Trier: Geschichte wird zum Leben erweckt in der Spielstadt an den Kaiserthermen

Spaß und Spiel : Spielstadt an den Trierer Kaiserthermen erweckt Geschichte zum Leben

In der Spielstadt an den Kaiserthermen können Kinder noch bis Freitag Trier wie zu Zeiten französischer Regentschaft um 1800 erleben und sich in damaligen Berufen ausprobieren.

In den Handwerksbetrieben der kleinen historischen Stadt herrscht bereits reger Betrieb. Auch in der Buchbinderei hat das Tagewerk begonnen. Es riecht nach Tinte, Papier und die Köpfe qualmen. Die jungen Lehrlinge schreiben hier unter der Anweisung ihrer Meisterin Elise Mohr in dänischer Kurrentschrift, und binden das Geschriebene direkt vor Ort zu Büchern.

Elise Mohr heißt außerhalb der Spielstadt allerdings anders. Die Mitarbeiter der Spielstadt nutzen historisch zeitgemäße Rollennamen, um die Kinder ins Geschehen zu ziehen. Da die Mitarbeiter der Spielstadt diese Illusion vor den Kindern nicht brechen wollten, kennt auch der TV-Reporter nur die Namen der Rollen. Ganz stolz erzählen die Lehrlinge der Buchbinderei vom Literaturwettbewerb, den sie mit ihrem Gedicht über das Leben in der Spielstadt für sich entscheiden konnten.

Elise Mohr versucht ihnen aber nicht nur das Buchbinden und Gedichte schreiben näherzubringen, sondern auch bestimmte Werte, die zur Zeit der französischen Revolution ihren Anfang nahmen. Dazu gehören auch Menschen- und Frauenrechte. Olympe de Gouges, eine französische Aufklärerin und Frauenrechtlerin, ist eine der Autorinnen, die Mohr mit ihren Lehrlingen kindgerecht besprechen möchte.

Foto: Niels Heudtlaß

Die „Spielstadt Trier um 1800“ öffnet seit dem 22. Juli jeden Montag bis Freitag von 10 bis um 16 Uhr auf der Wiese neben den Kaiserthermen ihre Pforten. Kinder und Jugendliche von 6 bis 14 Jahren lernen das Leben am Anfang des 19. Jahrhunderts im damals französischen Trier kennen.

Zu diesem Zweck werden sie Bürger in der Spielstadt und heuern als Lehrling bei einem der Handwerksbetriebe wie Buchbinderei, Korbflechter oder Apotheke an. Andere versuchen, ihr Geld im Wirtshaus, bei der Zeitung oder als Beamter in der Mairie (französisch für Rathaus) zu verdienen. Ihren Lohn können die Kinder direkt für die Produkte der anderen Handwerksbetriebe ausgeben oder sie sparen es für eine Versteigerung am Ende der Spielstadt.

Foto: Niels Heudtlaß

Nach der harten Arbeit in den vielzähligen Handwerksbetrieben zieht den hungrigen Stadtbürger der angenehme Duft nach Linsensuppe, welcher durch die ganze Spielstadt zieht, Richtung Wirtshaus. Dort sitzt der Kochlehrling Daniel (neun Jahre) mit tränenden Augen über einer angeschnittenen Zwiebel. Eigentlich wäre er lieber Schauspieler im Theater geworden, „weil es beim Zuschauen so viel Spaß gemacht hat und man da eher spielen als arbeiten kann“.

Doch im Theater war gerade keine Anstellung frei. (Die Plätze in den Betrieben der Spielstadt sind begrenzt, da ein Mitarbeiter der Spielstadt nur auf eine bestimmte Zahl Kinder gefahrlos aufpassen kann). Deshalb hat es Daniel wie viele seiner angehenden Schauspielkollegen in der heutigen Zeit, erst mal in die Gastronomie verschlagen. Das Kochen mache ihm trotz der brennenden Augen Spaß, da man von manchen Zutaten naschen könne, erklärt Daniel mit verschmitztem Lächeln.

Foto: Niels Heudtlaß

Die Chefköchin Angélique Cointreau versorgt mit Hilfe ihrer jungen Kochnovizen die ganze Stadt mit abwechslungsreichen Gerichten. Jeden Tag ein anderes; heute gebe es Linsensuppe und freitags sei Breitag beschreibt Cointreau die kulinarische Auswahl in „Trier um 1800“.

Um zu erfahren, was in der Spielstadt gerade so los ist, fragt man am besten die Nachwuchsjournalisten vom „Journal du département de la Sarre“, die in ihrer Werkstatt eine Zeitung von Grund auf bauen. Sogar das Zeitungspapier kommt aus Eigenherstellung und die Texte werden in französisch und Kurrentschrift herausgebracht.

Lazlo (18) war selbst als Kind und Jugendlicher Lehrling in der Spielstadt. Jetzt leitet er das Kaffeehaus und Casino (linkes Bild). Die Korbflechtmeisterin wartet auf ihre Lehrlinge (Mitte). Rechtes Bild: Die Chefköchin Angelique Cointreau bereitet das Essen für die jungen Lehrlinge zu. Foto: Niels Heudtlaß

Wie seine Kollegen vom Volksfreund mehr als 200 Jahre später hat das heiße Wetter den Jungredakteur Fabius die letzten Tage umgetrieben. Um seine Mitbürger vor der Hitze zu schützen, hat er Tipps zum Umgang mit den Temperaturen veröffentlicht. Sein Berufsgenosse Albrecht überlegt derweil schon, was er mit dem erarbeiteten Geld anstellen möchte. „Am besten spart man alles für die Versteigerung am Ende“, ist sein finanzieller Rat, denn da könne man die besten Sachen bekommen. Letztes Jahr habe er einen Pranger ersteigert.

In der Mairie versuchen die werdenden Beamten unter der Ägide des Präfekten Maximilier Kepler Ordnung in das rege Treiben der Spielstadt zu bringen. Auf flinken Füßen bewegt sich der Beamtenlehrling Vitus (zehn Jahre) durch „Trier um 1800“. Er soll seine Mitbürger zählen und ihre Daten aufnehmen, denn jeder Bürger der Spielstadt soll ein Ausweispapier erhalten.

Seine Kollegen im Rathaus drehen derweil fleißig an den Rädchen der Bürokratie. Sie erstellen Statistiken über Herkunft und Alter der Stadtbürger. Auch die Geschichtsschreibung hat in Form einer Stadtchronik Platz in der Mairie. Sollte es zu Streit oder Problemen in der Spielstadt kommen, sind die Rathausmitglieder erster Ansprechpartner.

Noch bis zum 9. August können Kinder an den Kaiserthermen Geschichte spielerisch erleben. Die Mitarbeiter gehen in ihrer Rolle auf und fallen nicht einmal für das Gespräch mit dem TV-Reporter aus dieser heraus. Bei der Aktion der mobilen Spielaktion können Kinder und Jugendliche mit viel Spaß Wissenswertes rund um Trier am Anfang des 19. Jahrhunderts erfahren.

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