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Treffpunkt TV: Frech und indiskret - OB Wolfram Leibe stellt sich dem Feedback zu seinem ersten Jahr im Amt

Treffpunkt TV: Frech und indiskret - OB Wolfram Leibe stellt sich dem Feedback zu seinem ersten Jahr im Amt

Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe ist am 1. April ein Jahr im Amt. Über diese erste Phase spricht er offen mit der TV-Redaktion und ausgewählten Lesern. Der Verwaltungschef bleibt souverän – auch bei Problemthemen.


Es sieht tatsächlich so aus, als habe er jede Menge Spaß. Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) steht im neuen Service-Center des Trierischen Volksfreunds in der Neustraße zwei Stunden lang im Mittelpunkt, beantwortet Fragen, erläutert Probleme und kommt dabei rhetorisch keine Minute aus dem Takt. TV-Redakteurin Christiane Wolff und Lokalchef Michael Schmitz sowie eine Gruppe interessierter TV-Leser sorgen dafür, dass aus dem "Treffpunkt TV" kein thematisches Kaffeekränzchen wird. Schmitz' Aufforderung an die Leser ist klar und deutlich: "Fragen Sie ruhig frech oder indiskret."

Das Leben als OB ist kein Ponyhof, räumt Leibe ein. Auch wenn man 1800 Mitarbeiter hat. Ist das Arbeitsleben im Trierer Rathaus denn leichter als der Job in der Regionaldirektion der baden-württembergischen Agentur für Arbeit? "Dort hatte ich freie Wochenenden", sagt Leibe. "Das ist jetzt nicht mehr so." Ein bisschen Schmerz schwingt mit.
Doch dieser Schmerz verschwindet, wenn der OB von Spaziergängen erzählt, "an deren Ende ich fünf vollgeschriebene Zettel in den Taschen habe". Er mag es, wenn die Menschen ihn erkennen und ansprechen, sagt er. "Ich will mich schließlich nicht im Rathaus wegschließen."

Der Start in den Job war geprägt von einer langen Liste dringender Probleme. "Als ich angefangen habe, waren die Basketballer pleite und der Bürgerservice insolvent", sagt Wolfram Leibe. "Und dann sind die Decken der Sporthallen runtergefallen." Triers Basketballer sind nach einem Neustart mittlerweile wieder auf Erfolgskurs. Aber vor allem die Hallen sind ein massives Problem, das Leibe und den ebenfalls neu in Trier gestarteten Baudezernenten Andreas Ludwig (CDU) bis heute beschäftigt. Doch auch in einer Misere können sich gute Nachrichten verbergen: "Der Bund stellt 100 Millionen Euro für die Sanierung von Sporthallen zur Verfügung, und Trier kriegt davon vier Millionen." Kurze Pause, danach eine Hilfe zur Einordnung: "Das ist nicht selbstverständlich."

Die Absage des Theaterneubaus passte perfekt in diese turbulente Themenmischung. Sie wurde eingeleitet von "kritischen Fragen des neuen Oberbürgermeisters, auf die wir keine Antwort hatten", sagte damals Kulturdezernent Thomas Egger (SPD). Eine in manchen Trierer Kreisen unpopuläre Entscheidung, zu der Leibe auch heute noch steht.
"In Rostock liegen die geschätzten Kosten für einen Neubau mittlerweile bei 73 Millionen Euro", sagt der OB. "Ich habe nie geglaubt, dass es in Trier mit 50 Millionen Euro getan wäre." Doch wie geht es weiter? Leibe: "Drei Architekturbüros arbeiten zurzeit an Entwürfen. Im Mai werden wir dann eine Kostenkalkulation für die Sanierung haben." Dann werde auch ein Workshop unter der Leitung von Thomas Egger tagen - auch über eine mögliche zweite Spielstätte im Kürenzer Walzwerk.

Ein Freund des Moselaufstiegs ist Wolfram Leibe definitiv nicht. Daran hat auch die Aufnahme in den vordringlichen Bedarf des neuen Bundesverkehrswegeplans nichts geändert. "Wenn der Moselaufstieg wirklich funktioniert, bauen wir dann die Moseluferstraße auf Tempo 30 zurück?" Diese provozierende Frage lässt klare Zweifel erkennen, ob das Großprojekt den Innenstadtverkehr tatsächlich verringern kann. "Ich will das Projekt nicht schlechtreden, sehe aber die Risiken." 60 Prozent des Verkehrs in Trier verursacht der Trierer laut einer aktuellen Studie selbst, sagt Leibe. Dennoch: Der Stadtrat Trier hat pro Moselaufstieg entschieden. "An den Beschluss des Stadtrats bin ich selbstverständlich gebunden."

1800 Mitarbeiter an mehr als 20 Standorten bilden die Bühne, auf der Leibe Regie führen muss. Darin verbergen sich Hürden, die man von außen nicht sehen kann. "Im Rathaus gibt es richtig gute Leute", sagt Wolfram Leibe. "Doch Fachkräfte fallen nicht vom Himmel." Die Hälfte der Amtsleiter gehe in absehbarer Zeit in den Ruhestand, aber offenbar will niemand nachrücken. "Wir haben auf entsprechende Ausschreibungen drei Bewerbungen erhalten, und davon waren zweieinhalb unbrauchbar."
Wer grobe Fehler macht, muss beim Chef antreten - dieses Gerücht sei tatsächlich wahr, räumt Leibe auf Nachfrage ein. "Wer kein Feedback erhält, weiß doch gar nicht, ob und warum er etwas falsch macht. Deshalb ist Feedback normal und notwendig. "

Die Geschwindigkeit der Arbeit im Rathaus beschäftigt vor allem einen der anwesenden TV-Leser. "Ich plane ein Bauprojekt und zahle seit Monaten Strafzinsen an meine Bank, da die Finanzierung steht, aber keine Baugenehmigung kommt", erläutert er. Leibe bleibt souverän. "Ich kenne die Details dieses Einzelfalls nicht, aber bitte hinterlassen Sie ihre Daten, dann erhalten Sie eine schnelle Antwort." Verwaltungsreferent Tobias Reiland steht sofort mit gezücktem Stift bereit.

Alleingelassen fühle er sich, sagt ein weiterer Leser. Er kommt aus Pfalzel und spricht auch für viele seiner Nachbarn. Das Thema: die immer wieder auftretende Belastung durch einen sehr unangenehmen Geruch, der von der Eu-Rec GmbH stammt, einer Recyclingfirma im Trierer Hafen. Leibe kennt das Thema, "ich war schon schnüffeln vor Ort". Ortsvorsteherin Margaret Pfeiffer-Erdel habe für den 26. April zum nächsten Krisengespräch eingeladen.
Dennoch habe die Stadt rechtlich gesehen nicht viele Möglichkeiten, sagt der OB. "In Baden-Württemberg könnte der Oberbürgermeister den Betrieb einfach schließen. Doch bei uns ist das Land in Gestalt der SGD Nord zuständig."
Diese hat bisher keine Überschreitung von Grenzwerten feststellen können. Leibe dazu: "Wenn man nur Einzelsubstanzen misst, kriegt man das Problem nie in den Griff."

Der Stadtvorstand war in den vergangenen Jahren oft Ziel von Hohn und Spott, da Missgunst und Zwietracht den Alltag erschwerten. Das habe sich geändert, betont Leibe. Auf den Baudezernenten Andreas Ludwig lässt der OB sowieso nichts kommen, und zu den anderen beiden Dezernenten Thomas Egger und Angelika Birk sagt er nur: "Wir treffen uns zu Klausurtagungen und gehen erst dann wieder raus, wenn das Ergebnis steht."