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Trierer Geschichten: Mundart ist hörbare Heimat

Trierer Geschichten : Mundart ist hörbare Heimat

Der TV druckt Auszüge aus dem nächsten Buch von Alt-OB Helmut Schröer: Zum Abschluss geht es um die Renaissance des Dialekts.

Heimat? Damit hatten die Deutschen vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg ein Problem. Eine stark politisierende Heimatkritik war vorherrschend. Der Grund war verständlich: „Heimat“ war vor allem durch die Nationalsozialisten ideologisch vorbelastet. Mit Heimat wurde eine stark rückwärtsgewandte Sehnsucht gleichgesetzt.

Manche öffentliche Diskussion belegt, dass die Distanz zu diesem Begriff teilweise  immer noch vorhanden ist. Eine Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zeigte aber: Die meisten Deutschen verbinden heute Positives mit  dem Wort Heimat. Es ist in den Vorstellungen der Menschen ein sehr vielfältiger Begriff: Es ist ein Erfahrungsraum, ein Lebensraum. Hier erfährt man mitmenschliche Begegnung; zunächst in der Familie, dann in der Nachbarschaft, der Schule, im Verein, in der kirchlichen Gemeinschaft, in der Gemeinde. Hinzu kommt das Kommunikationsmittel der Sprache. Sie ist nicht das einzige, aber auch ein Merkmal von Heimat.

Wer Heimat hat, der weiß, wo er hingehört. In dieser Landschaft erlebt der Mensch die mitmenschliche Begegnung. Verbindend ist in  dieser Gemeinschaft auch die Sprache, die Mundart. Wer Mundart spricht, wird in der Heimat verstanden. Sie fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Renaissance der Mundart ist deshalb nicht verwunderlich. Sie ist eine Folge der Wiederentdeckung der Heimat.

Die Trierer Mundart stand am 1. Dezember 2002 in Trier im Mittelpunkt einer Veranstaltung. Werner Becker, bekannter und beliebter Trierer Mundartdichter, feierte seinen 80. Geburtstag.

Natürlich durfte an diesem Morgen Werner Beckers Gedicht „Moddersproach“ nicht fehlen:

Noch äringst Trierer Platt ze schwätzen,

frösch von der Lewer, frank o frei,

gölt heitzedaag, su ka’ mer schätzen,

maast nömmih als der letzde Schrei.

Das Gedicht „Moddersproach“ stammte aus dem Jahre 1978. Damals, so heißt es in dem Gedicht, war Trierer Platt, also Mundart zu schwätzen, nicht mehr der letzte Schrei. Das hatte sich bis zum Jahre 2002, als man Werner Beckers Geburtstag feierte, offensichtlich geändert. Inzwischen war  Mundart in. Das galt in Trier natürlich erst recht für das Trierische (Trierer Platt), eine besondere sprachliche Färbung des Moselfränkischen. Es wurde deutlich: Die Trierer lieben ihre Sprache. Theaterstücke in Mundart sind inzwischen Selbstläufer. Mundart-Rock ist ein selbstverständlicher Bestandteil  der Karnevalsveranstaltungen geworden. Und die Hits in Mundart werden nicht nur Karneval gesungen.

„Koorscht on Kneisjen“ (von links) alias Werner Becker und Hans Kuhn wurden auch künstlerisch verewigt. Foto: privat

Die Mundart war wiederentdeckt worden. Jahrzehntelang galt der Dialekt eher als Hemmschuh für die Schulbildung. Aber der wechselnde Gebrauch der Hochsprache und Mundart ist weder kulturell noch intellektuell schädlich. Mundart hat sich inzwischen durchgesetzt.

Natürlich galt das Interesse der Besucherinnen und Besucher der Geburtstagsfeier  im Jahr 2002 allgemein der Mundart. Das Interesse galt aber besonders dem gesprochenen Wort. Mundart zu lesen, ist häufig schwierig. Werner Becker beim Mundartvortrag zu hören, war ein Erlebnis. Ein Grund war seine Liebe zu seiner Heimatstadt Trier. Sie führt zu einer hohen Identifikation mit seinen Zuhörern. Wer findet sich, wenn er Trier kennt, nicht in seinen Gedichten wieder? Er spricht den Trierern aus der Seele. Etwa, wenn er in einem Gedicht fragt: „Wat wölls’de annerswu?“

’n Trierer de verreise gieht,

schon hönner Ruwer röckwärts sieht,

o bei der Schwaacher  Audobaohn

fängt garandeert sein Haamwieh aon.

Mir sönn nunmaol en aije Bloas

on haon als Röchtschnur, Norm o Maoß

de Porta Nigra nor öm Sönn –

dat sticht ons önnerwennig drön.

Oder dann, wenn er „unseren“ Petrus und „unseren“ Georg, die beiden Trierer Brunnenheiligen, miteinander reden lässt.

Trierer Mundartdichter mit viel Humor: Werner Becker. Foto: privat

Werner Becker war ein humorvoller Mensch. Humor war bei ihm nicht irgendeine Nebensache, eine hübsche Verzierung am Rande. Ohne Humor konnte er nicht auskommen. Und er konnte diesen Humor auch vermitteln. Da gibt es in jedem seiner Gedichtbände zahlreiche Beispiele. Etwa, wenn es heißt: „Experden onner seich“. In einem Expertengespräch diskutieren die städtischen Tiefbauarbeiter mit dem „Mumiengrieweler“ von der Archäologie, der die Arbeiten kritisch begleitet:

Su wuhlt o raggert Stonn’ om Stonn’

möt Schöbb on Hack die ganz Kolonn‘.

Se sö’ scho’ baal zwai Meder dief

’t öß  kaa’ Vergniejen bei dem Mief.

O von d’r Straoß – aom Graowe – Rand –

kuggt stur o steif on unverwandt

su’en aalen Erbsenzehler zu.

Dat Leidsgeheier gött kaan Ruh:

Hä’ wär de Römer off d’r Spur

O kommandeert ön aaner Tour:

Halt – aufgepasst, da klingt es hohl.

Hier zeigt sich was Antikes wohl?

Von onnen rieft de Wuhlmann’s Steff:

Bei aller Freundschaft – heert maol, Chef:

Mir gewe ganz allmählich bies –

drom seid su gut, gieht aus de Fieß.

Besonders wurde diese Eigenart von Werner Becker deutlich, wenn er jedes Jahr mit seinem Freund Hans Kuhn als „Koorscht on Kneisjen“ in den Sitzungen der Karnevalsgesellschaft Heuschreck auftrat. Für den Trierer ist „Koorscht“ die Brotkruste und „Kneisjen“ die Kruste am Brotende. Die Trierer Mundartdichterin Cläre Prem (1899 – 1988) hatte diese beiden „Kunstfiguren“ erfunden. Sie erklärte im Trierischen Volksfreund, wie die beiden Trierer Gestalten, die zu Trierer Originalen wurden, entstanden sind:

„Es war im ersten Weltkrieg. In Trier war im Theater  gar nichts mehr los, und wir jungen Leute waren theaterbesessen. Damals war es denn auch, dass wir alle über den Hohenbilds Jäb lachen mussten. Der Jakob war ein so dürrer Langer, dessen riesig großer Mantel bis auf die Füße ging. Dementsprechend groß waren da auch die Manteltaschen. Und just in diesen Taschen sammelte er alles Essbare, vor allem den Aufschnitt vom Brot. Seine Großeltern gaben ihm immer die Kruste, und so hatte er von uns schnell den Spitznamen ‚Koorscht’. Mich nannten sie das ‚Kneisjen‘, weil ich so klein war und besser die Krumen essen konnte und das kleine ‚Kneisjen‘ am Brot.“

Das Zwiegespräch der beiden erschien erstmals am 27./28. April 1946 in der Trierischen Volkszeitung (später Trierischer Volksfreund).

Werner Becker und Hans Kuhn hatten ihre Premiere als „Koorscht on Kneisjen“ in der Heuschreck-Bütt im Jahr 1959, damals noch im ehemaligen Treveris-Saalbau. Seit diesem Zeitpunkt war dieser Programmpunkt bis 1992 der Höhepunkt des heuschrecklichen Karnevals. Es war eine besondere Ehre, von „Koorscht on Kneisjen“ in der Büttenrede genannt zu werden. Wurde man nicht erwähnt, dann musste man sich über sein gesellschaftliches Standing Sorgen machen.

Koorscht: Beguck der den Dezernent Schröer. Kneisie, eich han dr ömmer gesaot: Dä klaane Wuschelkopp öß entwicklungsbedürftig. Waaß de och, wat hän ön seinen Grundsatzverkehrungen off der Mosellandausstellung erklärt hat?

Kneisjen: Neist.

Koorscht: Awer wie en dat formuliert hat!

Wer die kleinen Gedichtbände von Werner Becker durchblättert, findet deutliche Hinweise auf eine weitere Eigenart des Trierer Mundartdichters: „Vo’ frommen Hären on arme Sünder“ oder „Glaubensfragen“, heißt es dort. Werner Becker war ein gläubiger Mensch. Handschriftlich hatte er in einem Buch die Überschrift ergänzt: „Christ sein, heißt fröhlich sein.“

Der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel lobt in seinem Buch „Dialekt – Ausdruck des Selbstbewusstseins“ den Slogan, mit dem das Land Baden-Württemberg für sich wirbt: „Wir können alles außer Hochdeutsch. Das  wirkt separatistisch, ist aber nicht so gemeint, sondern Ausdruck des Selbstwertgefühls des deutschen Südwestens.“ Mundart als Ausdruck des Selbstbewusstseins!  Man befindet sich nicht auf der Flucht in die Idylle. Sie war mal gering geachtet, war „maast nömmih als de letzde Schrei“. Das hat sich, auch in Trier, entscheidend geändert. Mundart wird heute sogar in der Werbung eingesetzt. Offensichtlich ist sie etwas Verbindendes, eine Bereicherung. Sie ist hörbare Heimat.

Oft erlebt hat man dies bei den Mundartveranstaltungen des Trierer Mundart-Grandseigneurs Werner Becker. Das waren immer Stunden der Heimatbesinnung. Für Werner Becker war der Stellenwert der Trierer Mundart klar:

Wat wär wohl schiener aonzeheeren

als Moddersproach voll Poesie?

Wenn die ons Könner maol verleeren,

dut dat ons dief öm Herze wieh.

Bedenkt, mer käm naom Enn vom Lewen

zom Petrus roff ob sein Etag’

o’ könnt kaan trierisch Antwoort gewen,

Majusebedder, die Blamag‘!

Mit der heutigen Folge endet die TV-Serie mit Auszügen aus dem dritten Band der „Trierer Geschichten“ (siehe Info). Das Kapitel zum Thema Mundart ist im Buch wesentlich ausführlicher, es erscheint hier in gekürzter Fassung.