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Trauerbewältigung nach der Amokfahrt in Trier

Nach der Amokfahrt in Trier : „Es hilft, über die Trauer zu sprechen“ (Fotos)

Die Stadt Trier verharrt in Stille. Auch Tage nach der Amokfahrt brennen an vielen Stellen in der City Kerzen. Das Gedenken an die getötete Studentin findet einen ganz besonderen Raum.

Wer von der Konstantinstraße in die Brotstraße und von dort bis zur Porta Nigra geht, sieht unweigerlich die Orte, an denen der 51-jährige Amokfahrer gezielt Passanten getötet hat. Inseln aus Kerzen, Blumen und kleinen Figuren markieren auf beiden Seiten der Straßen die Stellen. Auch Tage nach der unbegreiflichen Tat verharrt die Stadt in nahezu gespenstischer Ruhe. Immer wieder fällt Regen vom grauen Himmel und löscht das Licht vieler Kerzen.

An der Porta Nigra, dem zentralen Ort des Gedenkens, haben Passanten deshalb auch Absätze und Nischen unter den schützenden Bogen genutzt, um Kerzen aufzustellen. Auch Laternen, Grablichter mit Deckel und Kerzen mit LED-Licht trotzen dem nasskalten Wetter. „Warum?“ hat jemand auf ein rotes Licht geschrieben. Eine Antwort darauf wird vielleicht in einigen Monaten der Prozess bringen, wenn die Staatsanwaltschaft mit der Sichtung und Bewertung aller Beweise, Fotos und grausigen Videos fertig ist und die Anklageschrift verfasst hat.

„Ich war in der Sim, als der hier mit einer Affengeschwindigkeit durch ist“, sagt ein Mann mittleren Alters. „Das war vollkommen verrückt.“ Wie viele Augenzeugen kommt er immer wieder an den Schauplatz der blutigen Todesfahrt zurück. Reinhard Müller, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Trier, hält das für einen wichtigen Schritt. „Über das Erlebte zu sprechen und zum Ort des Geschehens zurückzukommen, das hat eine therapeutische Wirkung“, sagt er. Am Tag der Amokfahrt hatte er im Theater und auch in der Arena Trost gespendet. An diesem Freitag stehen Müller und seine katholischen Kolleginnen Daniela Standard und Nathalie Bauer für die Notfallseelsorge als Ansprechpartner auf dem Hauptmarkt bereit. Das unverbindliche Gesprächsangebot wird es auch am Samstag geben. „Wir gehen auch in die Geschäfte, um mit Menschen zu sprechen, die Hilfe brauchen“, sagt Daniela Standard. Besonders groß sei der Gesprächsbedarf aber nach der Gedenkminute am Donnerstag gewesen.

Die verunsicherten Menschen wollen Sicherheit. Die erhöhte Polizeipräsenz in der Fußgängerzone trägt in diesen Tagen dazu bei. „Viele Leute sprechen uns an und wollen einfach nur reden“, sagt einer der Beamten. „Es kommen aber auch immer noch Zeugen, die eine Aussage machen wollen.“

Viele junge Menschen trauern an diesem Freitag vor dem Kaufhof in der Simeonstraße. Hier erfasste der Todesfahrer eine 25-Jährige Jura-Studentin (wir verzichten bewusst auf eine Namensnennung). Zahlreiche Fotos von ihr stehen inmitten und am Rande des Meers aus Kerzen und Blumen. „Es ist so schlimm“, sagt eine junge Frau mit brechender Stimme. „Ich habe sie gekannt.“ Mit ihren Tränen ist sie nicht alleine.

Auch Universitätspräsident Michael Jäckel beherrscht seine Emotionen nur mühsam, als er am Nachmittag gemeinsam mit Jens Kleinschmidt, Dekan der Rechtswissenschaften, an der zentralen Gedenkstätte an der Porta Nigra ein Gesteck mit Kerze niederlegt und danach im strömenden Regen zur Gedenkinsel in der Simeonstraße geht. „Wir leiden unter diesem unfassbaren Ereignis und sind in Gedanken bei den betroffenen Menschen und Familien“, sagt er. „In den Stunden nach der Tat waren viele Ersthelfer vor Ort, darunter auch viele Studentinnen und Studenten der Universität. Ich weiß aus wenigen Gesprächen, dass es eine der größten Prüfungen war. Das verdient höchste Anerkennung.“

Glockenläuten und Gedenkminute für die Opfer der Amokfahrt in Trier

Trauer und Betroffenheit werden die Menschen in Trier noch Tage und Wochen begleiten. Wie die Stadtverwaltung mitgeteilt hat, wird die Porta Nigra als Zeichen der Trauer auch in den kommenden Tagen violett angestrahlt (17 bis 7 Uhr). „Es wird eine zentrale Trauerfeier für die Opfer geben“, sagt Michael Schmitz, Sprecher der Stadt Trier. „Wir können aber im Moment zu Ort, Zeit und Ablauf noch nichts sagen und bitten dafür um Verständnis.“

Universitätspräsident Michael Jäckel und Jens Kleinschmidt, Dekan der Rechtswissenschaften, gedenken an der Porta Nigra der getöteten Studentin. Foto: Rainer Neubert
Warum? Die Antwort darauf gibt es noch immer nicht. Foto: Rainer Neubert

Er versichert, dass die Kerzen und Kränze in der Fußgängerzone nicht weggeräumt werden. Und auch gegen den Regen verspricht die Stadt Hilfe: Mitarbeiter des Amtes StadtRaum kontrollieren zweimal täglich die Gedenkorte und entzünden erloschene Kerzen wieder neu.