Trierer Archäologen graben in der Eifel Töpferöfen aus

Aus dem Archiv August 2017 : „Das Ruhrgebiet der Antike“ lag in Herforst

"Das Ruhrgebiet der Antike" lag im Eifelort Herforst. Da sind sich Trierer Archäologen sicher. Dabei haben sie bisher nur Scherben und drei kleine Öfen ausgegraben. Aber: Dort liegt noch viel mehr verborgen.

Eine junge Frau sitzt in einem Ofen - oder zumindest in dem, was davon übrig ist: ein gemauertes Oval. Mit einer Kelle scharrt sie im Dreck, schabt den Stein frei. Doch was ist das? Sie fegt mit einer Bürste den Staub von der Mauer. Ein Steinchen bröckelt ab. Sie nimmt ihn in die Hand, dreht ihn im Sonnenlicht und legt ihn wieder beiseite. Dann scharrt sie weiter.
Drei Wochen haben die Archäologen gebraucht, um das Loch am Waldrand in Herforst (Verbandsgemeinde Speicher) zu graben. Es ist vielleicht einen Meter tief, nur wenige Meter breit. Bald werden sie es wieder zuschütten, um die Funde nicht dem Wetter auszusetzen. Die Wissenschaftler sind bereit zum Aufbruch: Planen und Zelte liegen zum Trocknen auf dem Boden, mit Steinen beschwert. Aber sie wollen wiederkommen. Denn dort unten in der Erde - da sind sie sich sicher - liegt noch einiges verborgen.
Dass am Ortseingang des Eifel-dorfes ein römisches Töpferzentrum liegt, steht schon seit gut 150 Jahren fest. Seitdem wurde dort so manche Scherbe gefunden. Zuletzt haben Wissenschaftler in den 1970er Jahren ihre Spaten in den Sand gesteckt. Und danach offenbar die Köpfe. 40 Jahre lang hört man hier weder das Schaben einer Kelle noch das Kratzen einer Schaufel. Wie alt, wie groß, wie bedeutend die Ofenanlagen waren - all das blieb im Dunkeln des Erdreichs. Bis jetzt!
Die moderne Technik brachte den Durchbruch. Mittels eines sogenannten Geo-Radars konnten Archäologen Ende des vergangenen Jahres die Umrisse des Töpferzentrums sichtbar machen (der TV berichtete). "Das Radar funktioniert wie ein Röntgengerät", erklärt Holger Schaaf, ein Archäologe aus Mainz. Der Indiana-Jones-Hut wirft Schatten ins bärtige Gesicht, ein Ring baumelt im Ohr. "Wenn du auf Ultraschallaufnahmen was siehst, musst du auch den Körper aufschneiden."
Und gesehen hat das Grabungsteam vor allem Kreise, jede Menge Kreise. Also machten sie sich daran, den Körper von Mutter Erde aufzuschneiden. Und fanden tatsächlich Öfen, wo das Gerät nur Konturen zeigte. "Die Messungen sind fast auf den Zentimeter genau", sagt Schaaf. Er geht also davon aus, dass sich unter den anderen "Kreisen" auch antike Brennöfen befinden.
Der römische (heute würde man sagen) Industriestandort ist also wesentlich größer als angenommen. So groß, so bedeutend, dass die Kulturstätte Archäologen aus ganz Deutschland und darüber hinaus angelockt hat.
An den Ausgrabungen sind Wissenschaftler aus Trier, Mainz, Frankfurt und Wien beteiligt. "Herforst war praktisch das Ruhrgebiet der Antike", sagt Schaaf. Tausende Vasen, Schüsseln, Teller wurden hier jeden Tag gebrannt und in die ganze Region exportiert. Keramik aus Herforst findet sich überall in der Eifel, im Hunsrück und sogar im französischen Lothringen.
Die Rauchfahnen aus den meterhohen Schornsteinen müssen über Kilometer zu sehen gewesen sein. Heute erinnert hier nichts mehr an das Töpferzentrum. Der Ofen ist aus - beziehungsweise die Öfen. Die Wälder, die zur Befeuerung der Töpferstuben abgeholzt wurden, sind längst nachgewachsen. Vögel zwitschern, Blätter rauschen, Ähren wiegen sich im Wind. Nach mehr als 1000 Jahren hat sich die Natur das Gelände zurückgeholt. Wurzeln durchziehen den Boden, unter dem ein Kulturschatz seit tausenden Jahren im Dornröschenschlaf schlummert.
Einen kleinen Teil dieses Schatzes haben die Archäologen nun geborgen. Sie gruben nicht nur "ein Auto voll Keramik aus", sondern auch die Grundmauern von drei Brennöfen - ein kleiner, ein mittelgroßer und ein großer. Nur den kleinen konnten sie in den zwei Wochen freilegen. "Der Boden ist sehr hart, sagt Schaaf, "fürchterlich".
Sie fanden heraus, dass die antiken Kamine wesentlich älter sind als gedacht. Sie stammen vermutlich aus der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach Christus. Zudem haben die Wissenschaftler auch etwas über die Struktur des römischen Zentrums erfahren: Die Kamine gehörten wohl zu einem Betrieb, "ähnlich eines Bauernhofes". Und von diesen Kleinunternehmen soll es in Herforst mehr als 30 gegeben haben. Sie ruhen noch immer unter den Feldern und Wäldern am Ortseingang. Das belegen die Radaraufnahmen.
Die Wissenschaftler wollen im nächsten Schritt die Bauern und Pächter der Grundstücke um Erlaubnis bitten, dort zu baggern und zu schaufeln. Die Ausgrabung selbst ist ein Projekt, das Archäologen über Jahre beschäftigen wird. Zumindest dann, wenn die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Ausgrabung fördern will. Ein Antrag sei gestellt, sagt Schaaf, der schon wild darauf ist, hierher zurückzukehren.
Und auch ein anderer freut sich über die Funde: der Herforster Ortsbürgermeister Werner Pick. Langfristig hofft er darauf, dass das Töpferzentrum nicht nur Archäologen, sondern auch Touristen in sein Dorf locken wird.
Daran könne seine Gemeinde ja auch verdienen. Die Scherben könnten Herforst und der strukturschwachen Verbandsgemeinde Speicher also wirklich Glück bringen.
Extra: SO FUNKTIONIERT EIN ANTIKER KERAMIKOFEN

Foto: (e_eifel )
Aus dem Loch rechts haben die Wissenschaftler „ein ganzes Auto voll Scherben“ (links) geborgen. Foto: (e_eifel )


Öfen, wie die, die in Herforst ausgegraben wurden, gibt es mindestens seit dem vierten Jahrhundert vor Christus. Um sie zu befeuern, wird Holz in einem geziegelten Oval angezündet. Dabei entstehen Temperaturen von 800 bis 1000 Grad. Oberhalb dieser Feuerkammer liegt die Lochtenne. Auf dieser löchrigen Lehmschicht steht die Töpferware. So wird die Keramik nur Hitze und Rauch, aber nicht dem offenen Feuer ausgesetzt. Mit der Zeit werden so Schüsseln, Becher, Krüge und Teller gebrannt.