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Trier: Behindertenbeirat kritisiert Umgestaltung des Moselufers

Stadtentwicklung : Stadt am Fluss – aber nicht für alle

Zu viel Gefälle, keine Handläufe, keine Randbefestigung: Der Behindertenbeirat kritisiert die Umgestaltung des Moselufers. Auch für den zweiten Bauabschnitt befürchtet der Rat, dass die Belange von Menschen mit Handicap zuwenig berücksichtigt werden.

Würde Ulrich Strobel seinen Rollstuhl auf dem brandneuen Weg am Zurlaubener Ufer einfach loslassen, würde er geradewegs in die Mosel rollen. Um dem Gefälle entgegenzuwirken, muss er ihn permanent einarmig anschieben. „Das ist, wie wenn Sie im Supermarkt einen dieser Wagen haben, an denen ein Rad klemmt“, erklärt Gerd Dahm, Behindertenbeauftragter der Stadt Trier.

Statt der laut Norm geforderten 2,5 Grad beträgt die Neigung hier stellenweise über vier Grad. Für Nichtbehinderte ist das kaum spürbar, gerade für ältere Rollstuhlfahrer aber eine kaum zu bewältigendee Schwierigkeit.

Mitglieder des Behindertenbeirats haben sich kürzlich vor Ort ein Bild von der neuen Uferanlage gemacht. Sie stellen ein durchwachsenes Zeugnis aus.

Vor mehr als fünf Jahren wurden die Pläne zur Umgestaltung des Moselufers aufgestellt. Als das Land die Sanierung des maroden Deichs in Angriff nahm, ergab sich für Trier die Chance, im gleichen Zug die Anlage neu zu gestalten (der TV berichtete mehrfach). Zwischen Kaiser-Wilhelm-Brücke und Jugendherberge wurden über fünf Millionen Euro investiert. In einem weiteren Bauabschnitt weiter nördlich, von der Jugendherberge bis zum Nordbad, soll bis Sommer 2019 für 2,25 Millionen Euro gebaut werden – unter anderem neue Zuwege zur Mosel und am Ufer ein Holzsteg. Das Moselufer soll – laut Plänen der Stadt – durch die Umgestaltung auch besser für Menschen mit Behinderung erreichbar werden.

Am Georg-Schmitt-Platz am Kopf der Kaiser-Wilhelm-Brücke hat das beispielhaft funktioniert. Hier war der Behindertenbeirat stark in die Planung eingebunden. Auf sein Drängen hin wurde eine Rampe zum Gastronomiebereich am Zurlaubener Ufer gebaut. Die kleinen, hohen Pflastersteine wurden dort durch großflächigere Exemplare ersetzt. Nicht nur gehbehinderten Menschen, sondern auch Menschen mit Kinderwagen soll das das Leben erleichtern.

Wenige Meter flussabwärts sieht das anders aus. Der Bereich vor den Gaststätten ist ein Flickenteppich aus öffentlichen und privaten Grundstücken, was eine einheitliche Sanierung erschwert. Auch Gerd Dahm weiß: „Barrierefrei Bauen im öffentlichen Raum ist nicht so einfach.“ Rettungswege müssen freigehalten, die Funktion des Deichs darf nicht gefährdet werden. Noch dazu ist der Platz am Ufer sehr begrenzt. Doch oft sind es Kleinigkeiten: fehlende Markierungen und Handläufe an den Treppen oder Kanten am Wegesrand.

Auch die neuen Sitzstufen am Zurlaubener Ufer erweisen sich als wenig behindertenfreundlich. Zwar gibt es gleich mehrere Podeste, allerdings befinden sich diese mittendrin – sind für Rollstuhlfahrer also nicht erreichbar.

Auf Höhe des Nordbads haben die Bauarbeiten gerade erst begonnen. Noch türmt sich das Erdreich, das abgetragen werden muss, um den Hang in mehrere ebene Terrassen zu verwandeln. Eine der geplanten Buhnen, die vom Ufer auf die Mosel führen sollen, soll über eine Rampe zugänglich gemacht werden. Mit acht Prozent Steigung wäre sie für die meisten Rollstuhlfahrer allerdings kaum zu bewältigen.

Lambert Norta, ebenfalls im Behindertenbeirat engagiert, möchte das so nicht hinnehmen. „Es wäre das Tollste, das man machen könnte, wenn hier das Leben am Fluss auch für diejenigen Realität wird, die ein Handicap haben“, sagt er.

Christoph Heckel vom Landschaftsarchitekturbüro BGHplan, das die Umgestaltung im Auftrag der Stadt umsetzt, verspricht, sich für die Interessen des Beirats einzusetzen. Welche Maßnahmen das Gelände überhaupt zulässt, ist allerdings noch offen.

Gerd Dahm zieht ein ernüchterndes Fazit: „Generell profitieren alle Trierer von dieser Verbesserung, aber ich habe nicht das Gefühl, dass man auf unsere Belange besonders Rücksicht genommen hat“, bilanziert er und fordert ein generelles Umdenken. „Wir sind noch weit weg von einer inklusiven Denke.“ Denn das hieße, dass die Gesellschaft ein barrierefreies Umfeld ermöglichen müsse – und nicht, dass sich behinderte Menschen den Gegebenheiten anzupassen haben.