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Trauer Wut und Verzweiflung - Gespräche mit Ersthelfer zwei Wochen nach der Amokfahrt

Notfallnachsorge : Wenn Bilder der Amokfahrt im Kopf bleiben

Auch Wochen nach der Amokfahrt in der Trierer Fußgängerzone kämpfen Augenzeugen mit den Folgen. Viele nehmen Hilfe an – und Reden hilft, wie ein Gespräch eines Ersthelfers mit Notfallnachsorgerinnen zeigt.

Der 1. Dezember 2020 hat bleibende Verletzungen hinterlassen, körperlich wie seelisch. Nicht nur die direkten Opfer des Amokfahrers, der in der Trierer Fußgängerzone fünf Menschen getötet und 24 weitere zum Teil schwer verletzt hat, haben damit zu kämpfen. Auch Hunderte Augenzeugen, Ersthelfer und Einsatzkräfte sind betroffen.

Zu ihnen gehört ein 53-jähriger Mann aus Trier. Er kommt Wochen nach der Tat zu einem Gespräch mit den Notfallnachsorgerinnen Marie-Luise Jakobs und Heidi Merkel nach Konz in einen Konferenzraum der Kreisgeschäftsstelle.

Eigentlich war ein Gruppengespräch angesagt, aber nur er ist gekommen. Drei Teilnehmer haben kurzfristig abgesagt. Der Mann, der anonym bleiben möchte, erlaubt es dem TV-Redakteur, bei dem Gespräch zuzuhören. Und Zuhören ist auch die Hauptaufgabe der beiden ehrenamtlichen Notfallnachsorgerinnen bei dem Termin.

„Das ist das schlimmste Erlebnis meines Lebens. Es hat tiefe Narben hinterlassen“, sagt der 53-Jährige. Am Tag der Amokfahrt kommt er zufällig in die Brotstraße – unmittelbar, nachdem der 51-jährige Trierer dort vorbeigerast ist. Dass der 53-Jährige am 1. Dezember ohne körperliche Verletzung davonkommt, verdankt er wohl einem glücklichen Zufall. Er wird unmittelbar vor der Amokfahrt in der Fahrstraße aufgehalten. Auf das Bild der Verwüstung in der Brotstraße trifft er deshalb nur wenige Sekunden nach der Tat. Schreiende, verletzte und geschockte Menschen überall. „Der Fahrer hat eine Blutspur hinterlassen“, schildert der Mann seine schlimmen Eindrücke.

Er selbst habe sich um die erste Frau am Boden gekümmert, ohne zu zögern. „Leider Gottes ist sie gestorben, aber ich konnte sie noch trösten.“ Er habe in der Situation aufgehört, sich selbst zu fühlen. „Ich war nur da, und der Rest war nichts. Erst später habe ich mich selbst wieder gespürt“, sagt der dreifache Vater. Und er macht sich Vorwürfe: „Warum habe ich nicht mehr getan? Was habe ich falsch gemacht?“

Das ist ein Punkt, an dem Notfallnachsorgerin Marie-Luise Jakobs eingreift und nicht mehr „nur“ zuhört. Alle Helfer hätten ihr Bestes gegeben, sagt die 62-Jährige. „Ihr seid alle über euch hinausgewachsen.“ Der Mann selbst habe der sterbenden Frau in ihrer „schwärzesten Stunde beigestanden“. Es sei normal, dass da später der Zusammenbruch komme.

Bei dem 53-Jährigen, der nach der Tat so gut wie jeden Tag in der Stadt unterwegs war, kommt der Zusammenbruch, als er zum ersten Mal wieder im Büro ist: Wut, Trauer, Verzweiflung. Er tritt in der Küche vor Wut gegen die Wand, so dass ihm der Fuß wehtut. Dann macht er den Computer an und liest E-Mails. In vielen geht es um die Amokfahrt. Die Bilder kommen zurück in seinen Kopf. „Dann liefen mir die Tränen runter.“

Nach der Amokfahrt läuft der 53-Jährige jeden Tag durch die Innenstadt, freiwillig oder auf dem Weg zur Arbeit. Er könne dabei nicht zu den Kerzen schauen, sagt er. Er habe zwar selbst welche für den Zahnarzt und dessen Baby am Hauptmarkt aufgestellt, aber nun müsse es weitergehen. „Ich bin froh, wenn keine Kerzen mehr in der Stadt stehen“, sagt der Mann. Er sei auch aus allen Trierer Facebook-Gruppen ausgetreten. Es sei zu viel, was die Menschen machten, die gar nicht betroffen seien.

Die Notfallnachsorgerinnen bestätigen das. Sie sagen zwar, dass auch viele Ersthelfer und Rettungskräfte Kerzen abgestellt hätten. Aber: „Man kann nicht zur Ruhe kommen, weil immer noch überall Kerzen stehen.“ Bei Menschen, die täglich durch die Stadt gingen, würden Erinnerungen an die schreckliche Tat und den darauffolgenden Einsatz wach.

Solche Erinnerungen übermannen den 53-jährigen Ersthelfer auch am 11. Dezember, als er wieder die Sirenen eines Großeinsatzes hört. „Ich wollte am Viehmarkt nur Geld ziehen, und dann stehe ich schon wieder in so einer Szene.“ Er beobachtet die Festnahme nach der vermeintlichen Entführung eines Babys. Ein 24-Jähriger Mann wird da in einem Stadtbus überwältigt. Erst später stellt sich heraus, dass der Kindsvater den Säugling laut Polizei aus dem Krankenhaus hatte mitnehmen dürfen und ihn nicht entführt hatte (der TV berichtete).

Der 53-jährige Trierer will nun weitermachen. Der Täter „hat nicht gewonnen“, sagt der Mann. „Ich lasse mir mein Leben nicht kaputt machen.“ Deshalb geht er regelmäßig zu einer Psychotherapie. So sollen seine seelischen Wunden heilen.

Die Notfallnachsorgerinnen sehen ihn auf einem guten Weg – gerade weil er professionelle Hilfe annimmt. Sie selbst bieten ihm an, dass er sich jederzeit melden könne. Sie seien allerdings nur für die akute Phase psychologisch geschult. Eine professionelle, langfristig wirkende Therapie könnten sie nicht ersetzen, betonen sie. Doch die beiden erfahrenen Ehrenamtlerinnen loben den 53-Jährigen: „Sie sind sehr emotional, und das zeugt von Stärke.“

An den Orten in der Innenstadt, an denen Menschen gestorben sind, stehen noch immer Kerzen. Für traumatisierte Augenzeugen kann das schwierig sein. Foto: Rainer Neubert

Allgemein empfehlen sie jedem Betroffenen, offen zu sein, seine Gefühle herauszulassen und professionelle Hilfe zu suchen. Dem Mann, der von sich sagt, dass er „das Böse wegwaschen“ wolle, geben sie noch einen Tipp mit auf den Weg: „Schreiben Sie einen Brief, nur für sich. Schreiben Sie alles auf, was Sie belastet. Und werfen Sie den Brief in die Mosel oder verbrennen Sie ihn.“