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Trier: Kaufhof, Horten, Neckermann/Karstadt - Geschichte der Warenhäuser

Stadtgeschichte : Das Parkhaus, das zuerst ein Einkaufstempel war: Als Kaufhof, Neckermann und Horten nach Trier kamen

Die Geschichte der Trierer Warenhäuser ist kurios und spannend – nicht nur, weil vor ihrer Entstehung in den 1960er und 1970er Jahren historische Gemäuer von der Bildfläche verschwinden mussten.

Konsum statt alter Gemäuer. Es wurde nicht lange gefackelt, ehe sich die modernen Warenhäuser in der Altstadt der ältesten Stadt Deutschlands breitmachen konnten – auf Kosten von Denkmälern, die heute nicht mehr abgerissen würden. Aber vor 50, 60 Jahren – das rheinland-pfälzische Denkmalschutzgesetz ist erst 1978 in Kraft getreten – war das noch anders.

Kaufhaus Hägin in der Simeonstraße

Den Anfang machte der Kaufhof-Konzern. Er hatte 1961 das Kaufhaus Hägin übernommen, das bereits eine unheilvolle Vorgeschichte hatte. Es war, zunächst angesiedelt in der Fleischstraße am heutigen Trier-Galerie-Standort, durch „Arisierung“ und gegen den Willen der jüdischen Inhaber Kurt Frank und Hugo Schloß in den Besitz des einflussreichen Trierer Geschäftsmanns Adolf Hägin (1904-1974) gelangt. Hägin verlagerte das Kaufhaus in die Simeonstraße, wo Kaufhof als neuer Besitzer bald die Abrissbirne kreisen ließ. Dem Neubau mussten mehrere historische Gebäude weichen, darunter das als Haus Schellenberg bekannte barocke Stadtpalais. Wie ein Wunder mutet es heute an, dass die Denkmalpflege einen Kompromiss aushandeln konnte: Die auf der Mitte des Kaufhof-Areals in der Sim stehende Schellenberg-Fassade wurde abgetragen und 25 Meter weiter Richtung Porta Nigra direkt neben dem Eiscafé Calchera wieder aufgebaut und somit Teil der Neubau-Fassade.

Kaufhof-Parkhaus Trier: Erst Warenhaus, dann Garage

Das klassizistische Gebäude rechts steht da, wo es schon seit fast 200 Jahren steht. Die Fassade des barocken Hauses Schellenberg wurde Anfang der 1960er Jahre um rund 25 Meter „verrückt“. Grund war der Kaufhof-Neubau an der Stelle des Kaufhauses Hägin. Auch Nachbargebäude mussten weichen. Investor und Denkmalpflege fanden einen Kompromiss, mit dem die zumindest baugeschichtlich bedeutende Hausfront erhalten werden konnte. Sie wurde dem Kaufhaus vorgeblendet. Wer heute aus Richtung Porta kommend auf kürzestem Wege in den Kaufhof geht, durchschreitet das Schellenberg-Portal. Foto: Stadtarchiv
Das klassizistische Gebäude rechts steht da, wo es schon seit fast 200 Jahren steht. Die Fassade des barocken Hauses Schellenberg wurde Anfang der 1960er Jahre um rund 25 Meter „verrückt“. Grund war der Kaufhof-Neubau an der Stelle des Kaufhauses Hägin. Auch Nachbargebäude mussten weichen. Investor und Denkmalpflege fanden einen Kompromiss, mit dem die zumindest baugeschichtlich bedeutende Hausfront erhalten werden konnte. Sie wurde dem Kaufhaus vorgeblendet. Wer heute aus Richtung Porta kommend auf kürzestem Wege in den Kaufhof geht, durchschreitet das Schellenberg-Portal. Foto: Stadtarchiv Foto: TV/Stadtarchiv Trier

Der anfangs noch unter „Hägin“ firmierende Kaufhof machte aber nicht durch diese denkmalpflegerische Mildtätigkeit Schlagzeilen, sondern durch einen beispiellosen organisatorischen Coup. Trotz Abriss und Neubau ging der Verkauf ohne Unterbrechung weiter – im Margaretengässchen. Das dort frisch errichtete Parkhaus diente erst mal als Ausweich-Einkaufstempel und wurde erst nach der Eröffnung des Kaufhofs im Februar 1965 Großgarage (336 Stellplätze). Selbst die Tagesschau berichtete im Frühjahr 1964 vom „Ersten Warenhaus der Welt ohne Treppen!“ Eine „Barrierefreiheit“ der etwas anderen Art, denn die Kundenströme bewegten sich über die steile Spindel von Stockwerk zu Stockwerk.

Heute ist der Sim-Kaufhof nur noch Mieter im einstigen Eigentum, das samt Parkhaus seit 2016 dem Hamburger Projektentwickler Values Real Estate gehört.

Für die großen Trierer Warenhäuser wurde viel historische Bausubstanz vernichtet

 An der Ecke Sim/Moselstraße befand sich bis Anfang der 1970er Jahre ein wahres Vergnügungsdorado mit dem Café Astoria, dem Gasthaus Zur Postkutsche und den Kinos Metropol und Neues Theater und nicht zu vergessen mit dem Schieffer-Keller. Und einzig dieser mittelalterliche Gewölbekeller hat die neben dem Kaufhof-Projekt größte Abriss- und Neubauaktion in der Sim überlebt. Er wurde ins 1975 eröffnete Kaufhaus Neckermann integriert, das seit 1978 Karstadt hieß und mittlerweile geschlossen ist..
An der Ecke Sim/Moselstraße befand sich bis Anfang der 1970er Jahre ein wahres Vergnügungsdorado mit dem Café Astoria, dem Gasthaus Zur Postkutsche und den Kinos Metropol und Neues Theater und nicht zu vergessen mit dem Schieffer-Keller. Und einzig dieser mittelalterliche Gewölbekeller hat die neben dem Kaufhof-Projekt größte Abriss- und Neubauaktion in der Sim überlebt. Er wurde ins 1975 eröffnete Kaufhaus Neckermann integriert, das seit 1978 Karstadt hieß und mittlerweile geschlossen ist.. Foto: TV/Stadtarchiv Trier

So richtig schmerzhaft wurde der Verlust historischer Bausubstanz Anfang der 1970er Jahre wenige hundert Meter weiter südlich. Die Rekonstruktion der 1944 einem Bomben-Volltreffer zum Opfer gefallenen Steipe war nach zwei Jahren Bauzeit 1970 abgeschlossen, da stand in direkter Nachbarschaft schon die nächste Großbaustelle in den Startlöchern: Auch der Warenhaus-Konzern Horten wollte sich in Trier niederlassen. Und wieder mussten steinerne Zeugen der Stadtgeschichte von der Bildfläche verschwinden. Diesmal erwischte es ein im Kern mittelalterliches Stadtquartier, das ältere Trierer noch als „Feuerwache“ kennen. Ursprünglich ein Karmeliterkloster, diente ein Teil des Komplexes von 1904 bis zum Neubau der Feuerwache am St.-Barbara-Ufer tatsächlich als Domizil der Trierer Feuerwehr – einschließlich Wohnungen für Mitarbeiter und deren Familien.

Der 1973 abgeschlossene Bau des Warenhauses brachte weitere Änderungen im Quartier mit sich. So endet die Böhmerstraße, die zuvor in die Fleischstraße mündete, fortan an der Warenhaus-Rückseite als Sackgasse. Die typische Fassade aus Horten-Kacheln existiert noch heute, obwohl Horten 1994 von Kaufhof übernommen wurde.

Nach Kaufhof und Horten kam das große Neckermann-Kaufhaus

Kaufhof und Horten mit modernen Warenhäusern in Trier – da wollte auch Neckermann nicht zurückstehen und seinen zuvor eher bescheidenen Laden (Ein- und Ausgang in der Jakob- und der Dietrichstraße) ebenfalls in beste 1a-Lage bringen. Auf der Suche nach einem passenden Standort wurde Neckermann bei der Trierer Familiendynastie Schieffer fündig, der quasi das gesamte Vergnügungs-Areal an der Ecke Simeon-/Moselstraße gehörte. Es beherbergte das beliebte Café Astoria, das Gasthaus Zur Postkutsche, das Bierlokal Schieffer-Keller und die Kinos Metropol und Neues Theater (vormals Reichshallen). Der Kinostandort zählte zu den ältesten in Trier.

Der oberirdische Teil des ab 1805 entstandenen Komplexes verschwand auf Nimmerwiedersehen. Die Kaufhaus-Architekten zeigten sich damals wenig kompromissbereit. Städtische Bestrebungen, wenigstens Teile der wilhelminischen Fassade als Zeitdokument zu integrieren, verhallten ungehört. Nur noch die „Unterwelt“ zeugt von früheren Epochen. Der rund 800 Jahre alte mittelalterliche Schieffer-Keller blieb erhalten und wurde als bei Touristen und Trierern gleichmaßen beliebtes Restaurant-Café genutzt.

Josef Neckermann (1912-1992) höchstselbst eröffnete am 25. September 1975 den frisch fertiggestellten Konsumtempel-Neubau Simeonstraße 46 gleich neben dem Sim-Kaufhof. Doch am Einzelhandelshorizont wurde es da schon dunkel für sein eher im Versandgeschäft erfolgreiches Unternehmen. Ein Jahr später übernahm Karstadt das Neckermann-Haus, das noch bis 1978 unter altem Namen weitergeführt wurde.

Ironie der Geschichte: Triers jüngstes Warenhaus war das erste, das geschlossen wurde. Seit Ende Oktober 2020 ist Karstadt endgültig Geschichte. Das Synonym „Lichter ausgegangen“ verbietet sich an dieser Stelle, denn die Innenbeleuchtung des nun komplett verwaisten Gebäudes brennt trotz Energiekrise auf allen Etagen rund um die Uhr fleißig weiter.

Zukunft der Warenhäuser in Trier

Welchen Stellenwert die nun also nur noch zwei Trierer Warenhäuser in der Unternehmenszentrale in Essen genießen, zeigt sich an einem selbst für Nichtfachleute erkennbaren Detail: Es prangen immer noch die veralteten Galeria-Kaufhof-Logos an den Fassaden der beiden Kaufhöfe in der Simeon- und der Fleischstraße. Die neue Version – seit Sommer 2021 heißt der Markenname nur noch Galeria – lässt auf sich warten. Vielleicht kommt der Austausch auch nie – so wie bei Karstadt. Seit Frühjahr 2019 waren die Konzerne unter dem Dach „Galeria Kaufhof Karstadt“ vereint. Was im Falle von Karstadt an der Außenbeschilderung nie ersichtlich war. Spätestens seit der Schließung im Oktober 2020 ist klar, warum nicht.