1. Region
  2. Trier & Trierer Land

Trier nach der Amokfahrt: „Es gibt noch immer viel Redebedarf“

Nach der Amokfahrt : „Es gibt noch immer viel Redebedarf“

Eine Woche nach der Amokfahrt am 1. Dezember prägen Tausende von Kerzen das Bild in der Trierer Innenstadt. Deutlich wird, dass die Menschen mit dem Geschehenen ganz unterschiedlich umgehen.

In der Trierer Innenstadt ist es am frühen Montagnachmittag relativ ruhig. Menschen bummeln mit Einkaufstüten durch die Fußgängerzone. Ab und an hört man aus Geschäften Weihnachtsmusik und sieht Tannenbäume und Weihnachtsbeleuchtung. Für die Vorweihnachtszeit wirkt das auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich. Das sieht jedoch an vielen Orten in der Innenstadt seit vergangenem Dienstag anders aus. Dort erinnern unzählige Kerzen noch immer an den Tag, der noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Mitarbeiter in der Innenstadt „Am ersten Tag danach hatten wir geschlossen. Auch, als wir wieder geöffnet haben, war es sehr ruhig“, sagt eine Mitarbeiterin eines Modegeschäftes in der Innenstadt. Der Tag danach – ohne, dass sie genauer darauf eingehen muss, ist klar, was die Verkäuferin damit meint. Der 1. Dezember. Der Tag, an dem die Amokfahrt eines 51-Jährigen das Leben vieler verändert hat und eine Stadt in Schock und Trauer versetzt hat.

„Am Freitag und Samstag war schon etwas mehr Betrieb, aber es war generell viel ruhiger als normal“, erzählt die Verkäuferin weiter. Die Kunden hätten kaum geredet, erst recht nicht über das furchtbare Ereignis der vergangenen Woche. „Die Mitarbeiter haben schon untereinander darüber gesprochen, aber von den Kunden kam gar nichts dazu. Viele wollten sich am Anfang auch gar nicht beraten lassen.“ Sie habe das Gefühl gehabt, dass die Kunden einfach nicht das Bedürfnis hatten zu reden.

 Im Dom liegen zwei Kondolenzbücher, um den Opfern und Hinterbliebenen zu gedenken.
Im Dom liegen zwei Kondolenzbücher, um den Opfern und Hinterbliebenen zu gedenken. Foto: TV/Angelina Burch

Eine Sache ist ihr allerdings positiv im Gedächtnis geblieben: „Besonders in den Tagen unmittelbar danach kamen die Polizei und die Seelsorger öfter in die Geschäfte rein und haben mit den Mitarbeitern gesprochen. Von der Seelsorge haben wir auch Flyer bekommen.“

Eine andere Verkäuferin in einer Bäckerei hatte einen ähnlichen Eindruck. Auch dort hätten die Kunden nichts zu dem Vorfall gesagt. „Man selber spricht es nicht an, und die anderen dann auch nicht.“ Pro Tag seien es nur ein bis zwei Kunden, die darüber während ihres kurzen Einkaufs sprechen. „Ich denke, dass alle das eher im Kreis der Familie oder mit Freunden machen, und nicht mit Menschen, die sie nicht kennen.“

 Auf dem Hauptmarkt gibt es eine Anlaufstelle für Bürger, die über die Ereignisse sprechen möchten.
Auf dem Hauptmarkt gibt es eine Anlaufstelle für Bürger, die über die Ereignisse sprechen möchten. Foto: TV/Rainer Neubert

Eine Mitarbeiterin in der Innenstadt hat jedoch in den vergangenen Tagen eine andere Erfahrung gemacht: „Es gibt noch immer viel Redebedarf, auch bei den Kunden. Sie sprechen viel darüber. Egal, wo man in der Innenstadt lang geht, hört man immer wieder Menschen darüber sprechen. Ich denke mal, dass das auch noch länger so bleiben wird.“ Auch am Montag hätten noch vermehrt Menschen das Gespräch gesucht. Generell sei es schon wegen Corona ruhiger gewesen. Seit dem vergangenen Dienstag habe man nochmal verstärkt gemerkt, dass weniger Menschen in die Geschäfte kommen.

Passanten Dass es auch fast eine Woche danach noch Redebedarf gibt, merkt man bei einem Gang durch die Innenstadt. Immer wieder werden neue Kerzen angezündet. Aber auch Kerzen, die schon an den vielen Stellen standen, werden wieder entzündet. „Wenn jeder immer mal wieder eine anmacht, brennen sie abends wieder“, sagt eine Passantin, während sie mehrere Kerzen wieder zum Leuchten bringt. Damit die Kerzen wegen des Regens nicht alle erlöschen, kontrollieren Mitarbeiter des Amtes StadtRaum zweimal am Tag die Gedenkorte und zünden erloschene Kerzen wieder an.

Auf dem Hauptmarkt bleiben immer wieder Menschen stehen, schauen sich die unzähligen Kerzen an und lesen die Briefe, die dort hinterlassen wurden. Beispielsweise liegt dort ein Blatt, auf dem Menschen aus Mannheim und Heidelberg ihr Mitgefühl für die Hinterbliebenen und die Trierer aussprechen. Auf mehreren Schildern steht die Frage „Warum?“. Darauf gibt es noch immer keine Antwort.

In der Simeonstraße wurden an einer Stelle besonders viele Kerzen aufgestellt: Vor dem Kaufhaus, bei dem eine 25-jährige Studentin am vergangenen Dienstag gestorben ist. Inmitten der Kerzen stehen einige Fotos, die Freunde dort aufgestellt haben. „Da haben sich die Leuten wirklich viel Mühe gegeben, diese Stelle für ihr Andenken so zu gestalten“, sagt eine ältere Frau.

Jedoch können einige es noch immer nicht begreifen. Sie stehen sprachlos vor dem Meer aus Kerzen, schütteln den Kopf und wischen sich die Tränen weg. „Ich will gar nicht wissen, wie es den Eltern jetzt damit geht. Das ist alles unvorstellbar“, sagt eine Frau und geht.

Kondolenzbuch im Dom Eine Stelle für Menschen, die ihre Trauer in Worte fassen möchten, ist der Trierer Dom. Dort liegt ein Kondolenzbuch, in dem viel Platz ist, um den Opfern der Amokfahrt zu gedenken. Auch am Montagnachmittag suchen mehrere Menschen diese Stelle auf und halten kurz inne. Manche schreiben etwas in das Buch, andere schauen sich die Einträge an und bleiben noch eine Weile bei den angezündeten Kerzen stehen.

Die tiefe Trauer, die die Amokfahrt in Trier hinterlassen hat, ist auf vielen vollen Seiten zu lesen. Ebenso wie die Verbundenheit einiger Menschen mit der Stadt. Andere berichten von ihren Erlebnissen und sind dankbar, dass sie das Glück hatten, zu überleben.

Auch fast eine Woche nach der Amokfahrt sind die Gedanken vieler Menschen aus Trier, der Region und weit darüber hinaus bei den Opfern und ihren Angehörigen.