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Trier: Stadt braucht 110.000 bis 120.000 Einwohner

Stadtentwicklung : Das tut Trier, damit es auf keinen Fall schrumpft

Schulen, Straßen, Abwassersystem: Alle Infrastruktur der Stadt ist ausgelegt auf etwa 110 000 Einwohner. Eine brandaktuelle Studie zeigt, dass diese Zahl nur zu halten ist, wenn Trier es schafft, weiter Neubürger anzuziehen.

Die einen gießen Blei, die anderen lesen Horoskope: Der Jahreswechsel ist traditionell die Zeit, um in die Zukunft zu schauen. Auch im Rathaus: Wie Trier sich entwickeln wird, dazu hat die Stadtverwaltung eine Studie erstellen lassen. Vorausgeschaut wird bis ins Jahr 2060.

Für ihre Prognosen sind die Gutachter von sieben unterschiedlichen Szenarien ausgegangen – mal von einer weiter sinkenden Geburtenzahl, mal von einer wieder steigenden Zahl von Flüchtlingen zum Beispiel (siehe Info). Basis war die Ende 2016 amtlich festgestellte Einwohnerzahl Triers von 109 712 Bürgern. Entwickelt sich die Stadt unter den für ein Wachstum hinderlichsten Faktoren, wird Trier bis zum Jahr 2060 auf 100 334 Einwohner schrumpfen. Setzt man möglichst förderliche Bedingungen voraus, könnte Trier dagegen bis dahin auf 111 061 Einwohner anwachsen.

Doch selbst wenn diese Entwicklung Wirklichkeit würde, reichte das nur knapp aus, um das Überleben der Stadt zu sichern, wie wir sie kennen, sagt Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe: „Wir brauchen langfristig mindestens 110 000 bis 120 000 Bürger. Denn auf diese Bevölkerungszahl ist unsere gesamte Infrastruktur ausgelegt.“

Dabei ginge es nicht darum, einmal geschaffene Strukturen um jeden Preis zu erhalten. Eine sinkende Einwohnerzahl einfach so hinzunehmen, sei allerdings keine Alternative. „Das würde uns alle teuer zu stehen kommen“, betont Triers Baudezernent Andreas Ludwig. Idar-Oberstein, wo Ludwig lange Zeit Bürgermeister war, sei zum Beispiel von 79 000 Einwohnern auf 29 000 Einwohner geschrumpft. „Und die Immobilienpreise gleich mit“, sagt Ludwig, „so ein Schwund macht eine Stadt kaputt“.

In Trier sei beispielsweise das Abwassersystem gebührenfinanziert. „Zurzeit werden diese Gebühren von 80 000 Bürgern gezahlt. Sinkt die Einwohnerzahl, steigen die Kosten für den Einzelnen“, sagt Ludwig. Im Bundesland Sachsen ist die Einwohnerzahl mittlerweile so stark geschrumpft, dass die Wasserleitungen völlig überdimensioniert sind und zeitweise leer laufen. „Dort kann man das Leitungswasser teilweise nicht mehr trinken“, sagt Ludwig.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie wichtig es ist, die Bevölkerungszahl zumindest konstant zu halten: „Pro Kopf geben die Trierer im Durchschnitt pro Jahr 5800 Euro im Einzelhandel aus. Sinkt die Bevölkerung auch nur um 10 000 Menschen, fehlen dem Handel 58 Millionen Euro“, sagt Professor Johannes Weinand, Leiter des städtischen Amtes für Stadtentwicklung und Statistik.

Die Studie liefere Zahlen und Erkenntnisse, an denen nun entsprechende politische Entscheidungen ausgerichtet werden können, sagt Oberbürgermeister Leibe.

Die Ergebnisse der Untersuchung im Einzelnen:

Trier: Stadt braucht 110.000 bis 120.000 Einwohner
Foto: TV/Lambrecht, Jana

Wohnen Alle sieben Szenarien – auch jenes, nachdem die Einwohnerzahl Triers auf 100 334 Einwohner sinkt – gehen davon aus, dass in den nächsten Jahren neue Wohngebiete ausgewiesen werden. „Wir sind von der Realisierung aller drei im Entwurf des Flächennutzungsplans vorgesehenen Neubaugebiete – Brubacher Hof, zwischen Euren und Zewen und im Zentenbüsch bei Trier-Ruwer – ausgegangen“, sagt Professor Weinand. Ohne diese neuen Wohngebiete würde die Bevölkerungszahl voraussichtlich viel stärker zurückgehen. „Trier braucht günstigen Wohnraum und Platz für Ein- und Zweifamilienhäuser, um neue Bewohner anzuziehen“, erklärt Oberbürgermeister Leibe. Auch neue Gewerbeflächen müssten ausgewiesen werden, um Trier attraktiv zu halten. Damit die Bevölkerung steigt, sei es neben den Neubaugebieten auch nötig, in der Innenstadt bestehende Baulücken durch neue Wohnhäuer zu schließen – insbesondere in Trier-Süd und Trier-Nord.

Geburten und Sterbefälle In Trier sterben alljährlich mehr Menschen als geboren werden: 2004 beispielsweise starben 1113 Menschen, und 861 Babys kamen auf die Welt – macht ein Minus von 252. Im Jahr 2007 lag dieses Minus bei 144, 2015 bei 104. Und 2016 wurden 1087 Babys geboren und 1142 Trierer starben, was einem Minus von „nur“ noch 55 Bürgern entspricht. Die steigende Geburtenrate hängt auch mit dem Zuwachs an Flüchtlingen zusammen, unter denen viele junge Menschen und Familien sind.

Trier: Stadt braucht 110.000 bis 120.000 Einwohner
Foto: TV/Lambrecht, Jana

Alter In allen sieben Szenarien wird deutlich, dass der Anteil älterer und hochbetagter Trierer im Vergleich zu jungen Trierern immer weiter ansteigen wird. So wird es im Jahr 2040 in der Stadt bis zu 4373 weniger Kinder und Jugendliche geben. Zum Vergleich: 2016 hatten nach einer Statistik der Stadt 10 879 Kinder und Jugendliche zwischen drei und 16 Jahren im Trierer Stadtgebiet ihr Zuhause.

Die Zahl der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 35 Jahren wird bis 2040 um 7498 bis 10 024 Menschen zurückgehen. 2016 lebten in Trier etwa 41.500 Bürger dieser Altersgruppe.

Trier: Stadt braucht 110.000 bis 120.000 Einwohner
Foto: TV/Lambrecht, Jana

Im Gegensatz steigt die Zahl der 65- bis 80-Jährigen um 2799 bis 4321 Menschen (2016: 13 402). Und es wird bis zu 1808 mehr Über-80-Jährige geben (2016: 6146). „Der Anteil der älteren Menschen wird so stark zunehmen, dass es nicht mehr genügend jüngere Menschen in der Stadt geben wird, um diese zu pflegen“, prognostiziert Ralf Ulrich, Professor für Bevölkerungsentwicklung an der Universität Bielefeld.

Migration „Ohne Zuwanderung wäre Trier bereits geschrumpft“, sagt Ulrich. Während Flüchtlinge 2015 für einen größeren Bevölkerungszuwachs sorgten, verpuffte dieser Effekt 2016 wieder, weil die Menschen zunächst ins Umfeld von Trier umgesiedelt wurden. „2017 gab’s dann wieder einen rückläufigen Trend: Viele aufs Land verwiesene Flüchtlinge zogen wieder zurück nach Trier, weil sie sich hier bessere  Chancen auf Arbeit und Ausbildung versprechen“, sagt Triers Sozialdezernentin Angelika Birk.

Laut Studie wird der Anteil von Trierern mit Migrationshintergrund – also zum Beispiel Flüchtlinge, Ausländer und Deutsche, deren Eltern Ausländer waren – bis zum Jahr 2040 auf etwa 47 000 steigen. „Langfristig wird der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Trier wie in anderen deutschen Städten wohl bei 50 Prozent liegen“, sagt Ulrich.

Schulen: Die Entwicklung der Zahl der Trierer Grundschüler von aktuell knapp 3100 betrachtet die Studie in fünf Szenarien. Drei davon sagen spätestens ab 2030 einen Rückgang voraus. Den beiden weiteren Szenarien, die einen Anstieg der Grundschüler prognostizieren, liegt die Annahme zugrunde, dass die Geburtenzahlen sehr stark steigen. „Das ist aktuell allerdings nicht absehbar und auch nicht wahrscheinlich“, sagt Professor Weinand.

Trier: Stadt braucht 110.000 bis 120.000 Einwohner
Foto: TV/Lambrecht, Jana

Bei geringer Zuwanderung, zum Beispiel durch Flüchtlinge oder Leute aus dem Umland von Trier, sinkt die Grundschülerzahl bis zum Jahr 2040 voraussichtlich auf etwa 2750. Bleibt die Zuwanderung konstant wie in den vergangenen Jahren, könnte Trier 2040 noch etwa 2850 Grundschüler haben.

Nur wenn die Zuwanderung stark steigt und damit gleichzeitig die Zahl der Geburten, könnte die Zahl auf etwa 3600 Grundschulkinder wachsen.

 So leer wie am 1. Juli 2016, als die City wegen einer Bombenentschärfung in der Neustraße geräumt werden musste (im Bild) wird es wohl auch dann nicht sein, wenn Trier deutlich schrumpft.
So leer wie am 1. Juli 2016, als die City wegen einer Bombenentschärfung in der Neustraße geräumt werden musste (im Bild) wird es wohl auch dann nicht sein, wenn Trier deutlich schrumpft. Foto: Christiane Wolff
Trier: Stadt braucht 110.000 bis 120.000 Einwohner
Foto: TV/Lambrecht, Jana

Ähnlich sieht es bei den weiterführenden Schulen in Trier aus: Auch hier sehen die drei wahrscheinlicheren Szenarien bei geringer bis mittlerer Zuwanderung sinkende Schülerzahlen voraus. Lediglich bei hoher Zuwanderung und einem deutlichen Anstieg der Geburtenzahlen könnte die Zahl der weiterführenden städtischen Schulen von derzeit gut 5900 Schülern auf bis zu etwa 6300 Schüler wachsen.