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Trier: Persönliche Assistenz hilft Frau mit Behinderung durchs Leben

Betreuung : Arme und Beine für jemand anderen sein: So läuft die Arbeit einer persönlichen Assistentin aus Trier

Persönliche Assistenz bedeutet, 24 Stunden für körperlich beeinträchtigte Menschen da zu sein. Dass trotz mäßiger Bezahlung aus diesem Beruf eine Berufung werden kann, erzählen zwei Betroffene.

Esther Junghanns ist 48 Jahre alt und sitzt schon ihr ganzes Leben lang im Rollstuhl. Durch Sauerstoffmangel bei der Geburt kam es zu einer Cerebralparese (Tetraspastik). Sie ist fast vollständig gelähmt und benötigt selbst für die kleinsten Handgriffe Unterstützung. Ihr Geist jedoch ist hellwach und selbstbestimmtes Leben ist ihr sehr wichtig.

Vor 11 Jahren lernte sie Robert im Internet kennen, vor sechs Jahren haben sie geheiratet. Die beiden leben in Trier – doch nicht alleine. „Mich gibt es nur im Doppelpack“, habe Esther Junghanns gleich am Anfang zu Robert gesagt. Denn sie braucht Tag und Nacht eine Person, die sie unterstützt. Während für viele Menschen in ihrer Situation das Leben in Wohngruppen die einzige Möglichkeit ist,  halbwegs selbstbestimmt zu leben, bietet eine persönliche 24-Stunden-Assistenz eine ganz andere Lebensqualität.

So läuft ein Arbeitstag für die Assistenzkraft in einem Trierer Haushalt

Heute hat Sunny (Name geändert) im Haushalt des Ehepaars Dienst. Das Berufsbild beschreibt sie ganz treffend: „Ich gebe gerne Hände und Arme, aber nicht das Hirn.“ Sie arbeitet auf Anweisung von Esther Junghanns und schmeißt den Haushalt mit allem, was dazugehört. Ihr gefällt der Beruf, den sie als Quereinsteigerin ergriffen hat und der ihr eine große Flexibilität lässt. Hier wird nicht auf Pflegeminuten geachtet – alles dauert so lange, wie es eben dauert. Mit einer 24-Stunden-Schicht am Stück sind bereits drei Arbeitstage à acht Stunden abgegolten.

24-Stunden-Assistenz: ein erfüllender Beruf

„Es ist die wunderbarste Möglichkeit, seine Lebenszeit zu verbringen“, sagt Sunny und fügt hinzu: „Das Leben ist zu kurz für nur eine Fähigkeit.“ Sie findet das Ehepaar Junghanns „super sympathisch“ und sieht es als Bereicherung an, dass sie während ihrer Schicht nicht nur eine Person um sich herum hat, sondern zwei. „Es ist schwierig, die richtige Stelle  zu finden. Aber hier ist es so schön“, schwärmt sie. Dass die Chemie zwischen Assistenzgeber und Assistenznehmer stimmt und sich ein freundschaftliches Arbeitsverhältnis entwickelt, sei das Wichtigste und wohl auch das Schwierigste beim Finden der passenden Personen. Darüber sind sich Sunny und die Eheleute Junghanns einig.

Vertrauen ist wichtig, und man sei auch Seelentröster, das kommt im Gespräch zum Ausdruck. Robert Junghanns ist selbst körperbehindert – durch seine Halbseitenspastik ist er nicht in der Lage, seiner Frau die entsprechende Assistenz zu  bieten. Zudem pendelt er täglich nach Saarbrücken zu seinem Arbeitsplatz. Sunny ist nicht die einzige Person, die als Assistenz für Esther Junghanns tätig ist. Insgesamt sieben Personen arbeiten für sie in Wechselschichten. Doch der Beruf, für den man außer gesundem Menschenverstand, einer hohen sozialen Kompetenz, Empathie und körperlicher Fitness  keine fachlichen Voraussetzungen braucht, ist relativ unbekannt.

So werden persönliche Assistenzkräfte in Trier bezahlt

Zudem kommt es wegen der geringen Vergütung, die im Rahmen des Bundesteilhabegesetzes von staatlicher Seite übernommen wird (im Fall von Esther Junghanns von der Stadt Trier), zu hoher Fluktuation. In Trier beträgt die Vergütung 11,84 Euro pro Stunde, in anderen Städten liegt sie bei 15,00 Euro und mehr.

„Es gibt wenig Personen, die zu dieser Arbeit bereit sind“, sagt sie. Das könne sie aber gar nicht verstehen. „Wenn ich gehen könnte, würde ich auch gern Assistentin sein“, sagt sie aus voller Überzeugung. Auch Sunny macht es nichts aus, ihre Assistenznehmerin zu waschen, ihr auf die Toilette zu helfen, zu kochen und den Haushalt zu führen. Auch Konzertbesuche und Urlaubsfahrten gehören zur Dienstzeit.

Gibt es in Trier genug persönliche Assistenten?

Esther Junghanns bemüht sich, die Schichten für ihre Assistenten möglichst flexibel zu gestalten. Sie selbst ist als Peer-Beraterin (Beratung durch Menschen mit denselben Merkmalen bzw. in derselben Lebenssituation wie der Beratene) bei einem Sozialdienst tätig. Zu Pandemiezeiten ist sie vornehmlich im Homeoffice, ansonsten fährt sie – natürlich unter der Begleitung ihrer Assistenz – mit dem Zug nach Bonn. Eigentlich braucht sie ein rollstuhlgerechtes Auto, doch das lässt ihr Budget nicht zu. Die Lebensqualität, die Esther Junghanns durch ihre Assistenten erfährt, möchte sie nicht  mehr missen. Daher bereitet es ihr Sorge, dass es kaum Menschen gibt, die diesen Beruf ergreifen möchten. „Der Markt ist ziemlich leer gefegt“, sagt sie und würde sich wünschen, dass sich durch den Artikel im TV Menschen finden, die es sich vorstellen können, für eine Person „Arme und Beine“ zu sein.