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"Trier, ich höre deinen Herzschlag"

"Trier, ich höre deinen Herzschlag"

Kaum einer kennt die Radwege und -szene rund um Trier so gut wie Günter Steffgen: Der Ur-Kürenzer ist erster Vorsitzender des Radsportvereins Schwalbe (RV) Trier und sitzt seit seinem 13. Lebensjahr im Sattel. Warum er liebend gerne auf zwei Rädern unterwegs ist und wo er sich an Aussichten besonders erfreuen kann, davon erzählt er in unserer Serie.

Trier. "Das ist unerreichbar: 399 Mark für ein Rennrad!", dachte ich vor fünfzig Jahren, als ich mir am Schaufenster die Nase platt drückte und jedes Detail des Prachtstücks sehnsuchtsvoll studierte. Aber als 13-Jähriger ist man erfinderisch, ich griff nicht nach den Sternen, sondern nach heruntergefallenen Zitrusfrüchten. Denn beim Verladen von Bananen, Orangen und Zitronen von Hand am Güterbahnhof fielen immer Früchte herunter, was die Arbeiter mit gleichgültigem Achselzucken oder Wegschauen quittierten.
Ein paar Kumpels und ich erkannten die Chance, wir bückten uns, sammelten das Obst vom Boden auf und verkauften es. "Sauwer Sach" für einen Trierer Jungen. Daraus erwuchs ein lukratives Geschäft und genug Geld, um das erträumte Rennrad auf Raten kaufen zu können. Ich stieg um: von meinem aus Schrott selbstzusammengebauten Rad auf das funkelnagelneue Schmuckstück.
Ich war übrigens der Erste in meiner Kürenzer Klasse, der überhaupt ein Fahrrad hatte. Im Sattel zu sitzen und in die Pedale zu treten, war und ist seit dieser Zeit einer meiner Lieblingsplätze. Ich mochte es noch nie, in der Stube zu hocken, lieber auf dem Rad, denn dabei kommt man rum. Entlang der schönen Mosel und auch zur Arbeit.
Als ich mit 14 Jahren eine Lehre zum Heizungsbauer machte, war klar: Ich fahre mit dem Rennrad zu jeder Baustelle. Auch bis in den Hochwald. Ein ganzes Jahr lang radelte ich sowohl bei eisiger Kälte als auch bei sengender Hitze bergauf und bergab, von Trier nach Hermeskeil, um beim Sanieren der Heizkörper im dortigen Krankenhaus zu helfen. Am Rande: Meine Tochter baut heute auch Heizungen.
Kurze Zeit fremdgefahren


Nebenbei trainierte ich noch. Das Ergebnis: 1963 wurde ich als Schwalbe-Fahrer Vize-Rheinland-Pfalzmeister in der Jugend. Von 1986 bis 1990 war ich und seit 1997 bin ich erster Vorsitzender des RV Schwalbe Trier.
Turbulent waren die 70er-Jahre: Die Begegnung mit Manfred Kronenburg, Vorsitzender des Racing Teams Trier, ließ mich sogar kurz umschwenken: Eine Zeit lang drückte ich noch lieber das Gaspedal statt in die Fahrradpedale zu treten. Mit meinem Lloyd 600 habe ich an einem der ersten Bergrennen in Fell teilgenommen. Aber ich bin nicht lange fremdgefahren. Mit den Serienautos endete meine Motorsportlaufbahn, denn für Normalsterbliche war das Ganze nicht mehr machbar. Und meine Liebe zum Rad und später auch zum Tennis war stärker und setzte sich durch - bis heute.
Lohnender Schlenker


Momentan führt meine Lieblingsradstrecke von Trierweiler, wo ich mit meiner Freundin lebe, nach Wasserbillig bis nach Wormeldingen. Ein Schlenker wird belohnt: Eine berühmte luxemburgische Weinlage ist das Wormeldinger Koeppchen. Von dieser Kuppe mit ihrer kleinen Kapelle hat man einen wunderbaren Blick über das Moseltal.
Apropos Schlenker: Beruflich hatte ich auch eine neue Richtung eingeschlagen. Weil ich nicht die ganze Heizung im Trie rer Gefängnis ausgewechselt, sondern lediglich die recht simple Ursache behoben hatte, war der damalige Gefängnisdirektor so begeistert und meinte: "Sie könnte ich gut gebrauchen!" Ich fackelte nicht lange und schulte zum Justizvollzugsbeamten um.
Aber zurück zu schönen Aussichten: Unübertrefflich ist der Ausblick vom Berghotel Kockelsberg über meine Heimatstadt Trier. Wenn man genau lauscht, kann man dort den Herzschlag Triers hören. Ich sehe Kürenz, wo wir als Jungen rumstromerten, und ich staune nach wie vor über das einzigartige Ensemble Dom und Liebfrauenkirche.
Leider trübt meine Wut das Panorama leicht: Alt-Kürenz erstickt heute in Abgasen und Autolärm, dass es mir in der Seele wehtut. Ebenso vermisse ich immer noch ein Radwegekonzept. Trier ist von einer vernünftigen Radfahrstadt meilenweit entfernt.
Aber genug gemeckert: Meine Heimatstadt ist trotz dieser Makel liebens- und lebenswert. Und als 63-Jähriger sage ich das Gleiche wie vor einem halben Jahrhundert als 13-Jähriger stolzer Rennradbesitzer: Das Leben ist zu kurz, um nur in der Stube zu hocken. Mit dem Rad kommt man rum - es gibt in und rund um Trier viel zu entdecken.
Aufgezeichnet
von Katja Bernardy