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Trier: Neues Beratungsangebot für Hochwasser-Opfer in Ehrang

Flutopfer-Hilfe : Mit Selbsthilfe gegen die psychischen Folgen des Hochwassers – neues Angebot in Ehrang

Hochrangige Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft kamen am Montag nach Trier-Ehrang, um den Auftakt zu einem neuartiges Beratungsangebot einzuläuten. Dabei sollen sich die Betroffenen der Hochwasserkatastrophe gegenseitig unterstützen und Kraft geben.

Feuerwehrleute stehen auf dem Dach ihres Löschfahrzeugs und retten von dort aus Menschen aus dem ersten Stock des Hauses neben der Schützenapotheke in Ehrang. Das Bild der Flutkatastrophe an der Kyll und anderen Flüssen ging im Juli 2021 um die Welt. Es landete sogar auf der Titelseite des amerikanischen „Wall Street Journal“. Jetzt, gut achteinhalb Monate später, ist von diesem Ausnahmezustand oberflächlich kaum noch etwas zu sehen. Nur der frisch verputzte erste Stock fällt an einigen Häusern ins Auge.

„Wir wissen alle, dass materielle Schäden schon schmerzhaft genug sind, aber dass da der Wiederaufbau manch eine Wunde zum Heilen bringt. Viel schlimmer ist es mit den psychischen Schäden, wo man Verlustängste, Todesängste und vieles mehr zu verarbeiten hat.“ Das sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer am Montag in Ehrang, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, die das berühmt gewordene Hochwasserfoto zeigt.

Alleine in Trier Ehrang waren etwa 4000 Menschen direkt vom Hochwasser betroffen.

Dass bei solch einer Katastrophe Traumata entstehen, dass diese Menschen Redebedarf haben, scheint unvermeidbar.

Deshalb gibt es in sieben vom Hochwasser betroffenen Gebieten nun Beratungsstellen für Menschen, die sich vorstellen können, ihre Erfahrungen in Selbsthilfegruppen zu verarbeiten, dort Unterstützung zu finden und Menschen mit ähnlichen Erlebnissen ihrerseits zu unterstützen. Dort sollen sie miteinander in Kontakt gebracht und bei der Organisation und Leitung der Gruppen von Profis unterstützt werden.

Aufgebaut hat dieses Netzwerk der Opferbeauftragte der rheinland-pfälzischen Landesregierung, Detlef Placzek, zusammen mit dem Paritätischen Rheinland-Pfalz/Saarland und der Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle Trier (SEKIS) – am Montag fiel der Startschuss.

„Es war uns schnell klar, dass die Hilfe für Betroffene mehr sein muss als ‚nur‘ der Wiederaufbau von Gebäuden und Infrastruktur“, sagt Michael Hamm, der den Paritätischen Landesverband Rheinland-Pfalz/Saarland leitet. „Die Menschen brauchen einen langfristig ausgelegten Rahmen und Unterstützung, um sich auszutauschen und das Erlebte zu verarbeiten und gemeinsam neue Kraft schöpfen zu können.“

Wie soll die neue Unterstützung in Ehrang funktionieren?

Wie die neue Hilfe für Hochwassergeschädigte ab jetzt funktionieren soll, erklärt Andreas Schleimer. Er ist der Vorsitzende von SEKIS Trier. Neben den festen Beratungsangeboten sollen vor Ort Informationsveranstaltungen stattfinden. Zusätzlich hat SEKIS angeleitete Selbsthilfeangebote organisiert, die in vier oder fünf Terminen von Psychologie-Masterstudenten der Universität Trier unterstützt werden, bis sie sich so weit gefunden haben, dass sie selbstständig funktionieren. Denn, das ist Schleimer wichtig zu betonen: „Die SEKIS ist eine Beratungs- und Unterstützungsstelle“. Das bedeutet, Selbsthilfegruppen gehören nicht zu ihr, doch sie steht ihnen bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite. Die Gruppen können selbst über Länge, Häufigkeit und Art der Treffen entscheiden.

Viele Menschen hätten bei Selbsthilfegruppen das Klischee des Stuhlkreises im Kopf, allerdings seien die Gruppen vielfältiger, erklärt Schleimer. „Manche Gruppen finden mittlerweile über Zoom und andere Konferenzportale statt, andere treffen sich zum gemeinsamen Wandern oder Spazierengehen.“

Ministerpräsidentin Dreyer dankte den Organisatoren und appellierte an die betroffenen Bürger, das Angebot wahrzunehmen: „Zur Selbsthilfe zu gehen, ist eigentlich ganz einfach. Schlicht und ergreifend, weil man Menschen trifft, die Ähnliches erlebt haben, und weil man ungemein voneinander profitieren kann“, sagte sie. In über zehn Jahren als Gesundheitsministerin habe sie gelernt, wie viel Kraft daraus gezogen werden könne.