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Trier: Uni-Diskussion über Journalismus

Universität : Schrille Töne, recherchierte Fakten - 20 Jahre Studienfach Medienwissenschaft in Trier

TV-Chefredakteur Thomas Roth und weitere Gäste diskutieren zur 20-Jahr-Feier des Fachs Medienwissenschaften an der Universität Trier über öffentliche Aufmerksamkeit im Twitter-Zeitalter.

Nicht alleine die Twitter-Episoden des US-Präsidenten Donald Trump führen deutlich vor Augen, welche enorme Aufmerksamkeit soziale Medienangebote im Internet erzielen. Über die daraus folgenden Konsequenzen für journalistisches Arbeiten diskutierte eine Runde in der Promotionsaula des Trierer Priesterseminars. Die Einstiegsthese von Moderator Joachim Blum, Honorarprofessor für Medienwissenschaft: „Schriller – Schneller – Schräger?“

Es lohne auf jeden Fall genau hinzusehen, was in sozialen Netzwerken geschrieben wird, meinte Thomas Roth, Chefredakteur des Trierischen Volksfreunds. „Manche Themen, die dort öffentlich diskutiert werden, sind nicht nur gefühlt relevant, sondern tatsächlich“, begründete er. Deswegen aber gleich jedem lautstark vorgetragenen Beitrag durch weitere Berichterstattung zu folgen – das lehnten alle Diskutanten auf dem Podium ab. Gemeinsam mit Roth diskutierten Anja Weckmann (Leiterin des SWR-Studios Trier), Sven Teuber (SPD-Landtagsabgeordneter), Cristoffer Coutinho (Marktforschungsinstitut Nielsen Sports) und Anna Weilberg (Internetmagazin Femtastics). Eingeladen hatte das Fach Medienwissenschaft der Universität Trier anlässlich eines Festakts zu seinem 20-jährigen Bestehen.

Als konkretes Beispiel für die Wirkmacht der Netzöffentlichkeit brachte Moderator Blum den Trierer Bürgerentscheid zur Tankstelle „Blaue Lagune“ ins Gespräch. Habe hier nicht eine zunächst kleine Gruppe von Tankstellenbefürwortern zu viel Aufmerksamkeit erhalten? „Hätten wir als etablierte Medien anders handeln müssen? Diese selbstkritische Frage sollten wir uns grundsätzlich immer stellen. In diesem Fall finde ich aber, die Berichterstattung war angemessen“, antwortete Weckmann.

70 Prozent hatten sich beim Entscheid für die Verlängerung des städtischen Pachtvertrags mit dem Tankstellenbetreiber ausgesprochen. Allerdings nahm nur ein Viertel der Wahlberichtigten überhaupt an der Abstimmung teil. Roth merkte dazu an: „Der entscheidende Punkt ist hier doch: Wollen wir Volksentscheide grundsätzlich? Wenn ja, dann besteht eben immer die Möglichkeit, dass sich einmal eine kleine Gruppe durchsetzt.“ Verwerflich sei das keineswegs.

Die Fraktion Pro-Blaue-Lagune habe ihre Standpunkte mit emotional bewegenden Argumenten im Netz stärker präsentiert, gestand der Trierer Landtagsabgeordnete Teuber ein. Die von ihm unterstützte Gegeninitiative „Nein Tanke“ hätte die Vorzüge ihrer Idee besser aufzeigen müssen. Allerdings sehe er durchaus auch einen Anteil bei den klassischen Medien. „Auffällig häufig ist beispielsweise über die Unterschriftenliste zum Erhalt der Lagune berichtet worden“, urteilte er.

Nächster Fall: Teuber twitterte gegen eine Neuauflage der großen Koalition, während sich seine Ministerpräsidentin Malu Dreyer dafür aussprach. Sofort hätten ihn mehrere Interviewanfragen von Zeitungen und Rundfunk erreicht, die er jedoch ausschlug. „Ich wollte, dass über die Sache gesprochen wird. Nicht aber, dass ein Streit herbeigeredet wird“, erläuterte er. Weckmann konterte aus SWR-Sicht: „Nachhaken müssen wir in einem solchen Fall. Sonst werden wir schlicht unserem öffentlichen Auftrag nicht gerecht.“

Einfach ignorieren können Zeitungen und Co. die im Internet geschriebenen Meinungen nicht, darüber herrschte Einigkeit. Vielmehr müssten sie als zusätzliche Quelle beim Auswahlprozess der zu veröffentlichenden Nachrichten berücksichtigt werden.

Wie journalistische Themenfindung aus Sicht einer Regionalzeitung abläuft, schilderte TV-Chefredakteur Roth: „Die Klassiker bleiben. Wenn der Stadtrat tagt, ist im Grunde immer ein öffentlich relevantes Thema dabei. Aber natürlich schauen wir auch darauf: Wo bekomme ich viel Resonanz auf Online-Artikel oder kritische Leser-Kommentare.“ Solche Fragen würden in den Konferenzen der Redaktion besprochen.

Ähnlich skizzierte es auch Weckmann für den Rundfunk: Twitter und Facebook lesen sei unverzichtbar geworden.

Schriller Ton alleine dürfe aber für eine Meldung nicht ausreichen. Journalistische Sorgfalt erfordere stets  zu prüfen: stimmt die Sache? Und wenn ja, hat sie für die Öffentlichkeit tatsächlich Bedeutung? „Geändert hat sich heute, dass diese Entscheidungen immer schneller getroffen werden müssen“, meinte Roth. Konnte früher die Tageszeitung einen Artikel eine Woche zwecks Prüfung zurückhalten, so zwinge die Internet-Logik zum raschen Agieren. Jede Privatperson könne theoretisch schnell ihre Darstellung veröffentlichen und dann eventuell die öffentliche Meinung prägen.

Gerade deswegen unterstrich Teuber die Bedeutung journalistischer Medienarbeit: „Es ist wichtig, dass Profis die Fakten überprüfen. Sonst können sich nämlich auch schnell einmal Verschwörungstheorien durchsetzen.“