Trau keinem unter 40!

Alle Macht der Nische: Im Trierischen Volksfreund erinnern sich Exhaus-Leiter Hilger Hoffmann und Martin Schümmelfeder vom Kulturbüro an bewegte Zeiten im Trierer Norden.

Trier. Viele auswärtige Musiker werden Trier in etwa so in Erinnerung haben: Ach, das alte historische Gebäude, fast wie ein Schloss, mit den vielen Graffiti rundum. Gegenüber die halbe Autobahn und die Flutlichtmasten des Stadions. Und zur anderen Seite raus: ein Hauch von Idyll. Die alten Platanen im Innenhof, im Hintergrund der Fluss und die Sandsteinfelsen. Daneben das Freibad, wenn der Talkessel zu sehr dampft. Porta Nigra? Dom? What\'s that?Seit Ende der 80er geht\'s ins Exil


Wenn man es umrechnet, spielt fast an jedem Tag des Jahres eine Band im Exhaus. Regionale, aber auch viele nationale und internationale. Viele Musiker übernachten auch dort in den Schlafräumen. Am nächsten Tag geht\'s weiter über die Autobahnen. Die Trie rer Innenstadt ist weit. Und damit auch all das, was die Unesco für Weltklasse hält.
Ein veritables Kulturerbe, zumindest ein regionales, ist auch das Exhaus. Am Wochenende wird das 40-jährige Bestehen gefeiert. Mit viel Programm, aber ohne große Namen fürs Ego. Dicke Hosen gibt\'s schließlich schon anderswo zur Genüge.
Treffen beim Hausleiter Hilger Hoffmann. Er kennt das Exhaus seit den späten 70ern. Über Musik und Partys reden, das sei ja schön und gut. Aber das sei längst nicht alles (siehe unten stehender Bericht). "Das Haus hat inzwischen eine solche Größe erreicht, dass wir an die Grenzen kommen", sagt Hoffmann. Nicht alles, was zum Exhaus gehört, liegt gegenüber vom Moselstadion - der Probenraumbunker Trier-Nord, das Fanprojekt (Metternichstraße) oder der neue Ehranger Jugendtreff Blue, das sind sozusagen alles Filialen.
Seit einem Vierteljahrhundert existiert in der heutigen Form das, was viele jüngere Trierer in erster Linie mit dem Exhaus verbinden: das "Exil". Der Gewölbekeller im jahrelang gesperrten Südflügel machte viel Arbeit. "Der Keller war voller Müll. Wir haben mit Hilfe von Ehrenamtlichen 40 Kubikmeter Schutt rausgekarrt", erinnert sich Hoffmann der "Exil-Ausgrabung".Mehr Konzerte, mehr Partys

Exhaus-Leiter Hilger Hoffmann (links) und Martin Schümmelfeder vom Kulturbüro. TV-Foto: Andreas Feichtner.


Vorher gingen die Partys und Konzerte in erster Linie im Balkensaal über die Bühne. Damals sorgten Teams wie Anti-Disco-Mafia oder Noise für volles Haus, heute sind es Disco Destruction 3000 oder People\'s Music Choice.
Die Veranstaltungen sind ein wichtiger Bestandteil des Exhaus-Gesamtumsatzes (zuletzt rund 1,2 Millionen). "Es sind auch wesentlich mehr Veranstaltungen als früher", sagt Hoffmann.
Vom Klein-Konzert mit zehn Zuschauern bis zur Party im kompletten Haus mit 2000 Menschen ist alles dabei. Martin Schümmelfeder, Diplom-Pädagoge und als Frontmann von The Shanes mit reichlich Musikerfahrung, kam 2001 als hauptamtlicher Mitarbeiter im Kulturbüro hinzu. Er behält die Termine im Blick. Schließlich buchen auch mehrere externe Veranstalter regelmäßig Exhaus-Bühnen. Was ins Haus passt und was nicht? Das ist einfach, findet er. "Wir bedienen alle Nischen. Wer Mainstream mag, geht woanders hin." Was zum Beispiel nicht ging: Ein geplanter Auftritt von Rapper Bushido, kein glühender Anhänger des Feminismus, wurde einst abgesagt.
Wie knallig die Mischung ist, zeigt ein Blick auf den Veranstaltungskalender des Exhauses: Lesungen, Hip-Hop, Techno, Metalcore, Indie, Akustik-Pop, Prog, Deutsch-Punk. Nicht alles gefällt jedem. Aber wer sich jung fühlt und gar nichts für sich entdecken kann, schaut wahrscheinlich zu viel RTL. Auch einflussreiche US-Bands gastierten schon im intimen Rahmen im Exhaus, bevor ihnen der Durchbruch gelang. "Sonic Youth spielten 1983 im Balkensaal", sagt Schümmelfeder. Und 1999 holte Veranstalter David Blumann At-the-Drive-In ins Exhaus - 40 Zuschauer kamen damals. Anfang 2012 hat sich die Band wiedervereinigt und spielt nun weltweit auf den größten Festivals.
Genau 20 Jahre her ist es, dass sich eine schwäbische Spaß-Combo auf den Weg nach Trier-Nord gemacht hat. Handgezählte 16 Neugierige schauten sich das Konzert an. So nah wie damals kam man den Fantastischen Vier später wohl nie wieder. Die zumindest schafften es später in ein "echtes" Trierer Weltkulturerbe - ins Amphitheater.