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Trier: Casino-Gesellschaft arbeitet ihre Nazi-Verangenheit auf.

Buchvorstellung : Casino-Gesellschaft Trier: Freiheit und Bürgern verpflichtet

Die Casino-Gesellschaft Trier arbeitet in ihrer neuen Festschrift zum 200-jährigen Bestehen auch die Nazizeit auf.

Das 200. Jahr ihres Bestehens feiert die Casino-Gesellschaft Trier. Unter den von Bürgern der Stadt gegründeten Vereinigungen ist sie somit die zweitälteste – nur die Gesellschaft für nützliche Forschungen hat noch sieben Jahre mehr Historie. Aus Anlass des Jubiläums hat die Casino-Gesellschaft in einer Festschrift ihre eigene Geschichte beleuchtet, die zugleich ein Spiegel der jeweiligen Zeit ist.

Die neue Chronik ist mit über 300 Seiten umfangreich ausgefallen. Ein solch intensiver Rückblick war aus Sicht des Vorstands der Casino-Gesellschaft dringend notwendig. „Die bislang letzte Chronik wurde 1955 erstellt“, verweist Rudolf Müller, verantwortlicher Redakteur der Festschrift, auf eine ausgedehnte Lücke. Als Historiker hat Müller einige Kapitel mit Nachholbedarf ausgemacht. So wurde in der 1955er-Ausgabe die damals erst kurz zurückliegende Zeit des Nationalsozialismus noch weitgehend ausgeklammert. Für den neuen Band sind hingegen zahlreiche Quellen zu diesem Teil der Casino-Geschichte ausgewertet worden.

Die totalitäre Diktatur stellte die Casino-Gesellschaft vor die Alternativen Gleichschaltung oder Auflösung. Zunächst versuchte ab 1934 der Vorsitzende Julius Wirtz einen Kurs des „Dazwischen-Navigierens“ mit einer gewissen Anpassung, allerdings ohne überschwängliche Begeisterung. Beispielsweise wurde das Casino-Gebäude am Kornmarkt durchaus für Veranstaltungen nationalsozialistischer Prägung vermietet. Und die Statuten der Gesellschaft wurden an das Führer-Prinzip angepasst.

Ab 1938 setzte das Regime eine deutlichere Linie durch und sorgte für umfassende Nazifizierung. Als „Casino-Führer“ wurde der Oberstleutnant a.D. Alfons Claessens eingesetzt. Gleichzeitig verlieh man ihm einen hohen Rang in der SS, der seinem früheren militärischen Dienstgrad während der Kaiserzeit entsprach.

Soweit bekannt, handelte es sich dabei um einen Ehrenrang, meint Michael Witzel, heutiger Vorsitzender der Casino-Gesellschaft. Aktivitäten Claessens in der Waffen-SS oder der Verwaltung von Konzentrationslagern seien keine belegt. „Es gibt aber Hinweise, dass er innerhalb der NSDAP in der Region als eine Art Gegenpol zum damaligen Kreisleiter etabliert werden sollte“, berichtet Müller.

Gegner der Gleichschaltung durch das NS-Regime distanzierten sich offenbar früh. So war zwischen 1934 und 1935 ein deutlicher Mitgliederschwund in den Casino-Reihen zu verzeichnen. Jüdische Mitglieder habe die Gesellschaft, laut vorhandener Listen, schon bei Machtantritt Hitlers keine mehr. „Die Mitglieder-Unterlagen aus dem 1920er Jahren sind leider zerstört. Wir wissen also nicht zuverlässig, wie es vorher aussah“, bedauert Müller.

Diese düsteren Zeiten machen indes nur einen Teil der 200 Jahre Geschichte aus. Die Casino-Gesellschaft von heute knüpfe an den Gründungsgeist an, meint Witzel. An eben jene Gedanken von Bürgertum und Liberalität, wie sie sich Anfang des 19. Jahrhunderts verbreiteten – in Abgrenzung zur bis dahin dominierenden Standesherrschaft durch den Adel.

Nicht selten gerieten Mitglieder der Casino-Gesellschaft in jenen Anfangsjahren in Konflikt mit der königlich-preußischen Militär­verwaltung. Der Bürgertradition, wesentliche Grundlage für unser heutiges Demokratie-Verständnis, fühle man sich weiterhin verpflichtet, sagt Witzel. Doch statt wie einst nur das vermögende Bürgertum wolle man alle einbinden. „Wir möchten uns in geselliger Kommunikation austauschen – über gesellschaftliche Grenzen hinweg – und uns in und für die Gesellschaft einbringen“, formuliert der Vorsitzende den Anspruch.

Im Blick seien dabei Themen aus Politik, Kunst und Wissenschaft. Die Festschrift gibt gleichermaßen Auskunft über das historische und das derzeitige Verständnis von Liberalität in der Casino-Gesellschaft Trier. Angesichts der aktuellen Debatten über und weltweiten Bedrohungen gegen die Freiheit, ist sie damit nicht nur für Vereinsmitglieder ein interessanter Lesebeitrag.