanistik studiert. Ihr Weg führt über den Kreuzweg hinauf zum Petrisberg. Unterhalb der Kapelle, nicht weit entfernt vom Fernsehturm, trifft sie auf Janusz Komar. Der 20-jährige Schaustellergehilfe aus Polen erkundet die Gegend nach Einbruchsmöglichkeiten. Da kommt die zierliche Japanerin wie gerufen. Ein leichter Fang! Keine Augenzeugen, keine Chance für für sie. Mutsuko Ayano hält verzweifelt ihre Handtasche fest, stürzt dabei - ihr Todesurteil. Komar tritt immer wieder auf sie ein. Als sie sich nicht mehr bewegt, verschwindet er mit der Tasche. Seine Beute: 90 Mark (etwas mehr als 45 Euro).
Spaziergänger finden das schwer verletzte und bewusstlose Opfer. Vier Tage später stirbt Mutsuko Ayano. Ganz Trier ist paralysiert. Der Fall macht weltweit Schlagzeilen. Und die Polizei hat nichts in der Hand. "Ein Albtraum. Wir ermittelten rund um die Uhr in alle Richtungen und landeten doch immer wieder im Nichts", erinnert sich Bernd Michels (64), damals Leiter der Sonderkommission. Ausländerfeindliche Schmierereien auf Uni-Toiletten, ein Nichtsesshafter, der in einer Kneipe einen 1000-Yen-Schein zückt - 262 Spuren verfolgt die Trierer Kripo. Erfolglos. Das Phantom ist längst über alle Berge.
Blut beider Opfer an den Stiefeln


Während in Trier noch fieberhaft ermittelt wird, tritt Komar in Regensburg erneut zu. Am 5. Dezember überfällt er die 68-jährige Maria Weis in ihrem Blumenladen und tötet sie mit bestialischen Stiefeltritten. Er entkommt mit den Tageseinnahmen (300 Mark). Tags darauf stellt sich Komar der Polizei, die ihm schon dicht auf den Fersen ist, gesteht aber nur die Bluttat an der Blumenhändlerin. Den für den Trierer Fall entscheidenden Hinweis gibt er unabsichtlich selbst: Er habe dort für eine Schaustellerfirma aus Erlangen bei der Allerheiligenkirmes gearbeitet. Als Bernd Michels davon erfährt, ist er "wie vom Blitz gerührt. Das ist unser Mann!" Der Soko-Chef reist nach Ostbayern und überführt Komar.
Doch das ist zunächst nur ein Teilerfolg. Der erste Prozesstag vor dem Landgericht Regensburg platzt wegen Befangenheit eines Gutachters. Im zweiten Anlauf setzt sich Staatsanwalt Günther Ruckdäschel durch und erreicht, dass Komar nicht nach dem Jugendstrafrecht verurteilt wird. Für den 63-Jährigen, heute Präsident des Landgerichts Regensburg, bleibt der Fall "in unauslöschlicher Erinnerung. An den Stiefeln Komars klebte das Blut beider Opfer. Das ist mir wirklich an die Nieren gegangen".
Stätte der Begegnung


Am 24. Mai 1985 fällt das Urteil: neun Jahre Haft wegen Raubes mit Todesfolge plus lebenslänglich wegen Raubmordes. Janusz Komar sitzt weiterhin in der Justizvollzugsanstalt Straubing (Niederbayern) und hat nach Einschätzung von Experten in Deutschland keine Aussicht auf Entlassung. Mutsuko Ayano ist in Trier unvergessen. Im Neubaugebiet auf dem Petrisberg wurde eine Straße nach ihr benannt, und an der Stelle, an der ihr Janusz Komar ihr junges, hoffnungsvolles Leben auslöschte, erinnert ein vom Rotary-Club gestifteter und vom Bildhauer Jupp Zimmer (1919-1995) gestalteter Gedenkstein an die Japanerin, die Deutschland, Trier und die deutsche Kultur so sehr geliebt hat. Franz-Josef Becker (70), der in der Nähe einen Kleingarten hat, pflegt seit 1985 den Erinnerungsort und schmückt ihn mit Blumen: "Das habe ich den Eltern von Mutsuko Ayano versprochen." Täglich passieren Hunderte Spaziergänger, Wanderer und Jogger die Stelle des sinnlosen und menschenverachtenden Verbrechens. Sie ist zu einer Stätte der Begegnung geworden. Auch der völlig unverhofften. Vor einigen Jahren traf Kleingärtner Becker dort auf Günther Ruckdäschel. Der damalige Chef der Regensburger Staatsanwaltschaft nutzte die Gelegenheit eines Seminars an der Richterakademie Trier zum Besuch auf dem Petrisberg.
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