Trierer Hersteller Westrock bietet seinen Beschäftigten etwas Ungewöhnliches

Trierer Hersteller Westrock bietet seinen Beschäftigten etwas Ungewöhnliches

Das Unternehmen Westrock in Trier gibt vielen Leiharbeitern entgegen dem Trend eine feste Anstellung. Und das nutzt nicht nur den Arbeitern.

Gewerkschafter, die solch lobende Worte für einen Arbeitgeber übrig haben, trifft man selten: Michael Holdinghausen, Landesfachbereichsleiter bei Verdi, nennt den Trierer Verpackungshersteller Westrock ein "Vorbild für viele andere Unternehmen".

Grund der Freude: Bis Juni will das Unternehmen viele seiner bisherigen Leiharbeiter fest einstellen. 70 der 200 Beschäftigten sind derzeit noch Externe. Die Zahl der Leiharbeiter soll jetzt auf 15 Prozent sinken. Dazu verpflichtet sich das Pfalzeler Unternehmen in einem kürzlich ausgehandelten Tarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi.

Jeder zweite Leiharbeiter betroffen

Rund die Hälfte der Leiharbeiter soll in den kommenden Monaten fest eingestellt werden und die damit verbundenen Vorzüge wie eine tarifliche Bezahlung, geringere Wochenarbeitszeit, Urlaubsgeld und eine betriebliche Altersvorsorge bekommen. Alles Dinge, die das Unternehmen Geld kosten und üblicherweise hart von den Gewerkschaften erkämpft werden müssen.

Das Besondere in diesem Fall: Westrock hat die Reduzierung der Leiharbeit selbst vorgeschlagen. Holdinghausen von Verdi sagt: "Ich kenne kein anderes Unternehmen, das diesen Schritt gegangen ist." Andere Arbeitgeber setzen tatsächlich immer weniger auf eigene Arbeitskräfte: Die Zahl der Leiharbeiter in Rheinland-Pfalz ist in den vergangenen zehn Jahren um ein Drittel gestiegen. Der Trierer Verpackungshersteller geht den ungewöhnlichen Weg, weil seine Führung schlechte Erfahrungen mit der Leiharbeit gemacht hat.

Kritik am bisherigen Modell

Geschäftsführer Sven Binz kritisiert den zusätzlichen Organisationsaufwand: "Egal, ob wir Schichtpläne erstellen oder die Beschäftigten schulen wollen - jegliche Kommunikation läuft über die Leiharbeitsfirma." Diese Routinen machten die ansonsten billigere Leiharbeit wieder teuer und kompliziert. Außerdem könnten sich die Leiharbeiter, die immer wieder in einem anderen Unternehmen eingesetzt werden, nicht mit dem jeweiligen Betrieb identifizieren. "Ein Beschäftigter, der sich hier zu Hause fühlt, arbeitet besser", sagt Binz. 2016 beschäftigte Westrock die meisten Leiharbeiter in der Unternehmensgeschichte. 95 von 200 Beschäftigten waren "eingekauft".

Der Deal mit der Gewerkschaft

Für Westrock gab es aber noch einen weiteren Grund, die bei den Beschäftigten unbeliebte Leiharbeit stark einzuschränken. Der im Tarifvertrag mit Verdi vereinbarte Kompromiss lautet nämlich: Das Unternehmen übernimmt viele Leiharbeiter - dafür werden alle neu Eingestellten auch nach einem neuen Tarif bezahlt. Alle bisherigen Angestellten bekommen ihren Lohn weiterhin nach dem Tarif für die Druckindustrie.

Wer neu eingestellt wird, bekommt ab sofort eine um etwa 17 Prozent schlechtere Bezahlung nach dem Tarifvertrag für die papierverarbeitende Industrie. Für die ehemaligen Leiharbeiter bedeutet das aber immer noch eine deutliche bessere Bezahlung: Je nach Qualifikation bekommen sie künftig bis zu sechs Euro mehr in der Stunde.
Info: Leiharbeit, ein umstrittenes Modell

Arbeitgeber setzen immer mehr auf Leiharbeiter. Diese müssen bei ihnen nicht dauerhaft angestellt werden. So ist das Unternehmen flexibler. Arbeitnehmer kritisieren das Modell, weil Leiharbeiter in der Regel nach einem deutlich schlechteren Leiharbeitstarif bezahlt werden als die Stammbelegschaft.
Westrock fertigt Verpackungen für Getränke und Essen. Die Mitarbeiter des in Trier-Pfalzel ansässigen Herstellers schneiden, kleben und bedrucken etwa die Pappteile, die Sixpacks der Bitburger Brauerei zusammenhalten. Bis zu einer Fusion im Juli 2016 hieß der Hersteller Mead Westvaco.

Meinung

Ein Gutes Zeichen, mehr nicht

Von Benedikt Laubert

Westrock geht einen besonderen Weg: Andere Unternehmen ersetzen immer mehr Angestellte durch Leiharbeiter - das Trierer Unternehmen kehrt diesen Prozess jetzt um. Die Geschäftsführung hat erkannt, dass das vermeintlich billige Modell der Leiharbeit nicht nur den Beschäftigten, sondern auch dem Unternehmen schaden kann. Das ist gut so. Die Euphorie darüber sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Verpackungshersteller auch nach dem Wandel mit 15 Prozent noch deutlich mehr Leiharbeiter beschäftigt als die meisten anderen Unternehmen. Der landesweite Durchschnitt liegt in den Papier- und Druckberufen bei rund vier Prozent.

b.laubert@volksfreund.de

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