Trier: Gedenken an die Pogrome von 1938

Gedenken : Gedenken mit Bezug zur Gegenwart

Mit berührenden Erinnerungen an Trierer Bürger gedachte die Stadt der Novemberpogrome von 1938.

Am 80. Jahrestag der Novemberpogrome gab es auch in Trier mehrere Gedenkveranstaltungen und Kundgebungen – die laut Polizei alle ruhig und friedlich verliefen (der TV berichtete).

Die Jüdische Kultusgemeinde Trier und der Verein Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) hatten das Programm federführend organisiert und zum „Mahngangs gegen Antisemitismus und Rassismus“ aufgerufen. Mehr als 350 Menschen folgten der Route von der Porta Nigra bis zum Kaufhaus Sinn.

In Trier hatten die Pogrome in den Morgenstunden des 10. November 1938 stattgefunden. In seiner Begrüßung erinnerte Markus Pflüger (AGF) daran, dass systematische Hetze und Diffamierungen der jüdischen Minderheit durch die Nationalsozialisten vorangegangen waren. „Mit dem Novemberpogrom begann der Holocaust“, so Pflüger. Es sei der von den Nazis inszenierte Übergang von einer Politik der Aussonderung hin zu direkter Gewalt gewesen. Das Gedenken an diese Taten bleibe wichtig, weil es auch heute Bestrebungen, vor allem der Neuen Rechten gebe, gesellschaftliche Gruppen wie Geflüchtete, Juden und Muslime auszugrenzen. Dem setze man ein öffentliches Statement entgegen.

Schülerinnen und Schüler der Berufsbildenden Schule Gestaltung und Technik übernahmen dann das Mikrofon. Gemeinsam mit ihrem Lehrer Tobias Fontaine hatten sie Texte gesammelt und verfasst, die die Geschehen dieser Tage illustrierten.Die Simeonstraße und die Porta Nigra seien durch Aufmärsche und Fahnenschmuck Objekte nationalsozialistischer Machtentfaltung gewesen. Hinter der Porta Nigra habe es aber in der Nazi-Zeit einen Kiosk des Zeitungsverkäufers Anton Faldey gegeben, der zum Trierer Treffpunkt für Kommunisten im Widerstand gegen das Regime geworden sei.

Im Gasthaus Goldener Brunnen in der oberen Dietrichstraße habe der SS-Mann Ambrosius in den Morgenstunden des 10. November 1938 seine Männer mit der Parole „Antreten zum Kälbertreiben“ auf die Trierer Juden gehetzt. Aber auch Widerspruch sei in der Dietrichstraße vernehmbar gewesen: Der Pfarrer der kleinen evangelischen Bekennenden Gemeinde, die sich im Warsberger Hof versammelte, habe am Sonntag nach dem Pogrom auf der Kanzel zu Solidarität mit den verfolgten Juden aufgerufen: „Auch sie sind unsere Brüder“, sagte Klaus Lohmann damals in seiner Predigt – die ihm prompt ein Verhör durch die Gestapo einbrachte.

Letzte Station des Mahngangs war vor dem Kaufhaus Sinn. Das Textilkaufhaus war damals im Besitz der jüdischen Familie Haas. Die Nazis fotografierten schon 1933 Triererinnen, die dort einkauften und drohten ihnen mit öffentlicher Anprangerung. Die beiden damaligen Eigentümer des Kaufhauses wurden ohne Gerichtsverfahren inhaftiert, die Ehefrau des einen erhängte sich in der Folge dieser Drangsalierung.

Als positives Signal für die Verständigung der Religionen, diente den BBS-Schülern die Einlegearbeit „Engel der Kulturen“ auf der Kreuzung Fleischstraße/Fahrstraße vor dem Kaufhaus als Ausdruck der Toleranz und der gemeinsamen Wurzeln von Judentum, Christentum und Islam.

Anschließend ging es zur Stele, die auf dem kleinen Platz Ecke Metzelstraße/An der alten Synagoge an das von den Nazis geschändete und im Krieg zerstörte jüdische Bethaus erinnert.

Dort legten Oberbürgermeister Wolfram Leibe und die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde, Jeanna Bakal, Kränze nieder. Viele Blumensträuße von Privatleuten schmückten den Gedenkort. Peter Szemere verlas das jüdische Trauergebet für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Bei der städtischen Gedenkstunde in der Viehmarkttherme nannte Bakal den Mahngang ein „ergreifendes Erlebnis“ und ergänzte: „Unsere Gemeinde ist sehr gut in das städtische Leben integriert und erhält vielfältige Unterstützung.“

Für die Stadtgesellschaft sei die Erinnerung an die Ereignisse von 1938 eine Daueraufgabe. Die damals geschlagenen Wunden, so Bakal, „können auch in 80 Jahren nicht heilen.“ Wie Oberbürgermeister Leibe drückte die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde ihr Bedauern aus, „dass es immer noch nicht möglich ist, solche Gedenkveranstaltungen ohne den Schutz der Sicherheitskräfte zu veranstalten“ und dankte den Beamten für ihren Einsatz.

Leibe, der zusammen mit den anderen Stadtvorstandsmitgliedern, den Fraktionschefs und vielen weiteren Vertretern des gesellschaftlichen Lebens an der Gedenkstunde teilnahm, nannte es ermutigend, „dass wir heute eine so lebendige jüdische Gemeinde mit eigener Jugendgruppe haben“. Er kritisierte das Argument, dass die große Zeitspanne von mittlerweile 80 Jahren eine Auseinandersetzung mit dem Pogrom erschwere: „Es stimmt nicht, dass man nichts über diese Zeit erfahren kann. Viele Daten, darunter kürzlich die Akten der Frankfurter Auschwitz-Prozesse, wurden zugänglich gemacht.“

Das Gedenkprogramm endete mit einer Lesung von Ensemblemitgliedern des Trierer Theaters. Anhand von Biografien Trierer Bürger, Augenzeugenberichten sowie von Texten, die Intendant Manfred Langner und Philipp Matthias Müller aus Archivbeständen ausgewählt hatten, beschrieben die Schauspieler Marsha Zimmermann, Martin Geisen, Robin Jentys und Philipp Voigtländer was sich damals zum Beispiel in der Brot- und Neustraße abspielte. Ganz konkret wurden den Zuschauern Frauen und Männer vorgestellt, die in der NS-Zeit in Trier verfolgt, vertrieben und ermordet wurden oder die nach dem Krieg wieder zurückkehren konnten. Ergänzt wurden diese Beschreibungen durch Gedichte von Lyrikern wie Gertrud Spies aber auch durch Texte von Selma Meerbaum-Eisinger, Erich Kästner und Bertolt Brecht.

Berichte von Betroffenen, wie einem Rabbiner, sowie Antisemitismus-Forschern im heutigen Deutschland, bildeten den zweiten Teil des Abends. Die Schauspieler sprachen unter anderem Zitate von AfD-Funktionären wie Björn Höcke und Alexander Gauland. Er hatte sich 2017 für eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ ausgesprochen und damit die Erinnerungskultur in Deutschland in Frage gestellt.

Zum Schluss lasen Schüler des Leistungskurses Gemeinschaftskunde der Berufsschule Gestaltung und Technik Texte von Elise Haas. Sie hatten ein Gedicht der Trierer Jüdin ausgewählt und einen Auszug aus ihrem Brief vom Mai 1947 verlesen, der ihre Verschleppung von Trier in das Konzentrationslager Theresienstadt beschreibt. Willi Körtels hatte diesen Brief erstmals veröffentlicht.

Gedenkstunde 9. November 2018 in den Viehmarktthermen. Foto: Presseamt Trier. Foto: Presseamt Trier

 Joachim Meyer-Ullmann (Klavier), Maria Melts (Mezzosopran) und Gleb Levin (Cello) gaben der Veranstaltung einen musikalischen, bewegenden Rahmen.