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Trierer Familiengeheimnis um einen Vertrag mit Karl Marx

Trierer Familiengeheimnis um einen Vertrag mit Karl Marx

Seit ihrer Kindheit spielt Karl Marx eine Rolle in Theresia Görgens Leben. Nun hat die Triererin Details zu den Verbindungen ihrer Familie zum Marx-Clan recherchiert.

Als Kind traute sich Theresia Görgen nicht, den Namen Karl Marx auszusprechen. In ihrer konservativen Familie habe der Klang etwas Gefährliches, Bedrohliches gehabt, erzählt die Triererin. Dennoch war Marx in ihrem Elternhaus präsent: Immer wieder sei von einem Vertrag ihrer Familie mit Karl Marx gesprochen worden, sagt Görgen. Der Inhalt jedoch sei gehütet worden wie ein Schatz.

Als sie etwa 15 Jahre alt war, änderte sich das Verhältnis. Heimlich las sie das kommunistische Manifest und wurde Mitglied einer linken Jugendorganisation. Heute sitzt Görgen für die Linke im Trierer Stadtrat. Mit Büste und großem Porträt ist Karl Marx omnipräsent im Fraktionsbüro der Trierer Linken.

Als sie um die Übernahme einer Patenschaft für den kürzlich gestarteten Film "Der junge Karl Marx" gebeten wurde, stimmte Görgen sofort zu - und nahm das Amt zum Anlass, dem "Familiengeheimnis" auf den Grund zu gehen. Sie ließ den Vertrag, der teilweise auf Französisch verfasst ist, übersetzen. Tagelang wälzte sie Biografien und Dokumente - ihr Küchentisch sei voll gewesen, erzählt sie. "Es war wie ein Fieber, ich wollte unbedingt mehr herausfinden."

Die Lehrerin verbindet auch jenseits des familiären Vertrags viel mit Karl Marx. "Als Gewerkschafterin sehe ich, dass es ohne Menschen, die sich einsetzen und zusammenschließen, keine Verbesserungen gibt." Daher rühre ihre Bewunderung für Marx' Schriften. Deren Inhalte seien höchst aktuell - auch wenn die Folgen der Marx'schen Lehre kritisch zu betrachten und zu diskutieren seien.

Derweil puzzelt Görgen Informationen zum Familiengeheimnis und dessen Hintergründen Teil um Teil zusammen. Ihr Ururgroßvater Jacob Johanni schloss 1853 mit der Mutter von Karl Marx, die zu dieser Zeit seine Bevollmächtigte war, einen Erbvertrag. Doch warum mussten ihre Vorfahren Zahlungen an Familie Marx leisten? Aus Erinnerungen ergaben sich für Görgen Vermutungen: In ihrer Kindheit sei der Name Marx immer in Zusammenhang mit einem Weinberg genannt worden. Ururgroßvater Johanni könnte den Weinberg gekauft haben. Die Recherche in einem Kirchenregister brachte neue Hinweise: Ihr Ururgroßvater, der den Vertrag geschlossen hatte, heiratete eine Anna-Maria Marx. Die entsprechende Seite im Vertrag fehlt, doch für Görgen liegt nahe, dass Johanni durch die Heirat eine Ablösung aus einer Erbengemeinschaft gezahlt haben könnte.

Dies alles widerlegte Görgens anfängliche Erinnerung, der Vertrag sei direkt mit Karl Marx geschlossen worden. Ihrer Interpretation nach könnte der Philosoph dennoch die treibende Kraft hinter der Idee gewesen sein, weil er zu diesem Zeitpunkt seinen Job bei einer Zeitung in London verloren habe: "Marx war chronisch blank - als Student hat er seine Mutter unter Druck gesetzt, dass er sein Erbe ausgezahlt bekommt."

Aktuell ist der Vertrag in Besitz eines Cousins von Theresia Görgen in Berlin. Für das Karl-Marx-Jahr 2018 soll er als Leihgabe bereitgestellt werden. Dann sollen Görgens Vermutungen durch weitere Forschung bestätigt oder widerlegt werden, sagt Görgen.Extra: ZUR PERSON


Theresia Görgen (60) ist Lehrerin und nach ihren Studienjahren in Aachen und Mainz immer wieder nach Trier-Pfalzel zurückgekehrt. Dort lebt sie in ihrem Elternhaus mit jahrhundertealter Tradition. Seit 2010 ist sie Mitglied der Linken und kürzlich in den Stadtrat nachgerückt. Hauptsächlich ist sie in der Gewerkschaftsarbeit tätig und arbeitet im "Studienseminar Grundschulen für Inklusion". Vor allem die Arbeit als Lehrerin in Trier-West habe sie geprägt. Sie begrüßt die Annahme der Marx-Statue: "Ich finde es wichtig, dass Tabuisierung und 200 Jahre fehlende Auseinandersetzung auf den Tisch kommen." Ein kritischer Diskurs sei das Wichtigste, deshalb bewerte sie die Debatten im Stadtrat positiv.